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Aufarbeitungswerkstatt

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Gemeinsam mit den betroffenen Menschen erforschen wir in der Aufarbeitungswerkstatt Wege, die über das Gespräch und die partizipative Zusammenarbeit, SED-Unrecht und seine Folgen sichtbar machen und aus der Ohnmacht führen.

Im Rahmen eines wissenschaftlichen Kooperationsprojektes zwischen der Universitätsklinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie Magdeburg und dem Aufarbeitungsbeauftragten  in Sachsen-Anhalt, arbeiten wir gemeinsam mit den betroffenen Menschen für das konstruktive Gespräch über die Langzeitfolgen von SED-Unrecht.

Für Würde, Anerkennung und Menschlichkeit.


















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Das Ende der SED-Diktatur liegt gut 35 Jahre zurück. Viele Menschen waren betroffen von Verfolgung und Repression, Ausgrenzung und Diskriminierung. Neben der rechtlichen Wiedergutmachung und der historischen Aufarbeitung ist das Sprechen über das erlebte Unrecht für die betroffenen Menschen wichtig. Dieses Sprechen erfordert Mut und einen Raum unter anderen, die zuhören. Oft geht diesem Sprechen ein langes Schweigen voraus, manches bleibt unsagbar.

In der Aufarbeitungswerkstatt  erforschen wir seit 2023 gemeinsam mit betroffenen Menschen Wege, die politisches Unrecht und seine Folgen sichtbar machen und aus der Ohnmacht führen. Denn:

* Was bedeutet es für Menschen, diesem Schicksal nicht entfliehen zu können? * Wie finden sich Worte für das lange Schweigen? * Welche Wege führen aus der Ohnmacht? * Wie können wir einander von Unrecht und seinen Folgen erzählen? * