AUFARBEITUNGSWERKSTATT
AUFARBEITUNGSWERKSTATT
Im Rahmen eines wissenschaftlichen Kooperationsprojektes zwischen der Universitätsklinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie Magdeburg und dem Aufarbeitungsbeauftragten in Sachsen-Anhalt, arbeiten wir gemeinsam mit den betroffenen Menschen für das konstruktive Gespräch über die Langzeitfolgen von SED-Unrecht.
Für Würde, Anerkennung und Menschlichkeit.
An der Schmerzgrenze

Kerstin Seifert
Die S.
"Jemand musste Kerstin S. verleumdet haben, denn ohne dass sie etwas Böses getan hätte, wurde sie eines Morgens verhaftet." nach Franz Kafka
Erinnerung an einen Befragungstermin beim Rat der Stadt Rostock zu meinem Ausreiseantrag 1984.
Ich gehe durch die Tür, nachdem der Mann mir befohlen hat, hineinzugehen.
Es ist ein grauer, hässlicher Raum mit demselben Linoleum. Ich muss mich an den Tisch setzen, auf der anderen Seite sitzt er, mit einem falschen Lächeln und schleimiger Sprache.
Er sieht mir nicht in die Augen.
Die Tür ist geschlossen.
Das Fenster ist auch geschlossen, durch die vom Zigarettenrauch vergilbte, geschmacklose Gardine, schimmern stumpf Gitterstäbe.
Er trägt einen grauen Polyesteranzug mit Krawatte, am Revers steckt das weiß-blau-rot-goldene Bonbon, es stinkt nach billigem Rasierwasser.
Mir ist übel.
Ich kann nicht entscheiden, wann das Gespräch zu Ende ist, ich kann nicht aufstehen.
„Gefahr!“ schreit mein inneres Ich: “Pass auf, was du sagst!“
Das Telefon klingelt, er geht ran.
Der Mann ist wichtig.
Ich bin unwichtig.
(Nur) für heute sind wir entkommen.
Mai 2023 - März 2025
Zelle 210
Ich trage mein Bündel mit Decke und Zahnputzbecher.
Die Haut brennt schuppig vom Seifenwasser.
Ein schlabbernder Trainingsanzug umhüllt mich wie eine zweite Haut aus Gleichgültigkeit,
dazu Filzpuschen, braun-beige kariert, wie meine Gedanken, die sich nicht ordnen lassen.
Im Flur tanzen Lichter, ich muss nach unten schauen. Ein Schatten – unsichtbar, doch in meinem Kopf trägt er eine Kalaschnikow.
Befehle bellen. Gehn se! Stehn se!
Zelle 210 schließt sich wie ein Maul, das Schloss aus Eisenzähnen.
Ein winziger Raum mit WC und Waschbecken. Zwei Doppelstockbetten für drei Frauen –
eine Szene, ein Bühnenbild, ein Stück ohne Himmel. Wir spielen Rollen, doch niemand applaudiert.
Die Sonne fehlt, der Staub spricht in Farben: beige, grau, vergessen.
Grün gekleidete Männer marschieren, Stiefel wie Metronome der Macht. Klack – die Klappe des Spions zuckt.
Wir singen leise, trotzig: „Schau mich bitte nicht so an, du weißt genau, ich kann dir dann nicht widerstehen.“ Ein Lied gegen den Ekel, gegen die Entwürdigung, gegen das Verstummen.
Ich bin Bett links unten, Claudi rechts oben. Marie liegt rechts unten. Ihre Hände wissen, was Heilung heißt. Sie lehrt uns Klopfen, Drücken, Ausstreichen – Berührung als Widerstand. Wir nennen es SEMA – Seelenmassage.
Und während die Spion-Klappen häufiger schlagen, schlagen unsere Herzen mit Mut.
... "es war, als sollte die Schuld sie überleben."nach Franz Kafka
An meinen Vater
mir und jetzt ohne Liebe
sage ich mich los
Du sagst ich sage
mich los von dir jetzt - Liebe
ich sage mich los
Du sagst los jetzt dir
sage ich ohne deine
Liebe bin ich gut
Ohne Liebe sagst
du dich los von mir und ich
sage mich jetzt los
26.03.2025
Die Liebe
„Ich überwinde die vernünftige Welt und werde zur Kämpferin für Liebe.“
Dieser Spruch hängt jetzt an der Pinnwand neben dem Schreibtisch. Der Plan war, dass er mich jederzeit daran erinnert, dass es a) gut ist für etwas zu kämpfen und b) Liebe die größte Macht von allen ist. Liebe, ein Gefühl? Eine hormongesteuerte Illusion meines Gehirns?
Früher glaubte ich zu wissen, was Liebe ist. Es war ein Gefühl, mit dem ich morgens aufwachte und abends wieder ins Bett ging. Liebe brachte mein Herz zum Klopfen und schnürte den Magen so fest zu, dass ich keinen Bissen mehr herunterbekam. Von Luft und Liebe leben, das war sehr klar - funktionierte.
Liebe trug mich durch dunkle Tage, Liebe half mir, nicht krank zu sein und Liebe schenkte mir selbst dann Energie, wenn die Mauern unglaublich dick waren und niemand geglaubt hätte, dass ich sie überwinde. Liebe ist wie eine Naturgewalt. Sie findet Wege und begleitete mich durch das Dickicht, ohne Licht und ohne Führung. Die Liebe ist sich selbst genug und braucht dennoch Futter. Vielleicht ist es Seelenfutter. Eine Art von geistiger Nahrung, die nur vorhanden ist, wenn die Vernunft schweigt. Liebe und Vernunft scheinen sich nicht besonders gut zu verstehen. Vernunft gibt auf, Liebe macht weiter.
Der Verlust der Liebe fühlt sich an wie ein Loch im Herzen, eine leere Stelle, die unentwegt Schmerzen in alle Teile des Körpers sendet. Ich würde mich freuen, wenn die Liebe sehen würde, wie sehr ich bereit bin, für sie zu kämpfen. Aber ich schreibe es gerade auf, vielleicht liest sie es ja.
19.02.2025
Das Gutachten
I.
Spät am Abend versuche ich so geräuschlos wie möglich wieder auf mein Zimmer zu kommen, aber die Treppe knarzt. Auf dem Flur des ersten Stockes schleicht gebückt und in Zeitlupe eine sehr alte Frau mit weißen Haaren in einem verwaschenen hellblauen Morgenmantel in Richtung Büro von „Toni.“ Ich denke an den Film Psycho, bin froh, das Zimmer dort nicht genommen zu haben. Eine unruhige Nacht beginnt und endet nach einer Mütze Schlaf. Am nächsten Morgen bietet „Toni“ mit wieselgleichen Augen sein Frühstück im Foyer der Villa an, dort, wo gestern noch der Saloon war. Im harten Morgenlicht zeigt sich die abgeblätterte Anmut vergangener Zeiten. Ungeschönt und übersichtlich das Buffet, überall kleine Zettel, ausgedruckt, laminiert und aufgeklebt: „Eigenes Brötchen schmieren 4 €“. „Kaffee im eigenen Behälter 4 €“. Am größten Tisch sitzen sechs Männer in Arbeitskleidung, ich suche mir einen freien Platz am Nebentisch, der Kloß im Hals hält sich hartnäckig, bis meine Begleitung an der Tür sichtbar ist.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
"Der Kampf gegen staatliche Institutionen und um Entschädigung ist auf die vorliegenden Persönlichkeitsmerkmale zurückzuführen, indem die Klägerin ein sehr ähnliches Verhalten bereits als junge Frau zeitlich vor den Zersetzungsmaßnahmen der Stasi und vor der Haftstrafe im Kampf gegen die Institutionen der DDR geführt hatte."
Nichts hat sich verändert. Es muss einfach an mir liegen.
Die Schuld
Auch durch meine Augen, meinen Mund und meine Ohren habt ihr euch hineingedrängt, in mein Inneres.
Dieser Stein ist gewachsen, er hat geatmet und für seine Bedürfnisse gekämpft, manchmal ist er an einem einzigen Tag um ein Vielfaches seiner Größe angeschwollen und dann wieder hat er sich wie eine glänzende Schicht aus Teer um meinen ganzen Körper gelegt, so dass ich kaum noch Luft holen konnte.
Wie werde ich den Stein jemals wieder los? Ich muss diesen Teil gebären.
Unter Schmerzen werde ich ihn hinausdrängen aus mir, durch den Weg, durch den er hineingekommen ist. Es wird furchtbar sein, ihn anzuschauen, ich werde mich schämen dafür.
Ein schreckliches Ding, gleich einem Dämon mit hässlichen Augen und Gliedmaßen, die sich zu Klauen geformt haben, er wird sich wehren, aber ich werde ihn gebären und dann werde ich ihn euch zeigen in all seiner Scheußlichkeit.
Und dann will ich, dass ihr seht, was ich geboren habe.
Jeder nimmt sich seinen Teil zurück, den er in mich hineingegeben hat und da niemand ohne Schuld ist, nimmt jeder etwas davon. Ich habe eure Last schon viel zu lange in meinem Bauch getragen.
Erst wenn der Stein unter allen aufgeteilt wurde, dann erst kann ich euch vergeben und dann bin ich frei.
02.04.2025
- Franz Kafka -
Der Schlüssel
Die Tür
Das Schlüsselloch
Das Schloss
Der Schlüssel
Schlüsselbund
Schlüsselgewalt
Tür verschließen
Tür aufschließen
Sich verschließen
Sich öffnen
Schlüsselrasseln
Schlüsselklappern
Der Beschluss
Der Entschluss
Abschließen
Wegschließen
Entschließen
Beschließen
Ein Schloss aufbrechen
Geheimpolizei
Abgeholt werden
Eindringen
Autoschlüssel
Schließgewalt
Fremdbestimmung
Angst im abgeschlossenen Raum
Fluchtgedanken
Entblößung
Entwürdigung
Hilflosigkeit
Schlüsselerlebnisse
Schluss machen wollen
Den Schlüssel wieder bekommen Schloss austauschen
Sich öffnen
Abschließen mit der Vergangenheit
Die Tür selbst aufschließen
Nicht alleine durch die Tür gehen
Schlüssel ausprobieren
Macht des Schlüssels fühlen
Schlüssel nachmachen
Schließgewalt haben
Beschluss fassen
Türen offen lassen
Mauern einreißen
Schlusspunkt
Ein Tabu
Ich finde die Annahme, dass schwer traumatisierte Menschen nicht über ihre Vergangenheit sprechen können und nur Menschen ohne Traumafolgestörung als Zeitzeugen berichten können, falsch.
Ich glaube, das „sich trauen“ und wieder vertrauen in die Zuhörer oder Leser zu fassen, kann ein großer Schritt zur Heilung sein. Indem ich mich meiner eigenen Geschichte zuwende, kann ich endlich die Gefühle fühlen, die bis dahin keinen Platz hatten. Es ist ein Meer von großer Traurigkeit, in dem ich dann umherschiffe, aber ist wenigstens so was wie Leben.
Ich fühle mich lebendig, wenn ich erzähle und damit alte Tabus durchbreche. Was für Tabus sind das? Es sind Scham und Schuld, denn bisher war ich mir sicher, dass ich bei allem was passiert ist, eine Mitschuld trage. Ich war mir auch sicher, dass immer ich gemeint war und nur ich.
Vielleicht hätte ich mich mehr wehren müssen? Es fällt mir immer noch schwer, meine eigene Vergangenheit mit einem Gefühl von Gerechtigkeit oder einer klaren Haltung zu meiner Unschuld zu betrachten.
Ich fühle mich lebendig, wenn ich schreibe29.05.2024
eine Lebensblockade
oder nur die Angst?
T.
Juni 2025
„Stehn se!“ „Gehn se!“ „Bleim se!“
210 war in meiner Erinnerung größer. Warum war alles größer?
Der Vernehmer – ein Riese, ein Architekt meiner Ohnmacht. Er bestimmte, wann ich aß, wann ich sprach, wann ich saß, wann ich schwieg.
1000 Stufen führen hinab. Gebohnert, glänzend, wie marmoriertes Leid in Grautönen. Es sind die Stufen zum Schafott, zu den Räumen der Vernehmung, wo Worte zu Waffen wurden.
Die Allmacht des Staates entlädt sich satanisch im nächtlichen Menü: Spitzel-Schnitzel mit grünen Erbsen. So schmeckt Versagen.
Zuckerbrot und Peitsche, Kaffee, Zigaretten, Wut.
Vernehmer – dein Name ist mir entfallen. Er war sowieso nicht echt.
Ich vergebe dir. Denn du wirst die Scham von vielen tragen. Ich trage nur meine.
Doppelt verriegelt – innen wie außen. So bin ich. So bleibe ich.
Bonn, 11.09.2025
Der Entschluss
Die Straßen
Wenn ich ein Vogel wäre, sähen die Straßen für mich wie Flüsse aus. Verzweigt und Ufer bildend, durch Bordsteine und angrenzende Häuser geleitet, ziehen sie sich wie Adern durch die Stadt. Auf diesen Adern der Versorgung eilen Fahrzeuge und Menschen von einem Standort zum nächsten.
An heißen Tagen riecht es schwarz, nach Teer und Bitumen, hingegen feucht und schwitzig nach einem Regenschauer. Kleine Risse, die sich geduldig erweitern, durch die Macht des gefrierenden Wassers und der glühenden Hitze – sie werden in Monaten und Jahren zu Spalten in der anfänglich makellosen Oberfläche des geronnenen Asphalts.
Wie zum Trotz: ein Kosmos von Lebendigkeit in den unscheinbaren Spalten und Rissen, empfindsames Grün, Insekten und mutige kleine Blüten halten stand, kämpfen um das Überleben ihrer Art. Genauso wie wir.
Wir kämpfen und wie in der Tierwelt gewinnt in der Menschenwelt der Stärkere gegen den Schwächeren.
Wenn ich ein Vogel wäre, dann würde ich zurück in die Natur fliegen, in die vom Menschen unverletzte Schöpfung.
März 2025
Der Traum
Gestern Nacht erschien mir im Traum meine Seele.
Ich wusste sofort, als ich sie sah, dass sie meine ist.
Sie lag wie ein zusammengekrümmter Engerling auf dem Boden vor mir, kalt, aber noch leicht atmend. Ihr Körper war von Staub bedeckt, sie hatte sich eine winzige steinige Höhle in das Erdreich gegraben.
In diesem Moment, als ich sie zum ersten Mal erblickte, wurde mir klar, dass ich schon viele Male achtlos an ihr vorübergegangen war, in meinen Nächten. Mit jedem Schritt, den ich über den Boden meiner Traumwelt ging, hatte ich sie mehr in ihre Zurückgezogenheit gestampft. Mit genagelten Armeestiefeln, achtlos und nicht empfänglich für das kleine graue Würmchen unter meinen Sohlen.
Ich beugte mich nach unten und streichelte zart, nur mit den Fingerkuppen, die farblose Haut - keine Reaktion. Wie eine leise Ahnung entstand ein Bild der Hoffnung in meinem Kopf, noch lebte diese meine Seele, noch war nicht alles verloren.
Daraufhin suchte ich mir einen kleinen Karton, den ich mit frischen Tüchern und weicher Watte auspolsterte. Ich hob den staubigen und starren Wurm in das Innere dieses Asyls. Ein schwaches, pulsierendes Leuchten kam aus dem Inneren meiner Seele, so wie eine Sternschnuppe. Wenn man nicht im richtigen Augenblick hinsieht, nimmt man nichts wahr. Das also war meine Seele, ein verglühendes Teilchen eines gestorbenen Meteoroids, vergänglich, selten und nicht für jeden sichtbar. Offensichtlich nicht einmal für mich. Aber jetzt war ich da, eine Erwachsene, eine Person mit Verantwortung. „Wenn man will, dass Veränderung geschieht, muss man es schon selbst in die Hand nehmen“ sprach ich laut zu mir.
So begann das Projekt Seelenheilung. Es dauerte eine ganze Traumnacht.
Ich hielt sie in meinen Händen, trocknete unserer beider Tränen, war da. Ich hielt den Schmerz aus, der uns vor Jahren auseinander gebracht hatte. Eine unscheinbare Veränderung, so langsam wie eine Gletschermaus sich auf dem Eis voran bewegt, fand statt. Sie wuchs, sie strahlte wie ein geschliffener Edelstein, in sachtem Blau und Flieder und ganz nebenbei begradigte sich ihre verkrümmte Wirbelsäule. Aus dem bedauernswerten Würmchen war eine beeindruckende Gestalt erwachsen.
Eine Göttin war geboren. Sie war perfekt. Sie wusste alles, um auf diesem Planeten zu überleben und auch alles, um ihn zu einem besseren Ort zu machen.
Im Morgengrauen verabschiedete ich mich von ihr in der Gewissheit, dass wir uns wiedersehen würden. Eines Tages oder eines Nachts. Nie vergesse ich ihre letzten Worte an mich: „Ich bin da, auch wenn Du mich nicht sehen kannst.“
Beim Erwachen nahm ich mit halb geschlossenen Lidern am Rande meines Sehuniversums einen flimmernden Punkt wahr, der sich nach oben rechts entfernte, dann war wieder alles grau.
Mai 2025
Leg' deine Scham ab wie eine alte Decke – du brauchst sie nicht mehr
Zersetzung
Die F.
"Jemand musste Antje F. verleumdet haben, denn ohne dass sie etwas Böses getan hätte, wurde sie eines Morgens verhört."nach Franz Kafka
Normannenstraße
GEFAHR UND ANGST AUS DEM NICHTS.
ZUKUNFT IST ZERSTÖRT.
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Normannenstraße – Ecke Ruschestraße.
Draußen. Kameras.
Im Vorraum eine verspiegelte Scheibe mit einer kleinen Öffnung.
„Ausweis!“ Ich lege ihn in die Öffnung. Eine Hand reißt mir meinen Personalausweis aus der Hand.
Ich frage, warum ich hier bin und wie lange es dauern wird.
„Dazu machen wir keine Angaben. Klärung eines Sachverhalts.“
Ich kann nicht erkennen, wer mit mir spricht. Ich höre nur die barsche, unfreundliche Stimme. Ich glaube, die Stimme klingt jung – vielleicht ein bisschen älter als meine?
Mein Mann legt auch seinen Ausweis in die vorgesehene Luke.
„Sie nicht! Verlassen Sie sofort das Gelände.“
Mir wird ein wenig schlecht. Was haben die mit mir vor?
Island in the sun
Hier in den Außenbezirken nahe des Flughafens, hatten sich die Diplomaten und Expats aus China, der Sowjetunion, der DDR und anderen „befreundeten“ Ländern herrschaftlich eingerichtet. Häuser mit tollen Gärten, Sicherheitspersonal und Hausangestellten. Aus heutiger Sicht und im Spiegel des früheren Kolonialismus alles sehr zweifelhaft.
Damals als kleines Mädchen fand ich es paradiesisch. Ich liebte unsere Haustiere, die nach und nach zu uns zogen – ganz besonders die kleine graue Katze Aisha und das Äffchen Mäxchen. Und die putzigen Hasen, die ich von Juri als Geschenk bekam. Ich liebte noch viel mehr meinen Mohamed, der für uns kochte, den Haushalt führte und mich großzog. Meine Eltern gingen derweil ihren beruflichen Verpflichtungen nach. Mit einer unendlichen Geduld wachte er über mich, damit mir nichts passiert. Ich war ein kleiner Wildfang und kam auf so manche kuriose Idee, deren Folgen Mohamed versuchte zu verbergen, bevor meine Eltern nach Hause kamen. Er war mein ein und alles – und ich wohl auch seins.
An den Wochenenden waren wir Teil der Botschafts-„Familie“. Es wurden gemeinsam Ausflüge gemacht. Ich lernte schon sehr früh schwimmen – im Indischen Ozean. Darauf war ich unglaublich stolz. Und wir verabredeten uns zum Picknick in Mangapwani, Uroa und Paje. Die Insel gehörte damals uns. Es gab keine Touristen – und die Einheimischen benötigten Passierscheine, wenn sie an die Küste fahren wollten. Man hatte wohl Angst, dass die Menschen sich Richtung Festland absetzen.
Die Armut war unglaublich groß. Grundnahrungsmittel wurden per Lebensmittelmarken ausgegeben. Die Menschen standen dafür Schlange. Aber viel schlimmer waren die politischen Repressalien. Von alldem bekam ich in meiner behüteten Welt nichts mit.
Not a paradise at all
In Sansibar unterstützte die DDR und das MfS unter anderem den Marinestützpunkt, den Grenzschutz und beteiligte sich an der Schulung von Verhörmethoden, die an politischen Häftlingen vollstreckt wurden. Ein Stasi-Apparat wurde auf der ostafrikanischen Insel etabliert. Die Methoden der Bespitzelung, Denunzierung und Strafverfolgung ähnelten sich stark und waren deckungsgleich zu denen in der DDR – „Völkerfreundschaft“ der besonderen Art.
AbschreckungBedeutung des Marschliedes, das zur Abschreckung der Bevölkerung durch das Militär in den 70er-Jahren in den Straßen Sansibars gesungen wurde
THE CHILDREN OF THE SNAKE WILL BE SNAKES
SO CUT THEIR HEADS AND CUT THEIR HEADS,
KILL THEM AND KILL THEM AND KILL THEM.
Brieflein, Brieflein du wirst wandern ...
Jeden Tag führte mich mein Weg zum Postamt in der Shangani Street im Herzen von Stonetown. Die Post für das Konsulat der DDR wurde dort abgeholt. Ich konnte es kaum erwarten, aus dem großen, behäbigen Wolga zu hüpfen und zu den grünen, eisernen Postboxen zu laufen. Jede Postbox hatte ein kleines Fenster aus Glas. Wenn man da durchschaute, konnte man sehen, ob Briefe in der Box lagen. Der Blick durch dieses unscheinbare Fenster war mein Blick nach Hause zu meinen Lieblingsmenschen. Hatten sie mir geschrieben? Hatten sie an mich gedacht und vielleicht sogar eine hübsche Briefmarke auf den Brief geklebt? Wie groß war die Freude, wenn ein Brief für mich dabei war. Und wie traurig waren die Tage, an denen für mich die Postbox leer war.
Noch heute komme ich bei jedem Aufenthalt auf Sansibar zu diesen Postboxen. Sie haben sich nicht verändert, haben all die Jahrzehnte überdauert. Noch heute kann man durch die kleinen Glasfenster in die Boxen schauen. Doch da ist jetzt kein Brief mehr für mich. Aber das Glück von damals kann ich noch mit Händen und meinem Herzen greifen. Deshalb komme ich jedes Mal zurück!
... von dem einen Ort zum anderen
In Sansibar wurde es so gemacht, dass Briefe von Verdächtigen im Postamt beschlagnahmt und kopiert wurden. Ein Mitarbeiter der sansibarischen Stasi kam dafür mit einem Motorrad - gespendet von der DDR (Vergleichsmodell siehe Bild) - dafür täglich zum Postamt in der Shangani Street. Nach der Kopie wurde der Brief dann in die P.O. Box gelegt und zugestellt.
Bei späteren Verhören wurden die Kopien den Beschuldigten vorgelegt und sie damit unter Druck gesetzt.
Die Postboxen gibt es heute noch unverändert in Stonetown.
Die Rückkehr
beendet. Er arbeitete dort im diplomatischen Dienst im Konsulat der DDR. Meine Mutter und ich begleiteten ihn.
Ich war knapp sechs Jahre alt und wurde nach unserer Rückkehr in den Mitarbeiter-Kindergarten des MfAA (Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten) in Berlin-Karlshorst eingegliedert.
Meine kleine Welt stand mit einem Mal still!
Wo war mein "Kindermädchen" Mohamed, der mich bisher so liebevoll
großgezogen hatte? Wo war das freie Spielen in unserem wunderschönen Garten in Mazizini vor den Toren der Altstadt von Sansibar – mit dem blauen Himmel, der Sonne und den wunderschönen Blumen? Und wo waren die Ausflüge nach Changu Island und das azurblaue Meer?
Ich vermisste mein Lieblingsgericht „Kuku waku paka“, die exotischen Gerüche nach Nelken, Koriander und Zimt vom Darajani Markt, das bunte Treiben und die fröhlichen Menschen in Stonetown.
Und ich vermisste meine Haustiere – das Äffchen Mäxchen und die kleine, graue Katze Aisha.
Stattdessen erwartete mich nun täglich die uniformierte und strenge Führung
meiner Kindergärtnerin Frau B. mit ihren langen schwarzen Haaren und den rot lackierten Fingernägeln. Für mich sah sie aus wie ein böses Schneewittchen aus dem Märchenbuch.
Ich sollte mich unterordnen, gleichgeschaltet werden, mich einfügen in den grauen Kindergartenalltag. Man fand mich schwierig. Schwierig, weil ich ein kleiner, fröhlicher Freigeist war.
Ich wollte meine Lieder singen und nicht das „Lied des Monats“. Ich wollte meine Spiele spielen, die ich aus Sansibar kannte und nicht das, was uns vorgegeben wurde. Und ich wollte auch nicht bei Wind und Wetter auf den schrecklichen Spielplatz.
Alles, aber auch alles sträubte sich in mir. Ich hatte solche Wut auf meine Eltern, auf den furchtbaren Kindergarten, auf dieses graue, kalte, wolkenverhangene Ostberlin.
Tägliche Strafen waren die Antwort auf meine Eigenwilligkeit und meine
Selbstbehauptung.
Fast jeden Nachmittag musste ich „Nachliegen“. Wenn alle Kinder schon spielten, lag ich immer noch auf meiner Pritsche und wartete, dass endlich der Tag zu Ende ging und ich nach Hause durfte. An diesen Tagen bekam ich auch keinen Nachmittags-Kakao. Und alle Kinder sahen, dass ich wieder etwas falsch gemacht hatte.
Neue Männer braucht das Land
Neue Männer braucht das Land
[Ina Deter Band]
Mit Glitzersteinen stand dieser Text 1988 auf meiner ersten Jeansjacke, die ich mir im Intershop mit Westmark gekauft hatte.
Das reichte aus, um rund um den Alexanderplatz in unzählige Polizeikontrollen zu kommen.
„Bürgerin, was meinen Sie mit diesem Spruch? Sie provozieren. Ist Ihnen das klar? Entfernen Sie sofort diesen Mist.“
So oder ähnlich wurde ich aufgefordert, den Schriftzug auf meiner Jacke zu entfernen. Was im Westen ein harmloses Lied war, war im Osten politische Provokation. Gefährlich und mutig zugleich, den Spruch nicht zu entfernen!
Ich bin später mit der Jeansjacke im Gepäck in den Westen ausgereist!
... und raus bist du ...
Prag im Juni
MIT TRÄUMEN UND ZUVERSICHT
WIR SIND JUNG UND FREI
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Es ist Juni. Der Sommer probiert sich gerade aus und steht in voller Blüte…
Das Wetter – schön und angenehm warm. Keine Wolke zieht am Himmel. Ich wundere mich.
Ich laufe barfüßig über einen flauschigen Teppich aus Gras und Sommerblumen. Es fühlt sich ungewöhnlich schön an.
Ich sinke ein, leicht, unbeschwert, fröhlich. Ich schwebe fast ein wenig.
Alle Alltagssorgen sind weit weg.
Es bleibt eine Ahnung - wie durch einen Nebel aus Sonnenstrahlen.
Wunderbar. Wie alles glitzert und funkelt.
Es riecht nach Sommer. Das Gras duftet wunderbar – ich laufe, springe, schwebe, fliege.
Wie schön doch das Leben sein kann.
Alles oder vieles liegt noch vor mir.
Bin ich glücklich? Ja. Nein. Vielleicht. Ich weiß es nicht genau. Wer weiß es denn schon wirklich? So ganz richtig?
Ich bin voller Hoffnungen. Ich bin so bereit, ich möchte mein Leben leben und glücklich sein.
Trotzdem.
Ich, wir werden es schaffen. Wir sind doch noch so jung. Keiner kann uns aufhalten – wenn wir nur richtig wollen.
Wie wunderschön diese Wiese ist. Wie weich der Boden. Man hört keine Schritte – nur das Zirpen der Zikaden, das Rufen des Uhus und das Singen der Vögel -
und weit weg das energische Hämmern eines Spechtes. Ich darf nicht vergessen auf mein Portemonnaie zu klopfen – das bringt Glück.
Sommer. Und ich bin 20.
Normannenstraße
VERLASSEN!
ALLEIN GELASSEN.
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Es ist der 3. August 1989. Ich wurde in die Normannenstraße in Berlin einbestellt – zur „Klärung eines Sachverhalts“ in die Zentrale der Staatssicherheit.
Zwei Offiziere verhören mich abwechselnd. Was und wieviel habe ich von der Flucht meines Vaters aus der DDR gewusst. War ich beteiligt an der Vorbereitung?
„Wir werden Ihren Vater finden – egal wo er untergetaucht ist. Das wird er nicht überleben.“ Die Stasi stellte unmissverständlich klar, was ihr Plan war.
Wo war mein Vater, und warum war er ohne mich weggegangen?
An diesem Tag wurde ich zu einem OV – einem operativen Vorgang der Staatssicherheit der DDR. In diesem bürokratischen Vorgang wurde festgelegt, wie die „Zielperson“ – also ich – psychologisch in Zukunft „zersetzt“ werden sollte.
In den nächsten Wochen bekam ich die Maßnahmen mehr als deutlich zu spüren: Hausdurchsuchungen in Abwesenheit, Überwachung unserer Wohnung durch Stasi-Mitarbeiter, regelmäßige Verhöre, Entzug meines berufsbegleitenden Studienplatzes und schließlich der Verlust meiner Arbeit – die fristlose Kündigung aufgebaut auf einer Lüge. Sie zerstörten in wenigen Wochen alles, was ich mir bis dahin aufgebaut hatte.
Und noch viel schlimmer – ohne Arbeit konnte jetzt der § 249 des Strafgesetzbuches der DDR zur Anwendung kommen. Ohne Arbeitsplatz galt ich von nun an als asozial und konnte verhaftet und weggesperrt werden.
Mein Leben hatte gerade erst begonnen, aber meine Zukunft war von jetzt auf gleich durch die Flucht meines Vaters zerstört.
Ich stellte umgehend die offizielle Ausreise aus dem Staat, der mich stellvertretend für meinen Vater nicht mehr wollte. Wie lange es dauern würde bis zur Genehmigung war zu dem Zeitpunkt unklar. Keiner wusste, dass die DDR in wenigen Monaten der Vergangenheit angehören würde.
Außenansicht
Der Anblick gehörte genauso dazu wie die maroden Häuserfassaden in den Straßen auf dem Kaßberg. Genauso wie die Bushaltestelle Weststraße/Ecke Barbarossastraße an der ich täglich ins BKH fuhr, die Kneipe "Blaue Maus", in der wir unsere Hochzeit feierten und der Gerhart-Hauptmann-Platz.
Das Gefängnis war doch schon immer da. Schon bevor es uns auf dem Kaßberg gab.
Das Gefängnis gehörte zum grauen Alltag. Wir machten uns wenig Gedanken darüber, wer dort inhaftiert war und warum.
Wir hatten mit uns selber zu tun. Wir waren jung. Wir waren nicht einverstanden mit dem Staat, der uns gefühlt die Luft zum atmen nahm und Zukunftspläne ad absurdum führte. So lebten wir von Tag zu Tag und hofften.
Ich war 19 Jahre alt, als ich auf die Weststraße zog. In eine sogenannte Ausbauwohnung - runtergekommen und feucht dazu. Wir richteten die Wohnung her. In Eigenleistung mit Freunden. Das war unser Rückzugsort - dachten wir zumindest und wurden später, als wir ins Visier der Stasi gerieten, eines Besseren belehrt.
Alle unsere Freunde wohnten auf dem Kaßberg. Die meisten waren dort geboren, groß geworden und zur Schule gegangen. Nur ich war aus Berlin zugezogen - der Liebe wegen.
Wir alle waren mit dem Gefängnis irgendwie vertraut. Aber keiner stellte Fragen. Wir redeten nicht darüber.
Der eine oder andere von uns dachte sich sicher seinen Teil. Es gab da ja diese Gerüchte, dass nachts Busse vom Gefängnis aus in die BRD abfahren und es wohl um Freikäufe von "Politischen" geht.
"Politische!" Wir wussten, dass das die schlimmsten Verbrecher in den Augen des Staates waren. Wir waren ja auch irgendwie so und wollten weg. Aber wussten nicht wie! Und oh Gott, wenn wir dann auch inhaftiert werden. Das wäre das Ende. Wir wussten, nicht alle werden freigekauft. Die anderen "sitzen" lange und bekommen danach keinen Fuß mehr an die graue DDR-Wirklichkeit.
Besser man denkt nicht zu konkret darüber nach.
Wir wohnten in unmittelbarer Nähe. Wir passierten die Gefängnismauer tagsüber, wenn wir Einkäufe erledigten oder Freunde besuchten.
Und wir mussten auch nachts daran vorbei, wenn wir vom Tanz aus der Stadt kamen und den letzten Bus verpasst hatten. Dann blieb nur der Fußweg die Kaßbergauffahrt rauf
und dann nach Hause.
Manches Mal blieben wir an der
Gefängnismauer stehen. Der Fußweg führte ja daran vorbei. Wir unterhielten uns oder rauchten die letzte Zigarette zusammen. Dann hörten wir die Hunde hinter der Mauer wütend anschlagen und die Schritte der Posten.
"Bürger weitergehen. Stehenbleiben verboten!"
Das ging dann durch Mark und Bein und wir trollten uns schnell nach Hause.
Erinnerung einer Schwester
Und da war Schwester Ines. Alleinstehend und hinter jedem neuen Assistenzarzt her. Launisch und mit hartem Regime führte sie die Schicht. Es war kein „Zuckerschlecken“, wenn man in ihrer Schicht eingeteilt war. Aber gut stellen wollte man sich schon mit ihr. In fast jedem „Frei“ fuhr sie nach Budapest zu ihrem ungarischen Freund und kam bepackt mit Jeansjacken, Hosen und Uhren zurück. An manchen Tagen meinte man, unsere Station sei ein fliegender Markt. Selbst die Patienten durften zugreifen, wenn sie in der Gunst von Schwester Ines standen.
Einer unserer Oberärzte war aus Chile geflüchtet. Er war vor der Militärdiktatur und vor Augusto Pinochet geflohen, der nach dem Sturz von Salvador Allende im September 1973 an die Macht kam. Immer wieder operierten Ärzte unserer Station verletzte Folteropfer, die die Flucht aus Chile geschafft hatten. Sie waren meist so traumatisiert, dass sie in einem Einzelzimmer abgeschottet, von der Allgemeinheit von uns gepflegt wurden.
break free
Mittlerweile arbeitete ich in einem Baustofflager in Chemnitz als Disponentin. Mit der Flucht meines Vaters aus der DDR verlor ich meine Arbeit und die Aussicht auf ein berufsbegleitendes Studium. Im Sommer 1989 blieb nur noch die „Flucht“ nach vorne. Ich stellte mit meinem damaligen Mann einen offiziellen Antrag auf Ausreise in die BRD. Eine Zukunft und ein Weiterleben in der DDR war für mich unmöglich geworden. Einer nach dem anderen unserer Freunde verließ Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) – über Ungarn, Prag oder genehmigte Ausreiseanträge. Mitte Oktober erhielten wir wider Erwarten auch den Ausreisebescheid.
Es rumorte zu dem Zeitpunkt schon sehr, doch keiner wusste, wohin sich das Blatt wenden wird. Wir verkauften das meiste von unserem wenigen Hab und Gut, organisierten Umzugskisten aus dem tiefsten Erzgebirge mit Hilfe von Freunden – auch Bretterkisten waren Mangelware! Alles, was wir mitnehmen wollten, mussten wir penibel genau mit 6fachem Durchschlag für die Stasi und den Zoll auflisten. Schreibmaschinen gab es nicht. Ich lieh mir von einem Freund eine alte „Adler“, bei der das „e“ nicht funktionierte. Eine Laufliste musste abgearbeitet werden. Selbst auf dem Amt für Hundesteuer mussten wir uns melden, obwohl wir gar keinen Hund hatten. Schikane bis zum letzten Tag.
Dann war die Wohnung besenrein und wir warteten, an welchem Tag und mit welchem Zug wir Chemnitz verlassen werden. Wann man unsere DDR-Ausweise für ungültig erklären würde. Erst Mitte November durften wir los – mit 11 Koffern und schon einem Arbeitsvertrag in der Tasche. Die Züge waren proppenvoll und wir standen von Chemnitz bis Stuttgart. Freunde holten uns ab. Am 18. November 1989 begann unser neues Leben. Wie schwer es in den ersten Jahren sein würde, ahnten wir damals noch nicht.
"Es war, als sollte der Verrat sie überleben."nach Franz Kafka
Schmerzgrenze
Mein Vater hatte mit Hilfe seines Diplomatenpasses die DDR verlassen und sich ins westliche Ausland abgesetzt.
Mich ließ er zurück und lieferte mich damit bewusst der Stasi aus.
Später war ich zudem den Vorwürfen und dem Unverständnis der Familie und Freunden meines Vaters ausgesetzt.
Geblieben sind bis heute Ohnmacht, Wut und Trauer über diesen wiederholten Verrat.
Der VerratGeorge Orwell "1984"
„Auch ich verriet dich“, sagte er.
Sie warf ihm einen erneuten kurzen Blick des Abscheus zu.
„Manchmal“, sagte sie, „drohen sie einem mit etwas – etwas, das man nicht aushalten, ja nicht einmal ausdenken kann." Und dann sagt man: "Tut es nicht mir an, tut es jemand anderem, tut es dem Soundso an." Und vielleicht macht man sich nachher vor, es sei nur ein Kniff gewesen und man habe nur eben so gesagt, damit sie aufhörten und es sei einem nicht wirklich ernst damit gewesen. Aber das ist nicht wahr. Zur Zeit, wenn es sich abspielt, ist es einem ernst damit. Man glaubt, es gäbe keinen anderen Ausweg, um sich selbst zu retten und man ist durchaus bereit, sich auf diese Weise zu retten. Man will, dass es dem anderen widerfährt. "Es kümmert einen keinen Pfifferling, was sie leiden. Es geht nur noch um einen selbst.“
„Es geht nur noch um einen selbst“, echote er.
„Und danach empfindet man für den anderen Menschen nicht mehr dasselbe.“
„Nein“, sagte er, „man empfindet nicht mehr dasselbe.“
Es schien, sie hätten sich nichts mehr zu sagen. Der Wind klatschte ihre dünnen Trainingsanzüge an ihre Leiber. Mit einmal setzte es einen in Verlegenheit, schweigend dazusitzen: außerdem war es zu kalt, um stillzusitzen. Sie murmelte etwas, sie müsste Ihre Untergrundbahn erreichen und stand zum Gehen auf.
„Wir müssen uns wiedersehen“, sagte er.
„Ja“, sagte sie, „wir müssen uns wiedersehen.“
Forgiveness
Hasse niemanden, ganz gleich, was Dir angetan wurde.
Lass den Schmerz nicht länger bestimmen, wer Du bist.
Bleib nicht »das Opfer«.
Du bist mehr.
Vergib.
Allen.
Auch Dir selbst.
[Unbekannt]
Der T.
"Jemand musste Roland T. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet."nach Franz Kafka
Neunzehnhundertvierundachtzig
Der Heizkessel im Keller unseres Hauses presst bereits wohlige Wärme in die Rippen unserer gusseisernen Heizkörper. Langsam wird es gemütlich und bequem in unserem Haus in der Puschkinstraße 14.
Seit längerem schon hatte ich mich darauf eingerichtet, pünktlich um 9:00 Uhr den Rias Berlin mitzuhören. Ein Sender, der im amerikanischen Sektor in Berlin stationiert ist und Unterhaltungsangebote für die Menschen in der DDR, insbesondere für die Ost-Berliner, macht.
Ich rutsche mir meinen Stuhl zurecht und richte mich für die nun folgenden zwei Stunden Musik und Kultur ein. Bald wippe ich im Klang meines Ohrwurms von links nach rechts. „Er war jung und hieß Mariano,“ singt Gaby Baginski. Mein Sharp-Kassettenrecorder ist eine Augenweide; sein Sound ein brillanter Hörgenuss.
„Wie die Glut deiner Zigarette beginnt, dir die Finger anzusengen, merkst du, dass du geträumt hast.“
Dieser Satz gräbt sich tief in mein Bewusstsein. Immer wieder folge ich in meinen Träumen, später diesen tiefen Spuren. Diese Musik hebt Raum und Zeit, ja die Totalität der Gegenwart auf, erlaubt mir Visionen, Bilder und Träume, wie die bunten Glasfenster einer Kathedrale. Lord Knut vom RIAS Berlin versteht es, uns mitzunehmen.
Eine kurze, jähe Unterbrechung reisst mich aus meiner Fantasie. Werbung. Werbung für eine Lesung aus einem Buch mit dem schlichten Titel „1984“ in einem Westberliner Kulturkaufhaus.
George Orwell ist der Autor jenes Buches, erfahre ich. Es geht um einen totalitären Überwachungsstaat. Ein Überwachungsstaat, der überall auftritt und seine Gegenwart in grässlicher Art und Weise behauptet. Der sich in Privatleben drängt und Anspruch auf das Selbst der Menschen erhebt. Vorschreibt, was zu denken und zu sagen ist.
„Du hast gefälligst gehorsam zu sein. Wir, die Partei wissen, was für dich gut ist,“ denke ich unwillkürlich an mein eigenes Leben und wundere mich. Es ist 1984, es ist absurd.
Sogar von einer Geldmünze verfolgen dich die Augen des Großen Bruders, auf Briefmarken, Briefumschlägen, Transparenten und der Verpackung einer Zigarettenschachtel, höre ich weiter von George Orwell. Es ist ferner die Stimme, die du nicht mehr abschalten kannst. Sie ist überall. Selbst in deinem Schlafzimmer, ja sogar bis in dein Bett dröhnt der Televisor der Partei: Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke.
Wir schreiben das Jahr 1984. In meinem Kopf gehen viele Lichter an. Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Ich möchte das Buch gern lesen, Zeile für Zeile nachspüren.
Lord Knud hatte längst wieder einen weiteren Titel auf seinem Plattenteller angestoßen. „The Lords, Poor Boy.“ Für mich hingegen bleibt, was ich gehört habe. Der Inhalt wirkt in mir nach. Irgendwie schaffe ich es, mir das Buch zu besorgen. George Orwell mahnt den Missbrauch politischer Macht totalitärer Regime an. Und ich weiß: Systeme, wie die DDR-Diktatur, sind auf dem Weg der perfekten Zerstörung persönlichen Lebens. Sie lassen keine Selbstbestimmung zu.
Was folgt, ist mein persönliches Schicksal und das meiner Familie. Es ist ein schweres Schicksal, aber es ist persönlich.
Abfahrt zur Verhandlung
Ich spüre in mir einen unaufschiebbaren Drang nach Freiheit, nach Öffnung aller Schranken und Türen. Meine Augen verlangen nach Farben und Formen, nach blühenden Bäumen und Blumen.
Ich möchte Menschen sehen, wie sie sich schön kleiden und unkompliziert miteinander sprechen.
Nach der rituellen Waschung folgt ein letztes Mal das Frühstück. In den meisten Fällen gibt es wie in zurückliegender Zeit Vanillesuppe mit Brötchen. Wir zelebrieren es, wie an jedem Tag, so auch heute.
Der braune Grund des Holzfußbodens meiner Zelle ist abgewetzt vom ewigen Scheuern und Desinfizieren. Wie viele Tränen verzweifelter Gefangener wird er schon aufgenommen haben?
Ich schaue mir meine Hände an – den Knauf meines Zeigefingers. Darauf ist dick Hornhaut zu sehen. Was hat er in den zurückliegenden Monaten für Arbeit geleistet? Wie stark und massiv sind meine Handknochen?
Ich bin dankbar für das, was ich durch das Klopfen alles erfahren habe. Ganze Lebensgeschichten, bittere und schmerzhafte, herzzerreißende Schicksale, wie sie nur eine Diktatur den Menschen aufzwingen kann.
Ich schaue in Holgers Gesicht.
Ich werde ihn in der Zelle allein zurücklassen.
„Ich werde mir schon zu helfen wissen.“
„Bist du aufgeregt?“, fragt mich Holger.
"Nein, ich bin nicht aufgeregt. Du weißt doch, dass das Theater bei Gericht einer einzigen Selbstdarstellung dient. Das Strafmaß steht ja bereits fest."
Ich verhalte mich wie ein Stallhase. Meine Ohren sind gespitzt. Dann endlich das erwartete Zeichen.
„Strafgefangener 47/2, ziehen sie das für die Verhandlung an.“
Der Wärter schmeißt mir mein Bündel Wäsche aufs Bett. Wie magisch fallen meine Augen auf die Kleidung. Aha. Endlich.
Ich nehme meine Kleider in die Hände und halte sie mir unter die Nase. Es sind meine Levi Strauß, die ich vor 6 Monaten hier ausziehen musste.
Hm, wie gut die riechen. In Minutenschnelle bin ich angezogen.
Jetzt bin ich ein anderer Mensch. Die Levis bedecken meine Haut und geben mir das Gefühl ich selbst zu sein. Es ist ein wunderbares Gefühl der Erhabenheit.
Ich möchte nun endlich raus hier, ich möchte den Himmel sehen, die warme Augustluft in meiner Nase spüren.
Die Sachen sind mir zu groß. Ich habe ordentlich an Gewicht verloren. Die Waage hat neulich 12 Kilo weniger angezeigt. Auch in meinem Gesicht wird Farbe fehlen. Bestimmt hat sich das Weiß der Zellenwand prägend auf meinem Gesicht niedergeschlagen?
Endlich. Ich höre die Staatspolizei. Mit eiligen Schritten treten sie an meine Zellentür. Sie haben ihren schwarzen Gürtel fest um ihren Leib gezogen und ihr Blei auf Hochglanz poliert. Ein letzter kurzer Blick zu Holger.
„Mach´s gut, Kamerad.“
“Strafgefangener kommen sie!“
Es steckt Leben in mir, das ich in den zurückliegenden 6 Monaten immer wieder kanalisieren und unterdrücken musste, während hinter meinem Rücken die Zellentür ins Schloss fällt. Wumms.
Ich habe eine Hürde genommen. Eine zweite wartet noch auf mich.
Draußen lacht indes die Sonne vom Himmel.
Die beiden uniformierten Polizisten dirigieren mich nun zu einem Auto, das unauffällig auf dem Pflaster des Gefängnishofes steht. Die Seitentür des Barkas ist aufgeschoben, die Beifahrertür geöffnet. Das Auto hat die Aufschrift "Frischer Fisch".
Gleich darauf trifft mich ein Befehl:
„Gehen Sie in die offene Zelle des Autos. Ich höre kein einziges Wort von Ihnen, verstanden?“
Vier winzige Blechkammern. In jede passt nur ein Strafgefangener. Gebückt muss ich hineinkriechen. Ein Metallsitz bietet mir Platz. Dann sperrt der Polizist die Blechkammer ab.
Jetzt habe ich nur noch einen kleinen Luftschacht in Höhe meiner Augen. Der versorgt mich mit Luft. Es ist beklemmend. Mir steigt Hitze zu Kopf.
Mir bleiben jetzt nur noch meine Ohren. Ich höre Schritte, die an Pumps erinnert. Es können die Schritte meiner Frau sein! Es muss meine Frau sein, natürlich. Wenn sie uns richten, dann richten sie uns nur gemeinsam.
Jetzt wackelt die Blechkarosse. Meine Frau steigt zu. Doch ich bringe kein Wort heraus, kein einziges. Ich habe Angst, wenn ich etwas sage, dass der Polizist mit seinem Gummiknüppel gegen meine Blechtür schlägt. Ich muss also meine Zähne zusammenbeißen.
Endlich schlagen Seitentüren. Der Barkas wackelt. Der Motor springt an. Kurve rechts, Kurve links. Geradeaus. Der Fahrer beschleunigt, er schaltet hoch.
In meinem Kopf dreht es sich. Ich kann nicht sehen, wohin wir fahren. Kurz darauf schlagen wieder Türen. Stimmenwirrwarr.
Jetzt können sie ja ihren „Fisch“ ausladen!
„Aussteigen!“
Ich zwänge mich aus meiner Blechkammer und torkele hinaus ins Freie. Ein Polizist legt meine Hände in Handschellen, in ein festes, kaltes Eisen.
„Folgen Sie mir jetzt!“
Ich folge ihm auf Schritt und Tritt. Ich bin vor meiner Frau der erste, der die Blechlawine verlässt. Der Weg ist kurz, bis er mich hinein in ein Gebäude führt. Es ist der Hintereingang des Gerichtsgebäudes. Durch den Wirtschaftsgang laufen wir vor bis ins Foyer. Es wirkt auf einmal alles anders. Es wirkt erhaben. Braune massive Holztreppen führen hinauf in die erste Etage. Große, schwer wirkende Türen lassen auf die geräumigen Zimmer schließen, die sich dahinter zu befinden scheinen.
Kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Steril und aufgeräumt, weggeschlossen und verbarrikadiert.
Ich setze meine Füße auf die ersten Stiegen. Der Handlauf neben mir glänzt, als sei er mit Möbelpolitur getränkt.
Eine halbe Ewigkeit sitze ich im Verhandlungssaal - direkt unter einem Bild von Erich Honecker.
Dann auf einmal erscheint meine Frau im Rahmen der Tür. Ist das wahr? Am liebsten möchte ich aufspringen, sie umarmen, sie drücken. Doch wir müssen unsere Gefühle füreinander noch immer anästhesieren.
Was in mir vorgeht, spüren nun auch die beiden Polizisten.
„Wagen Sie sich nicht von der Stelle.“
Die vergiftete Atmosphäre des Sozialismus aus Gängelung und Nachstellung wird auch hier im Gerichtssaal spürbar. Die Kälte, die aus den verfrorenen Mündern kommt, ist kaum auszuhalten.
Meine Frau kommt indes mit einem aufrechten Gang daher. Nur ist sie schlanker geworden. Die Monate der Haft haben an ihr gezehrt. Sie hat sich ihren schönsten Rock ausgesucht, der knapp über dem Knie endet. Es ist der beigefarbene Rock, den wir gemeinsam im Intershop in Zeitz gekauft haben. Dazu trägt sie ein paar schicke Pumps.
Der entfernte Stuhl auf dem meine Frau Platz genommen hat, kann uns nicht trennen.
Sie wendet ihren Kopf und blickt mich an.
Es ist schön sie zu sehen.
Die Verhandlung vor dem Bezirksgericht
Nachdem der Pflichtverteidiger seinen Stuhl erreicht hat, darf er sich setzen. Seinen Schnellhefter hat er auch wieder dabei! Wie am ersten Tag. Das ist ja interessant! Wenigstens tut er so, als hätte er jenseits seines Parteiabzeichens etwas zu sagen.
Vielleicht fällt ihm dann wieder unsere Straftat ein? Ach ja, der Ehemann wollte eine Pilgerreise nach Rom machen und die Ehefrau war einverstanden.
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„Stehen Sie auf.“
Vor uns erheben sich die Götter in ihren schweren Roben. Das Strafmaß steht fest: 3 Jahre und 6 Monate.
Ich drehe mich zu meiner Frau. Wir flüstern uns leise zu.
Schließlich interveniert einer der Polizisten und stößt einen kalten Befehl aus.
„Strafgefangene! Gehen Sie jetzt dort zu der Tür!“
Meine Frau geht nun an mir vorüber. Ich versuche zu halten, was zu halten geht. Ihre Augen, ihr Lächeln, ihre langen Haare, ihr beiges Kostüm, ihre Pumps, ihr Parfüm.
Klopfzeichen
Meine unter Tränen an den Polizisten wiederholt geäußerte Bitte, mir doch endlich zu sagen, wo meine Frau jetzt ist und wie es ihr geht, wurde mit einem süffisanten Schweigen beantwortet. Diese Hartnäckigkeit zerreißt emotional und bewirkt, dass der Gefangene in Lethargie fällt. Er verdorrt quasi wie eine Distel im staubtrockenen Boden. Dazu kommt die komplette Isolation zur Außenwelt. Kein Wort der Nähe und Aufmunterung, keine noch so leise Stimme – die absolute Stille wirkt wie ein gähnend hohles Loch der Verzweiflung.
Schließlich wurde mein Leid durch die Zusammenlegung mit einem Haftkameraden beendet. Nun hörte ich meine Worte wieder. Ich vernahm den Klang gesprochener Sätze. Wir redeten in einem fort. Die Sprache, das Schönste am Menschen, war endlich wieder da und ich lernte von Neuem, welche Macht Worte haben. Zusammen waren wir lebendig. Mein Haftkamerad hatte bereits Schätze an Kommunikationserfahrungen, die er wie Perlensteine vor mir aussiebte. Er erzählte mir von den Klopfzeichen und davon, dass die Zellenwand, die uns voneinander trennt, auch zum Träger von Schall werden kann.
„Klopfzeichen musst du gegen die Wand setzen. Der Kamerad hinter der Mauer hört sie. Nimm den Zeigefinger und probiere es aus. Am Anfang geht es noch langsam. Doch du gewinnst an Perfektion.“
Einmal klopfen = A
Zweimal klopfen = B
Dreimal klopfen = C
Also, wenn ich neunmal gegen die Wand klopfe, habe ich das I geklopft. Dem folgt durch drei Mal klopfen das c. Weitere 8 Klopfzeichen markieren das h. Zusammengesetzt lautet es: Ich suche Konny! Mit dieser Information geht der Kamerad in der Nachbarzelle an die gegenüberliegende Zellenwand. Das kann über vier, fünf Zellenwände so gehen.
Erschöpft sich die Kommunikation horizontal, weil keine Ergebnisse vorhanden sind, dann muss vertikal weitergearbeitet werden. Dann wird nämlich das Wasser aus der Toilette geschöpft und mit dem Scheuerlappen nachgetrocknet. Machen das drei Kameraden, die am gleichen, vertikalen Fallrohr liegen, kann man über die Toilette miteinander sprechen.
Scheitert man damit, bietet die Zellenwand im Hof des Gefängnisses in Freistunden die Möglichkeit Schriftzeichen in den Putz der weißen Wand zu kratzen. Irgendein Kamerad liest die Zeichen und gibt sie weiter, falls die Stasi sie vorher nicht zerkratzt. Deshalb sind immer wieder neue Versuche nötig, bis man eine Antwort bekommt.
Obacht ist in jedem Fall dabei geboten. Falls ein Kamerad beim klopfen oder kratzen erwischt wird, sind Sanktionen die Folge. Im schlimmsten Fall wartet das U-Boot auf ihn. Dort ist es nur halb so hell. Die Notdurft muss auf einem Eimer verrichtet werden und das Essen wird auf halbe Ration gekürzt. Deshalb hat jeder Gefangene Angst vor dem U-Boot.
Sind dann jedoch, wie in meinem Fall, die Aktionen erfolgreich und ich erfahre, dass meine Frau in Zelle 13 zusammen mit Marina sitzt, färbt sich die Welt für einen kurzen Moment bunt ein, wie das Leuchten bleiverglaster Fenster einer Kathedrale.
Grüne Gurke
Sprecher heißt, dass ich Besuch habe. Zum Fertigmachen brauche ich nicht viel Zeit. Die folgenden Handgriffe sind schnell gesetzt. Aus der alten Bleileitung appliziere ich mir eine Handvoll Wasser ins Gesicht, streiche über meine Haare und krieche in meine Filzschuhe. Fertig.
„Kommen Sie!“ Schleifend rutsche ich mit meinen Filzschuhen über die Steinbodenfliesen. Sie sitzen lockerer als noch vor drei Monaten. Ich habe abgenommen. Gewicht verloren. Längst ist mir klar, dass das Ziel des Sprechers der Verwaltungstrakt am Eingang des Gefängnisses ist. Der Weg ist relativ kurz. Die visuellen Eindrücke allemal erschütternd. Mauern, Steine, Stacheldraht. Uniformierte mit Handschellen und Gummiknüppeln. Auf Hochglanz polierte Stiefel.
Ankunft. Jetzt werde ich einem anderen Stasioffizier übergeben. Der nimmt mich ohne großes Federlesen gleich in den verbalen Schwitzkasten. „Passen Sie auf. Ich lasse Sie jetzt in das Zimmer. Sie setzen sich ohne Berührung nieder. Es wird nicht über die Haft und nicht über private Dinge gesprochen. Verstanden?“ Das ist die Forderung nach Neusprech. Ich werde ganz menschlich festgelegt. Sie zerren an mir, um meine Wildheit zu bannen. Sie binden und schnüren meinen Geist.
Als ich jetzt zur Tür eintrete, schaue ich in die Augen meiner Schwiegermutter. Sie sind offen und neugierig, aber auch voller Sorge.
„Du bist dünn geworden, mein Junge.“
„Ja, ich habe abgenommen, aber es geht mir gut.“
„Karina geht es auch gut!“
„Ich habe für dich eine grüne Gurke mitgebracht.“
„Das ist nett. Die bereichert heute Abend meinen Speiseplan. Danke.“
Wir beide sitzen nicht allein in dem Besucherzimmer. Drei Meter von uns entfernt sitzt ein Stasioffizier. Er hört auf jedes Wort, das wir uns sagen. Seine Ohren gleichen der einer Fledermaus. Ein falsches Wort auch nur, dann ist der Besuch beendet. Wir beide spüren, wie ausgekühlt unter diesen Umständen unsere Kommunikation verläuft. Wir dürfen nicht, wie wir wollen. Zäh sind unsere Worte, schmallippig unser Mund. Was uns bleibt, sind nonverbale Gesten, die verhaltene Kommunikation mit den Augen. Ein Lächeln.
Dann ist die Besuchszeit beendet.
„Abmarsch. Kommen Sie.“
Mit meiner Gurke in der Hand bringt mich der Wärter zurück in meine Zelle. Ein ganzer Nachmittag liegt vor mir. Meine grüne Gurke liegt unterdessen längst im Schacht meines Zellenfensters. Die hat der auf den Trakt Dienst tuende Wärter wohl längst über den Spion der Zellentür gesehen. Ihm entgeht nichts. Der kreisrunde Ausschnitt legt die Zelle für sein Auge frei. Nur die Toilette und der gusseiserne Heizkörper, die beide im spitzen Winkel links und rechts der Zellentür liegen, sieht er nicht. Ein winziger Ort persönlicher Intimität! Beim Abendbrot schneide ich die Gurke in kleine Stücke. Sie riecht, wie frische Gurken riechen müssen und sie schmeckt vorzüglich in Kombination mit meinem Schwarzbrot.
„Na, Ihnen geht es ja gut!“, brüllt der Wärter in meine Zelle. Ich antworte ohne nachzudenken:
„Sie brauchen nur einen Ausreiseantrag zu stellen, dann geht es ihnen genauso gut.“
SilberpapierEin Experiment
Nun gibt es in der Zelle eine Netzsteckdose für die tägliche Rasur. Diese Netzsteckdose wird draußen vor der Zellentür durch den Wärter stromführend gemacht. Nach der Rasur schaltet er sie wieder aus. Nun ist es in der Tat ja so, dass die Gefangenen einmal am Tag die Zelle zur obligatorischen Freistunde verlassen. Dazu müssen sie vorbei an dem besagten Schalter, der ja unmittelbar vor der Zellentür in Schulterhöhe angebracht ist. Ein erster rascher Blick ist da schon mal hilfreich, um die Perspektive auszuleuchten. Auf dem Weg von der Freistunde zurück in die Zelle kommt es jetzt drauf an, Geschicklichkeit, Zusammenarbeit und Schnelligkeit zu praktizieren. Die Rollen werden besprochen. Wir sind zu zweit. Vor dem Einschluss in die Zelle stehen wir hintereinander. Wir schließen dicht auf. Der Körper hat fast Berührung mit der Seitenwand. Der Schalter ist fast zum Berühren nahe. Noch ein kurzer Schritt. Stopp. Ich stehe genau richtig. Der Wärter bohrt jetzt seinen überdimensionalen Schlüssel ins Loch der Zellentür, betätigt vorher den Eisenriegel. Ratsch, klack, klack. Aktionen, die drei Sekunden Zeit in Anspruch nehmen. In dieser Zeit ist er unaufmerksam. In dieser Zeit kippe ich mit der Schulter den Schalter. Fertig. Geschafft. Der Wärter hat nichts mitbekommen! Die Netzsteckdose ist unter Strom. Jetzt warten wir den Einbruch der Dunkelheit ab. Dann kommen die Silberstreifen zum Einsatz. Die stecken wir einzeln in die Netzsteckdose, führen unseren Zahnputzbecher darunter, bis die Silberstreifen im Wasser versenkt sind - und warten. In 1,5 Minuten siedet unser Wasser. Teebeutel rein – jetzt können wir genießen. Ein kleines Experiment ist gelungen.
Der Hase
„Halt. Stopp, so nicht!“
Meine Schwiegermutter befällt Sorge. Ihre Stimme klingt brüchig. Ihre Hände zittern.
„Ihre Mitarbeiter draußen haben mir erlaubt, erlaubt, den Ha…Hasen mei … meinem Schwiegersohn zu geben.“
„Geben Sie den Hasen her!“
Der Stasi-Mann nimmt ihn ihr aus der Hand, dreht ihn und wendet ihn, hält ihn schüttelnd ans Ohr. Dann zieht er seine buschigen Augenbrauen hoch, legt seine Stirn in Falten. Mit einem Mal entspannt sich die Situation so schnell, wie sie sich aufgeheizt hat.
„Ja, ja, geben Sie ihm nur diesen Hasen.“
Auf dem Weg zu meiner Zelle beschließe ich, dass ich den Hasen meiner Frau schenken will. Wenn ich zur nächsten Vernehmung gerufen werde, nehme ich den Hasen mit und bitte den Vernehmer, ihn meiner Frau zu geben.
Während der Vernehmung frage ich ihn. Allerdings habe ich Sorge, er könnte ihn seinen Kindern mitnehmen. Doch er sichert mir zu, ihn meiner Frau zu geben.
„Den stelle ich hier vorn auf den Schreibtisch, da kann ihn ihre Frau sehen, wenn sie kommt.“
Später erfahre ich, dass der Vernehmer meine Frau mit dem Hasen konfrontiert hat.
„Das ist ein Geschenk von ihrem Mann. Jetzt meinen Sie, ich gebe ihnen diesen Hasen so einfach?“
„Wenn es ein Geschenk ist, dann gehört es doch mir.“
„Sie beißen den Hasen die Ohren ab, basta!“
„Den Gefallen tue ich Ihnen nicht!“
„Dann werde ich ihm die Ohren abbrechen!“
„Das tun Sie bitte nicht. Warum soll ich ihm denn die Ohren abbeißen?“
„Da könnte ein Kassiber versteckt sein!“
„Wie soll denn der da reinkommen?“
„Sie brauchen nur mit einem Feuerzeug unten am Fuß des Hasen ein Loch aufschmelzen, den Kassiber reinstecken und das Goldpapier wieder drumlegen.“
„Ach so macht man das. Gut das Sie mir das sagen!“
Daraufhin bricht der Vernehmer dem Hasen die Ohren ab. Meine Frau ringt mit den Tränen.
Druckmittel
„Sie passen nicht zusammen."
"Sie haben studiert, ihr Mann hat es nicht. Haben Sie noch nie gespürt, dass ihr Mann sie betrügt?“
„Was meinen Sie, hat Ihr Mann mit Ihrem Brieffreund gemacht, als die beiden allein waren?“
„Lassen Sie sich von ihrem Mann scheiden, das ist der beste Weg.“
Als zynisches Druckmittel wird nun Karina als Pfand missbraucht.
„Sie haben doch ein Kind. Ein Kind von 4 Jahren. Das Kind braucht die Mutter! Lassen Sie sich scheiden, dann sehen Sie auf der Stelle ihr Kind wieder.“
Magirus Deutz
Als ich durch die Tür das Gefängnis verlasse, sehe ich alles so, wie der Wärter es uns gesagt hat. Ich traue meinen Augen kaum. Ich schließe sie, und ich öffne sie wieder. Auf dem Gefängnishof steht ein Magirus Deutz. Ein Westreisebus!
In das umliegende Grau, der weithin sichtbaren Haftanstalt, ist Farbe gekommen. Wir werden mit einem Bus in die Freiheit gefahren!
An der Omnibustür wartet ein Mann im grauen Anzug. Rechtsanwalt Vogel.
Er hält einen Notizblock in seinen Händen.
„Wie ist Ihr Name?“, fragt er im höflichen Ton.
Ich suche mir einen Platz in der Mitte des Busses, auf der linken Seite. Dann setze ich mich. Aus der vorderen Reihe ruft plötzlich ein Mann:
„Jetzt bringen sie die Frauen!“
Ein Mann, der diagonal vor mir sitzt, bricht in Tränen aus, als er seine Frau kommen sieht.
Dann sehe ich Kornelia.
Sie trägt eine Blue Jeans, passend zur blauen Bluse, die sie in Zeitz immer so gern getragen hat.
Nun steigt sie in den Magirus Deutz. Unsere Blicke treffen sich.
Sie kommt den Gang nach hinten. Wir fallen uns wortlos in die Arme.
Dann nehme ich ihre Hand. Wortlos.
Es ist schön sie zu sehen.
Ich sehe Karina
Ich gehe ein paar weitere Schritte auf unsere Eingangstür zu und fahre mir noch einmal mit meinen Händen über mein Gesicht. Dann betätige ich entschlossen die Glocke. Ging gong. Der Türöffner summt. Sie sind da! Ich bin erleichtert. Ich schiebe die Eingangstür auf und laufe rasch die Stiegen empor. Mein Herz hüpft. In der Mitte des Treppenhauses rufe ich nach ihrem Namen. Karina? Ich höre es rascheln. Wie wird Karina reagieren, wenn wir uns sehen? Ich denke: Gleich wird das weite Feld aus Sprachlosigkeit und Angst, das gesamte Areal abgewürgter Gefühle, mit Leben gefüllt werden. Es wird sich ein Stein zu Tal wälzen, der so unerträglich schwer unsere Seelen belastet hat.
Schließlich nehme ich die letzten Stiegen. Nun trennt mich von den beiden nur noch ein letzter Treppenabsatz. Ich bleibe stehen.
Ich sehe Karina, meine Tochter!
Vor 19 Monaten haben wir uns das letzte Mal gesehen. Kornelia hält sie auf dem Arm an ihre Brust gedrückt. Unsere Augen begegnen sich.
Ich schaue sie an.
Groß ist sie in der Zwischenzeit geworden.
„Kennst du mich noch?“
Sie nickt verlegen, aber zustimmend.
Ihre Augen beginnen zu glänzen, ich kann ein Stück in sie hineinsehen, das Licht erkennen, das als Flamme in ihrem kleinen Körper wieder zu glimmen begonnen hat. Mir wird durch das Funkeln ihrer Augen ein Stück weit Himmel geschenkt. Ein Stern, der unverwechselbar zu uns gehört. Dann strecke ich meine Arme nach ihr aus, frage:
„Kommst du mal zu mir?“
Sofort löst sie sich aus der Umklammerung von Kornelia und kommt zu mir. Ich drücke sie ganz fest an mich, ganz lange.
Lange hat Karina auf diesen Moment warten müssen. Jetzt spürt sie auf einmal wieder meine Wangen, sie spürt mein Herz in der Brust schlagen, sie spürt den Hauch meiner Stimme und den Klang meiner Worte. Ich drehe mich mit Karina im Kreis, als begännen wir uns nun unserer Flügel bewusst zu werden.
Dann schaue ich sie noch einmal an.
Sie muss spüren, dass wir Gefühle nicht neu füreinander entdecken müssen, sie sind vorhanden, wir brauchen sie nur zu wecken, wieder zulassen. Auch unsere Stimmen sind uns noch vertraut, wir haben uns erkannt. Meine Befürchtung, die ich im Gefängnis hatte, auf eine zerrissene Familie zu treffen, hat sich so nicht erfüllt! Nun drehe ich mich mit Karina zu Kornelia um. Kornelia weint. Das Wasser in ihren Augen rollt in unzähligen Tropfen über ihre Wangen.
Nach 19 Monaten dieser furchtbaren Odyssee schließen wir die Tür hinter uns zu. Keiner kann uns jetzt mehr stören und keiner hat jetzt mehr Zutritt.
Wir beginnen miteinander zu spielen. Im Spiel sind wir ganz bei uns selbst, im Spiel vergessen wir die Welt. Die Puppen bekommen alle einen Namen, bis auf Felix, der ist namentlich bereits festgelegt. Die Puppen müssen ansprechbar sein. Dann werden sie alle zu Figuren, die im Spiel mit uns kommunizieren. Es macht Spaß. Wir müssen uns die Namen merken. Karina hat sichtlich Freude daran. Ich nehme mich im Spiel etwas zurück und versuche Karina die Spielleitung zu übertragen. Sie soll den Spielverlauf bestimmen dürfen und die Intensität des Spiels. Und sie soll festlegen können, wann sie keine Lust am Spiel mehr hat.
Nachdem wir eine gute halbe Stunde miteinander gespielt haben, ziehe ich mich langsam aus dem Kinderzimmer zurück. Ich möchte Karina das Gefühl geben, das Zimmer allein zu entdecken. Es ist ihr kleines Territorium, ganz allein nur für sie. Sie sagt, dass die Tür ganz offenbleiben soll. Darauf legt sie besonderen Wert.
Sie möchte uns sehen, möchte unsere vertrauten Stimmen hören.
Fußnoten
No. I.Schmerz
No. II.Schweigen
No. III.(k)eine Gruppe
No. IV.Hände
No. V.Namen
No. VI.Orte
In der Aufarbeitungswerkstatt haben wir Orte besucht, abgelichtet und in der künstlerischen Auseinandersetzung "besetzt".
No. VII.Das Absurde
No. VIII.Zeit
Anerkennungsverfahren zur Wiedergutmachung von Unrecht finden auch heute in langwierigen Prozessen und Begutachtungen statt. Das ist schmerzhaft für Menschen, weil es die Vergangenheit subjektiv wiederholt.
No. IX.Verrat
In der Aufarbeitungswerkstatt arbeiten wir deshalb egalitär und auf Augenhöhe. Wir sind stolz darauf, dass wir gemeinsam diese Ausstellung ohne Opferhierarchie gestaltet haben.
No. X.Ein Zirkel
festhalten und loslassen,
fragen und antworten,
etwas wagen und sich schützen,
sich wundern und verstehen,
öffnen und schließen
No. XI.Symbole
Wir brauchen Bilder, Farben, Töne, die zwischen den Zeilen erzählen.
Lange diente uns für die Werkstattarbeit diese Internetseite als Sammelstelle für unsere Symbole. Wir haben sie gemeinsam angeschaut und besprochen und jetzt ist sie so.
No. XII.Dichtung
In der Aufarbeitungswerkstatt haben wir in unseren Gruppengesprächen festgestellt, dass wir wichtige Erlebnisse hinter Symbolen, Schlagworten oder kurzen, verdichteten Sätzen versteckt haben. Deshalb haben wir zunächst Gedichte und Haikus geschrieben. Das hat uns geholfen, uns auch längeren Erzählungen zu öffnen.
Erinnerung ist nie akkurat, aber sie ist menschlich. Das ist eine Chance für uns alle.
No. XIII.Das Was und das Wie
Können wir unseren Erinnerungen trauen?
Dürfen wir es so erzählen, wie wir es erlebt haben und erinnern?
Müssen wir unsere Mitmenschen vor unseren Erinnerungen schützen?
In der Aufarbeitungswerkstatt haben wir uns mit diesen Fragen oft beschäftigt. Immer wieder tauchte auch die Frage nach historischer Objektivität auf.
Wir haben für uns gemeinsam entschieden: Es geht uns darum, WIE wir von Unrecht erzählen. Damit Menschen nachfühlen können, was politisches Unrecht bedeutet und welche Spuren es in einer Gesellschaft hinterlässt.
Jedes Mal, wenn wir als Zeitzeugen mit anderen Menschen sprechen, fragen wir uns deshalb frei nach Gerard Genette:
Was können wir wem wie erzählen?
No. XIV.Betroffen sein
Wir haben uns getraut zu sprechen und gemeinsam zu trauern. Trauern heißt, die Realität anzuschauen, trauern heißt den Schmerz auszusprechen.
Wir sind nicht nur betroffen von Unrecht, wir sind betroffen vom Schmerz, den Menschen Menschen zufügen können.
No. XV.Sprechen, Hören, Schreiben
No. XVI.Entschlossen sein
Dank
Prof. Dr. Florian Junne
Johannes Beleites
Yvonne Kalinna
Andre Wagenzik
Michael Vajna
Ilka Lange
Nora Kreis
Dr. Wolfram von Scheliha
Robert Tonndorf
Dr. Christian Genz
Carla Steinbrecher
Anton Kollatz
Maurice Tiepelmann
Alina Degener
Buse Tuatay
Lucie Kiehlmann
Verbundprojekt "Gesundheitliche Langzeitfolgen von SED Unrecht"
www.sed-gesundheitsfolgen.de
Impressum
Beauftragter des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Landesbeauftragter)
Am Schleinufer 12, 39104 Magdeburg
Telefon: 03 91 - 5 60 15 01
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Texte
Antje Fleischer, Kerstin Seifert, Lutz Sehmisch, Kornelia Tauschek, Roland Tauschek, Michael Teupel, Elisabeth Vajna
Gestaltung
Ilka Lange, semio
Ton
Michael Vajna
Fotos
Andre Wagenzik
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Der T.
"Jemand musste Michael T. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet."nach Franz Kafka
Die Effektenkammer
Häftling 23/2
Der Foltergeruch
Die Isolation
Der Verrat
Die Sache mit dem Salz
Der Interzonenzug
Doppel-P
Als ich später vom amerikanischen Geheimdienst gefragt wurde, ob ich zufällig wusste, wie mein Vernehmer hieß, antwortete ich freudestrahlend: „Ja, wahrscheinlich Nappalitz.“ Der Geheimdienstler sah mich erstaunt an und fragte, wie ich das herausgefunden hatte. Er lächelte zustimmend und bestätigte, dass ich mit dem Doppel-P sehr nahe dran war. Es war dann eine Leichtigkeit, seinen Klarnamen zu finden.
In einer der Vernehmungen platzte es vor Wut und Ekel aus mir heraus: „Haben Sie denn keine Angst, dass ich später einmal davon erzählen werde, was Sie hier Schreckliches machen?“ Nappalitz entgegnete kühl: „Es wird noch viel schlimmer, denn kein Mensch wird Ihnen später glauben.“
Innenansicht
Ich fragte einen Mithäftling, ob ich auf sein Bett steigen dürfe, weil es mir nicht gut ging und ich etwas frische Luft brauchte. Den Schieber zwischen den beiden Glasbausteinen zog ich schnell zur Seite und steckte meine Nase durch. Die eiskalte Luft in der Nase tat mir gut. Endlich hörte ich auch einige Stadtgeräusche, die in Brandenburg völlig in Vergessenheit geraten waren. Die Strafanstalt dort war so weit von der Stadt entfernt, dass man nichts hörte. Keine lauten Trabbies oder ein Moped -nichts. Absolute Stille. Selbst das Zwitschern der Vögel gab es nicht.
Hier nahm ich jetzt einige Geräusche wahr und fühlte mich so nah am Leben. Ich fragte mich: Wussten die Leute da draußen vor dem Gebäude warum wir hier drin waren und das wir bald verkauft werden würden? Oder waren wir irgendwelche Häftlinge für die Personen, die draußen in aller Eile zur Arbeit eilten oder in den nächsten Konsum?
Viehabfertigungsanlage
"Es war, als sollte die Schuld ihn überleben"nach Franz Kafka
Unantastbar
Der S.
"Jemand musste Lutz S. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet."nach Franz Kafka
Der Prozess
Ein Verbrecher?Auszug aus dem Briefwechsel der Zeitzeugenwerkstatt
bevor es mich innerlich zerreißt, muss ich dir heute unbedingt aufschreiben, wie es mir mit deiner bzw. eurer Schlagzeile „VOM TERRORISTEN ZUM PrOphETEN“ erging.
Vier starke Worte, die sehr kraftvoll und tiefgehend sind. Sie beschreiben einen besonders extremen Wandel. Die Worte drücken es nicht direkt aus, aber sie sprechen mich sehr stark emotional an. Sicher auch, weil diese Worte über mich gesagt wurden. Meine erste Reaktion war: knapper kann man wohl kaum mein Leben beschreiben. Ich war fasziniert und empfand es gleichzeitig herausfordernd damit umzugehen. Sie rufen eine intensive Reaktion in mir hervor und regen mich gleichzeitig zum Nachdenken an. Diese vier Worte stellen die erstaunliche Fähigkeit des Menschen zur Veränderung und Vergebung in den Mittelpunkt.
Sie machen mir aber auch Angst, denn sie berühren sensible Themen. Sicher können sie auch – je nach Blick - ganz unterschiedlich interpretiert werden. Ich fühle mich betroffen, als Terrorist gesehen zu werden. Es weckt in mir ungute Erinnerungen an die Gerichtsverhandlung 1978 vor dem Militärgericht Halle. Für den Prozess hat man einen extra großen Saal in der Leipziger Georg-Schumann-Kaserne gewählt. Der Saal war brechend voll und ich fühlte mich vorgeführt, im wahrsten Sinne des Wortes. Im Vortrag des Anklägers hörte ich Worte, die mich erschütterten. Erst jetzt, 45 Jahre nach meiner Verurteilung, gelang es mir an die Akten des Militärgerichtes zu kommen. Dort konnte ich aus dem Plädoyer des Anklägers noch einmal diese Worte nachlesen, die sich so sehr in mein Gedächtnis eingebrannt haben. Demnach sei ich ein Verbrecher, der bewusst
„… im zugespitzten Klassenkampf gemeinsam mit den imperialistischen Mächten, insbesondere der BRD, gekämpft hat …, um unsere Entwicklung aufzuhalten, unsere Erfolge zu schmälern, mit der Zielstellung, eines Tages doch noch ihren Herrschaftsbereich auf uns ausdehnen zu können. … Die dabei angewandten Methoden sind vielgestaltig. Eine davon ist, das sozialistische Eigentum anzugreifen, die Basis unserer Entwicklung uns zu entziehen, letztlich Vermögenswerte, die wir uns geschaffen haben, uns zu entziehen. …“
Ich fühlte mich in eine Märtyrerrolle gedrängt. Auch das Urteil selbst, so wurde es vom Gericht verfügt, sollte mir nicht ausgehändigt werden. Ich hatte also nie etwas in der Hand, wogegen ich hätte intervenieren können, oder mit dem ich meinen Wunsch in die BRD ausreisen zu können, hätte untermauern können. Warum erschüttern mich diese Worte noch bis heute? Die Argumentation der Anklage und des Gerichtes fasst in der Tat alles als Angriff auf den Staat zusammen, also Terrorismus, ohne das Wort zu verwenden. Ein terroristischer Kampf gegen die DDR, ähnlich dem Kampf der RAF gegen die BRD. Aber bin ich nun ein Terrorist oder nicht?
Terroranschläge werden aus politischen, ideologischen oder religiösen Motiven verübt. Die Täter verfolgen ein größeres Ziel, wie die Destabilisierung einer Gesellschaft oder die Verbreitung von Angst und Schrecken. Ja, wenn ich dem Anklageplädoyer folge, dann scheint das in meinem Fall zuzutreffen. Aber es war nicht so. Ich war unzufrieden mit der Entwicklung Ende der 70er Jahre in der DDR. Intellektuelle verließen reihenweise das Land, Künstler wurden ausgewiesen oder durften nicht wieder einreisen. Es baute sich meiner Meinung nach, eine „Kampffront“ gegen alle und alles auf, die wie ich lediglich eine Veränderung erreichen wollten, ohne dabei die DDR „abzuschaffen“. Auf einer SED-Parteiversammlung meiner NVA-Einheit sagte ich einmal: „Wenn Marx und Engels das erleben würden, was hier abgeht, dann würden sie sich im Grabe umdrehen.“ Diskussionen waren nicht zugelassen und ich wurde sofort aus der SED ausgeschlossen. Ich war frustriert, hatte psychische Probleme und war akut gestresst. Meine Beziehung zerbrach, meine Eltern brachen mit mir, weil ich beruflich bei den Sicherheitsorganen der DDR bleiben wollte. Ich befand mich in einem Zustand unkontrollierter Wut und Verzweiflung. In dieser Situation habe ich tatsächlich einen extremen Gewaltakt begangen. Da gibt es nichts zu entschuldigen oder schönzureden. Für mich handelt es sich, schon wegen der vom Terror abweichenden Motivationslage und der Umsetzung der Tat, eher um eine Amoktat, die von plötzlicher und unkontrollierter Wut gekennzeichnet und impulsiv ausgeführt war.
Während meiner mehrmonatigen Therapie 2010 in einer psychiatrischen Klinik, wurde ich mit vielen Dingen aus meinem Leben konfrontiert. Einschneidend war auch die sich immer wiederholende Frage der Oberärztin, wo in mir der Rebell geblieben ist. Den hatte ich gut versteckt. Die Haftzeit und die nach meiner Amnestierung folgenden Zersetzungsmaßnahmen haben mich gebrochen. Ich habe bis heute Angst, mich politisch zu äußern. 2018 wagte ich einen Versuch und trat der von Sahra Wagenknecht gegründeten Bewegung „aufstehen“ bei. Ich war sehr aktiv, beteiligte mich auch an Demonstrationen. Allein die Begleitung der Demonstrationszüge durch die Polizei brachte mich erneut an meine psychische Grenze. Die Polizisten taten mir nichts, sie waren freundlich und ließen auch ihr Verständnis für uns erkennen. Doch sie stellten für mich auch das staatliche Gewaltmonopol dar. Ich hatte Angstzustände, hohen Blutdruck, Bauchschmerzen, Unwohlsein. Ich habe den Rückzug angetreten und erkannt, dass ich solch einem Druck nicht mehr gewachsen bin. Ich erinnere mich auch sehr gut an meine ersten Besuche der Schreibgruppe 2010 an der psychiatrischen Klinik. Das Therapieende nahte und auch damals hatte ich große Angst, nach der Entlassung nicht klarzukommen. Die Klinik war ein Schutzraum. Wie sollte ich ohne diesen Schutz bestehen? Ich selbst nahm mich als Opfer von Gewalt wahr, von staatlicher Gewalt zu DDR-Zeiten. Meine Seele war gebrochen worden. Mitte der 80er Jahre versuchte ich mir mehrmals das Leben zu nehmen. Als die Grenzen sich 1989 öffneten, war ich schon einen Tag später in Westberlin. Ich wollte nicht wieder zurück, traute den Geschehnissen nicht. Was, wenn ich nach Hause fahre und die Grenze wird hinter mir wieder dicht gemacht? Ich hatte Angst, dann wieder auf der falschen Seite zu sein.
Obwohl die Wiedervereinigung für mich ein Glücksfall war und ich mich auch als Gewinner sah, hallten die Zersetzungsmaßnahmen von 1980 bis 88 in mir nach. Ich verhielt mich „ruhig“, wollte nicht auffallen, sprach auch mit meinen Kollegen nicht über das Geschehene. 1994 musste ich bei meinem Eintritt in den Landesdienst alles offenlegen. Die Überprüfung auf eine Stasivergangenheit umfasste wohl aber nur eine aktive Tätigkeit für die Stasi. Ich war aber Opfer. Und dann wollten die Therapeuten in mir den „alten“ Rebellen wecken. Vor diesem Rebellen hatte ich aber Angst. Ich befürchtete vom Opfer zum Täter zu werden, zu einem Amoktäter. Zu solch einen möglichen Wandel gab es objektive Hinweise. Das Klinikpersonal hatte mich beobachtet, dass ich in psychischen Ausnahmesituationen mit meinem Auto viel zu schnell und riskant fuhr, manchmal auch auf Mitpatienten zusteuerte. Ich werde die Stille im Raum und die sichtbare Betroffenheit der Mitpatienten beim Vorlesen eines Textes darüber in einer Schreibgruppe nie wieder vergessen. Dort traf ich auf Menschen, die auf mich vertrauten. Innerhalb von nur 12 Monaten schrieb ich ein Buch mit einem Teil meiner Lebensgeschichte. Der Weg meiner extremen Lebensveränderung wurde sichtbar.
Meine Geschichte zeigt, wie auch die vieler anderer, die Komplexität menschlicher Natur und die Fähigkeit zur Veränderung und zum Wachstum. Da fällt mir ein sehr bekanntes Beispiel ein, nämlich das des Apostel Paulus aus der Bibel. Vor seiner Bekehrung verfolgte er Christen, doch nach einem tiefgreifenden spirituellen Erlebnis wurde er zu einem der einflussreichsten Missionare des frühen Christentums. Das ist eine sehr tiefgreifende Veränderung! Es erinnert mich an die transformative Kraft des persönlichen Wachstums und der Veränderung. Denn Attentäter und Terroristen sind keine »Monster«, sondern Menschen.
Durch meinen Partner fand ich zur Religion, besuchte einen Glaubenskurs und lernte viel über die Sicht der Kirche auf die Welt. In der Osternacht 2019 ließ ich mich taufen, ein unvergesslicher Schritt. Seitdem habe ich auch in meiner Kirchengemeinde Fuß gefasst und beschäftige mich sehr viel mit Spiritualität im Leben. Ich fühle mich nicht als Prophet, denn dieser predigt seinen Glauben. Ich lebe ihn und schreibe manchmal über ihn, ohne andere missionieren zu wollen. Die Angst, wieder Gewalt auszuüben, habe ich während meiner spirituellen Erfahrungen verloren.
Es grüßt dich herzlichst
Lutz
Gefangen
Die Demütigung
Die Rose
Der Schmerz I.
Die Scherben
"Es war, als sollte der Schmerz ihn überleben."
Der Schmerz II.
Schmerz flüstert unter der Haut,
Erinnerung brennt.
Stumme Narben glüh’n,
Wellen brechen in der Brust,
Zeit heilt nicht.
Nebel trägt Schatten,
Stille wächst in leeren Räumen,
Schmerz atmet allein.
Blätter fallen sacht,
Echo fern verblasster Namen,
Stille wiegt das Leid.
Wind trägt alte Zeit,
Schmerz ruht tief in müden Gliedern,
Schatten bleiben still.
Mauern ohne Klang,
Schatten schleichen durch die Zeit,
Narben reden noch.
Vergangene Gitter,
Misstrauen wiegt schwer im Herz,
Schweigen rostet tief.
Wunden ohne Blut,
Körper trägt die alte Last,
Seele schweigt im Schmerz.
Erinnerung pocht,
Körper trägt die leise Last,
Zeit webt dunkles Band.
Akteneinsicht I
Das Flimmern
Heute ist wieder so ein Tag. Die Gedenkstätte Moritzplatz in Magdeburg und die Runde Ecke in Leipzig hatte ich in den letzten Jahren schon besucht. In beiden Erinnerungsstätten für die Opfer politischer Gewalt in der DDR, ging es mir nicht gut. Die Räumlichkeiten holten Bilder meiner Haftzeit zurück. Sogar den Geruch in den Zellen und auf den Fluren konnte ich wahrnehmen. Angst stieg auf, Schweiß trat nicht nur auf die Stirn, mein Kreislauf spielte verrückt.
Ob mir das heute auch wieder passieren wird? Vor vier Wochen bekam ich eine Einladung zu einer politischen Bildungsveranstaltung. Eine Führung mit anschließendem Gespräch in der Gedenkstätte Roter Ochse in Halle wurde angeboten und ich meldete mich an. Mein Mann wollte mich das erste Mal begleiten. Das gab mir Sicherheit. Ich brauchte nicht allein zu fahren. Ich wollte ihm unbedingt solch einen Stasi-Schauplatz zeigen. Ich weiß, dass es etwas ganz anderes ist, wenn man in solch einer Zelle steht und ehemalige Gefangene erzählen, wie sie den Tagesablauf während der U-Haft erlebt haben, wenn sie berichten, dass sie tagsüber in den kleinen Räumen nur mit Glasbausteinen als Fenster, sich nicht hinsetzen durften. Hinlegen ging sowieso nicht, weil die Pritsche an die Wand hochgeklappt war und nachts, wenn sie hätten schlafen können, zur Vernehmung geholt wurden. Man spürt regelrecht ihre Qualen. Ich musste das erleben. Die Angst vergeht nicht, sie verblasst auch nicht.
Gestern Abend begann dann alles anders zu werden. Mein Mann, seit vielen Jahren gesundheitlich stark eingeschränkt, hatte das Gefühl, dass ihn das alles überfordern würde. Und so mache ich mich heute Morgen allein auf den Weg. Um mich nicht selbst zu überfordern, lasse ich das Auto stehen und benutze die Bahn.
Es ist herrlicher Sonnenschein und zum Glück scheint die extreme Hitze der letzten Tage vorbei zu sein.
10 Uhr soll die Führung durch die Gedenkstätte beginnen. Ich bin viel zu zeitig da und auch fürchterlich aufgeregt. Ich stehe vor dem Gefängnisgebäude und mir ist schlecht. Ich betrachte das Gebäude von der Straße und stelle fest, dass es für mich überhaupt keinen übermächtigen beängstigenden Eindruck macht. Ein roter Backsteinbau inmitten eines idyllischen Stadtviertels, umgeben von mondänen Villen. Diesem Bild steht der Stacheldraht auf den Außenmauern völlig entgegen. Es ist eine bizarre Mischung von traumhaften Villen und abgeschotteten Gebäuden. Schilder weisen darauf hin, dass hier der Teil einer JVA ist. Ich bin irritiert. Ich hatte noch nie gehört, dass ein ehemaliges Stasigefängnis auch heute noch als Haftanstalt genutzt wird.
Alles ist so widersprüchlich. Ich spüre zwar keine Angst, aber ich schwitze wie verrückt. Es ist nicht heiß, doch der Schweiß rinnt mir in Bahnen den Nacken entlang. Ich weiß nicht, was mich jetzt erwartet.
Etwa 14 Leute versammelten sich im Eingangsbereich. Es sind jüngere dabei, die bestimmt erst nach der Wende geboren wurden. Vielleicht haben sie schon einmal etwas davon gehört, was Menschen passiert ist, wenn sie sich nicht „staatskonform“ verhalten haben. Andere wiederum gehörten vermutlich meiner Generation an. Wer weiß, was sie für Erfahrungen mit der Stasi gemacht haben.
Wir werden von einem Museumspädagogen abgeholt und in einen Seminarraum gebracht. Wir gehen an seltsam blau angemalten Zellentüren eines sehr alten Gefängnisbaus vorbei. Die Flure sind weiß getüncht und erinnern mich überhaupt nicht an die, die ich 1979 in Leipzig selbst erlebt habe. Der Treppenaufgang ist frei und ungehindert passierbar, keine Gitter, keine Gittertüren am Anfang und Ende einer Treppe. Kein typischer Geruch von damals, es wirkt alles steril auf mich.
Schon bei den einführenden Worten wird mir klar, dass es in dieser Gedenkstätte nicht nur um die Zeit als Stasi-Untersuchungshaftanstalt geht. Der Rote Ochse wurde schon 1842 als Strafanstalt eröffnet. Bereits nach der Revolution 1848/49, in der Zeit des entstehenden Nationalstaates und der autoritären Militärmonarchie wurden hier aus politischen Gründen verurteilte Menschen inhaftiert, ebenso während der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik. Von 1942 bis zum Kriegsende wurden nicht nur hohe Haftstrafen, sondern auch 549 Todesurteile an politischen Gefangenen vollstreckt. Erst ab 1950 nutzte das MfS einen Teil der Gebäude als Untersuchungshaftanstalt.
Das erschreckt mich sehr, dass an diesem Ort nicht nur in der DDR, sondern seit Errichtung vor über 150 Jahren, Menschen für ihre politische Gesinnung abgestraft wurden.
Der Rundgang beginnt in dem Gedenkraum, in dem die Nazis Todesurteile vollstreckten. Ein Raum ohne jegliche Gegenstände, im Boden nur eine Fläche von zwei Quadratmetern. Originalsteinfußboden unter Glas, in der Mitte der Abfluss über den das Blut der Getöteten ablief. Ein seltsam schauriges Gefühl überkommt mich.
In den anderen Räumen wird überwiegend die sowjetische Nutzung nach Kriegsende und durch das MfS auf Schautafeln dargestellt. Einzelschicksale, die vor meiner Inhaftierungszeit liegen. Wenige Haftzellen sind Nachbauten, keine Originalorte und mit Mobiliar ausgestattet, welches ich so nicht kenne. Also frage ich nach und bekomme bestätigt, dass die Zellen so in den 50er und 60er Jahren eingerichtet waren.
Meine Frage weckt die Aufmerksamkeit anderer aus der Gruppe. Ich werde gefragt, ob ich eigene Erfahrungen gemacht hätte. Mir wird klar, dass keiner der anderen selbst inhaftiert oder verfolgt wurde. Sie stellen mir viele Fragen und hören interessiert zu. Anfangs ist meine Stimme rau und brüchig, versagt manchmal. Zunehmend fällt es mir leichter zu erzählen. Die Angst weicht. Ich soll erzählen, wie ich die U-Haft erlebt habe, wie der Tagesablauf war, wie das mit den Vernehmungen war, was mir Angst gemacht hat.
Ich werde sicherer und berichte auch ausführlich von den Erlebnissen nach meiner Amnestierung. Die meisten können sich nicht vorstellen, was es bedeutet, der auf den Schautafeln dargestellten Willkür ausgesetzt zu sein. Ich spüre Betroffenheit, wenn ich von der ständigen Überwachung erzähle, den Wanzen in der Wohnung, mit denen ich abgehört wurde, den Drohungen, das Kind wegzunehmen, den Reisebeschränkungen und den von der Stasi vorgegebenen Arbeitsstellen.
Ursprünglich dachte ich, mich mit den auftauchenden Bildern aus dieser Zeit ein weiteres Mal mit meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die erwarteten Eindrücke erfüllen sich jedoch nicht.
Dafür passiert etwas anderes. Ich mache mich mit dem Gedanken vertraut, als Zeitzeuge zu arbeiten. Es wird mir sicher schwerfallen, weil es etwas ganz anderes ist, als über die Erlebnisse zu schreiben und öffentlich zu lesen. Interaktiv in Gespräche zu gehen, ermöglicht es mir, meine erfahrenen Demütigungen und anhaltenden Ängste besser zu überwinden. Die Gespräche im Roten Ochsen zeigen mir auch, dass solche gut geeignet sind, die Menschen für die aktuellen Geschehnisse zu sensibilisieren. Verfolgungen und Ausgrenzungen aus politischen Gründen müssen wir entgegenwirken.
Akteneinsicht II
Der Schmerz III.
Ich trage ihn mit und hoffe auf Linderung, auf Vergessen – und weiß dennoch, manche Schmerzen heilen nicht, sie werden nur leiser.
Schmerz ist nicht nur Erinnerung, sondern wird zu einem unauslöschlichen Bestandteil des eigenen Seins.
Haiku
Was hätte sein können,
verhallt wie ein ferner Klang -
Stille bleibt zurück.
2.
Ideen fallen
wie Blätter im Herbstwindspiel -
Wurzeln bleiben still.
3.
Brüche durchziehen
meinen Lebensweg
kein Laut, nur Verlust
Ein Aufbruch?
Ich las, dass dieses Handwerk eng mit der japanischen Philosophie verbunden ist. Die Verletzlichkeit, Vergänglichkeit und Schönheit in Unvollkommenheit wird zelebriert. Brüche und Reparaturen sind Teil der Geschichte eines Objektes oder aber auch einer Person, die dadurch noch wertvoller werden.
Diese poetische und inspirierende Sichtweise hat mich gepackt. Mein Gedankenkarussell fing an, sich zu drehen.
Mein eigenes Leben ist von vielen gravierenden Lebensbrüchen gezeichnet. Für andere oft nicht nachvollziehbar, machte ich einige abrupte Kehrtwendungen und hatte oft selbst damit schwer zu kämpfen. Situationen, an denen ich verzweifelte, gar zu zerbrechen drohte, führten dazu, dass ich spontan dieses Leben verließ und einen Neustart versuchte. Doch die Abschnitte des vermeintlichen Scheiterns waren nicht gelöscht. Sie wirkten nach.
Als Heranwachsender trat ich in der DDR offen für die Ideale des Sozialismus ein, bis ich bemerkte, dass die Entwicklung dieses Staates immer mehr von diesen Idealen abwich. Ich wollte dazu beitragen, dass sich das ändert und begehrte gegen das System auf. Der Widerstand hatte keinen Erfolg. Auch meine Eltern stellten sich gegen mich, wollten, dass ich wie eine Marionette funktioniere, mich in Ruhe und geduckt den Gegebenheiten beuge. In meiner Verzweiflung brach ich aus dem System aus, fügte dem Staat gewaltsam einen erheblichen Schaden zu und kollidierte zwangsläufig mit der Staatssicherheit. Ich musste dabei erfahren, dass der entstandene Bruch sich nicht kitten ließ. Der Graben schien sogar größer geworden zu sein. Meine Eltern wandten sich während meiner Haftzeit offen von mir ab. Später konnte ich in meiner Akte lesen, dass dies von ihnen verlangt wurde. Während meiner Haftzeit versuchte ich alles, um in die BRD ausreisen zu dürfen. Es gelang mir nicht. Meine Seele war gebrochen, ich war zerbrochen, musste mich der Staatsmacht fügen.
Nach der Haftzeit setzte der Staat seinen Druck auf mich fort. Ich durfte mich nicht frei bewegen, mein Wohnort und die Arbeitsstellen wurden vorgegeben. Ich wurde mit allen Mitteln überwacht und kontrolliert, die Ehefrau berichtete regelmäßig der Stasi, das Kind wurde als Druckmittel eingesetzt, die Wohnung wurde abgehört, auf den Arbeitsstellen waren ebenfalls inoffizielle Mitarbeiter der Stasi auf mich angesetzt. Ich wurde psychisch krank, verlor den Lebenswillen und versuchte mich mehrfach selbst zu töten. Zehn Jahre später hörten die Zersetzungsmaßnahmen auf, die DDR hörte auf zu existieren.
Ich ergriff die Chance, mir ein neues Leben aufzubauen. Dabei setzte ich alles daran, meine bisherige Geschichte auszublenden. Ich begann Ende der 90ziger Jahre im Landesdienst zu arbeiten, war erfolgreich. Doch die Haft und die Zersetzungsmaßnahmen haben tiefe Narben hinterlassen. Die Depressionen kehrten immer wieder zurück. In langen Therapien lernte ich mit diesen Verletzungen umzugehen. Schließlich habe ich meine vermeintliche Karriere beendet. Auch meine zweite Ehe zerbrach, mein Leben war ein einziges Chaos. Ich flüchtete aus meiner Heimatstadt und begann wieder einmal ein neues Leben, völlig entgegengesetzt allem bisher gewesenen. Eine erneute tiefe Bruchstelle entstand. Doch dieses Mal versuchte ich sie nicht zu kaschieren. Ich stehe zu meinen Lebensbrüchen und erzähle sie. Meine Arbeit in verschiedenen Autoren- und Schreibgruppen ist mir dabei sehr hilfreich. Neu hinzugekommen ist auch die Zeitzeugenwerkstatt beim Landesbeauftragten Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Und da schließt sich wieder der Kreis zum Kintsugi-Handwerk.
Ich habe die Scherben meines Lebens nicht einfach nur wieder zusammengeklebt und repariert. In einem immer noch anhaltenden langen Arbeitsprozess versehe ich sie mit einem besonderen Lack. In diesem Lack ist wie in der japanischen Handwerkskunst feinstes Goldpulver untergemischt. Die Linien meiner Lebensbrüche werden damit nicht mehr kaschiert, sondern hervorgehoben. Die Bruchstellen meines Lebens glänzen plötzlich golden. Sie entsprechen den Narben, die meine Geschichte erzählen. Die mit meinem Leben gefüllte Kintsugi-Schale zeigt: Ich bin an verschieden Stellen gebrochen. Ich habe vieles überstanden. Es hat Mühe und Zeit gekostet, wieder ganz zu werden. Und man wird es immer sehen. Ich bin nicht wie vorher. Sie wird durch die vergoldeten Risse sogar noch wertvoller.
die T
Die T.
"Jemand musste Kornelia T. verleumdet haben, denn ohne dass sie etwas Böses getan hätte, wurde sie eines Morgens verhaftet."nach Franz Kafka
Eine Stickerei
Marina Auszug aus dem Briefwechsel der Zeitzeugenwerkstatt // 25.02.2025
Du kannst ihn lesen. Vielleicht möchtest Du auch schreiben, wie er auf Dich wirkt.
Sehr geehrte Frau Friedrich!
Wir haben Kenntnis davon erhalten, dass Sie 1983 den Antrag auf Ausreise aus der DDR gestellt haben. Wir haben versucht, uns mit Ihren Motiven zu diesem Schritt auseinander zu setzen und Argumente zu finden, die Ihre Lebensentscheidung recht-fertigen. Es ist uns aber nie gelungen, auch nur ein Argument zu finden, welches für Sie spricht.
Frau Friedrich, Sie sind Jahrgang 1957. Hineingeboren in unseren sozialistischen Staat, der Ihnen vom 1. Lebenstag an soziale Sicherheit, Geborgenheit, Bildung und Frieden garantiert.
In Ihrer beruflichen Entwicklung hatten Sie sogar die Chance, zwei Berufsabschlüsse zu erlangen.
So nehmen wir doch an, dass die Arbeit als Krippenerzieherin in der Kindergruppe Rosa Thälmann ganz Ihren Vorstellungen und Neigungen entsprach. Es gehört ja auch zu Ihren schönsten Aufgaben, Kinder im Sinne unserer sozialistischen Gesellschaft zu formen und zu bilden. Und sicher teilen Sie mit uns die Meinung, dass unsere Kinder unser wertvollstes Gut sind und es sich lohnt, sie mit aller Liebe aufzuziehen. In Ihrem Kollektiv waren Sie ein geschätztes Mitglied und hatten als Gruppenleiterin eine verantwortungsvolle Aufgabe zu erfüllen.
Daraus können wir ersehen, dass Sie alle Möglichkeiten für Ihre Persönlichkeitsent-wicklung erhielten. Wir können überhaupt nicht verstehen, dass Sie, Frau Friedrich, eine solche schwerwiegende Fehlentscheidung für sich und Ihre beiden Kinder treffen konnten.
Was glauben Sie, was Sie und Ihre Kinder in dieser kapitalistischen BRD erwartet? Arbeit? Soziale Sicherheit? Verständnis? Hilfe und Geborgenheit und Anerkennung im Kollektiv? In der Hausgemeinschaft?
Nichts von alledem werden Sie erleben dürfen. Sie werden einsam sein und auf sich allein gestellt. Dort herrscht die Devise – jeder ist sich selbst der Nächste.
Die BRD kann mit ihrem kapitalistischen Gesellschaftssystem die Probleme ihrer eigenen Bürger nicht lösen, geschweige denn die der einreisenden Ausländer.
Überdenken Sie Ihren Entschluss und bei gründlicher Überlegung werden Sie erkennen, dass nur die sozialistische DDR die Heimat für Sie und Ihre Kinder sein kann.
Text/Original/Wortlaut/Orthographie Helga Meyer/Krippenleiterin der DDR. Der Brief ist gerichtet an Marina Friedrich.
Blütenlos
Das Wiedersehen mit meiner Tochter
Genau hier, wo auch die Busse parken und wo sich eine Straße entlang zum Bahnhofsvorplatz hinschlängelt, genau auf dieser Straße müsste ja das Taxi - vereinbarte - gefahren kommen.
Es ist nun wenige Minuten vor 6:00 Uhr. Mein Herz klopft. Ich gehe ein paar Schritte aufwärts, dann wieder ein paar Schritte abwärts. Vergeblich, ich sehe weder ein Taxi, noch ein bekanntes Gesicht. Hoffentlich stört die Staatssicherheit die Übergabe nicht.
Mein Kopf pocht. Hastig blicke ich auf meine Uhr. Die Zeit rennt schneller, als ich sie fassen kann. Sie müssten eigentlich längst da sein.
Ein älterer Herr läuft mit einer aufgeschlagenen Zeitung an mir vorbei. Ist der vielleicht ein Mitarbeiter der Staatssicherheit? Einer, mit einem Parteiauftrag, der alles beobachten und protokollieren soll?
Ein Moskwitsch nähert sich dem Bahnhof. Doch das Auto fährt an mir vorbei – ich sehe gerade noch die Schlusslichter.
Mir wird ganz heiß. Ein beklemmendes Gefühl macht sich breit. Ich fühle die Panik aufsteigen.
Aus einem nahen Schornstein steigen dicke schwarze Wolken in den morgendlichen Himmel.
Alte klapprige Trabants knattern entlang der Straße. Auch sie hinterlassen vor allem eines: dicken Qualm. Umweltschutz Fehlanzeige. Es ist Alltag in Saalfeld.
In meinem Kopf herrscht nur eins: Alarmstimmung.
Gleich ist es viertel sieben. Was soll ich nur machen? Ich kann niemanden ansprechen, ich kann niemanden fragen. Keiner kann mir jetzt helfen. Mir wird übel. Ich bleibe auf der Stelle stehen und atme ein paar Mal tief ein und versuche stark zu sein.
Dann mache ich wieder ein paar Schritte vorwärts, ein paar Schritte rückwärts. Inzwischen zittere ich am ganzen Körper.
Wieder kommt ein Auto gefahren. Diesmal ist es ein Taxi. Ein Taxi, huscht es mir durch den Kopf. Mit einem Taxi müssen sie ja kommen! Es fährt langsam, es fährt Schritttempo, es muss ortsfremd sein. Der Chauffeur sucht! Auf einmal sehe ich meine Mutti im Taxi sitzen, dann den Opa hinter der Windschutzscheibe. In meinen Augen sammelt sich Wasser. Das Taxi bringt mir mein Kind!
In mir fährt alles Achterbahn, das Bild rückt schlagartig näher, mein Herz springt. Dann bleibt das Taxi stehen. 50 Meter vor mir. Der Chauffeur schaltet den Motor aus. Ich bleibe stehen. Ich halte Abstand. Türen öffnen sich vorsichtig. Karina ist die erste, die die Oma rausschiebt. Oh, Gott, mein Kind!
Ich muss ein paar Mal kräftig schlucken. Sie macht einen erschütternden Eindruck. Mein kleines Mäuschen wirkt so zart und zerbrechlich und ist doch so groß geworden. Ich traue fast meinen Augen nicht. 19 Monate habe ich sie nicht gesehen.
Meine Eltern verlassen zum Schluss das Taxi. Offensichtlich hat Karina mich noch nicht gesehen. Meine Mutti zeigt mit dem Finger auf mich.
„Schau, Karina, da vorne steht die Mutti!“
Karinas Bewegungen sind langsam und von Schwermut geprägt. Sie dreht sich ein Stück seitwärts und sieht mich stehen. Ich gehe einige Schritte auf sie zu. Sie bewegt sich nicht. Ich gehe noch ein Stück weiter, dann bleibe ich wieder stehen. Ich sage ihren Namen: Karina? Wir sehen uns an.
Sekunden werden zu Minuten. "Karina?", sage ich jetzt lauter. Es sind zirka 30 Meter die uns trennen. Karina steht noch immer starr und unbeweglich, Trauer liegt auf ihrem schmalen Gesicht. Ich bin aufgeregt, ich bin in Sorge. Zwischen uns steht alles still.
Es ist als würde sich alles noch einmal wiederholen, meine Verhaftung vor ihren Augen. Damals hatte ich ihr zugerufen: "Tschüss, meine Maus, wir sehen uns heute Abend wieder."
Ich blicke noch immer auf ihr kleines Gesicht. Das Licht in ihren Augen wirkt getrübt, ihre Wangen sind weiß wie Schnee. Schlapp hängen ihre beiden Arme an ihr herunter. Sie trägt ein helles Kleid. In ihren Ohrläppchen stecken noch immer die beiden schönen Ohrringe, mit einem Marienkäfer, die sie damals getragen hat.
„Ach komm Karina, das ist gar nicht deine Mutti,“ sagt meine Mutti plötzlich. Der Satz war viel, zu viel.
„Neiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin“, schreit Karina aus vollem Hals, so laut, dass die im Winkel meiner Augen stehenden Passanten ihre Köpfe wenden. Ich sehe mein Kind schreien, so wie ich sie noch nie schreien gesehen habe. Ihr Mund ist weit aufgerissen, ihre Augen voller Furcht und ihr kleiner Körper zittert vor Anstrengung.
Sie kommt angerannt, als wollte sie fliegen. Sie stürzt sich in meine offenen Arme und umschlingt mich und ich halte und wärme mein zitterndes Kind ganz fest.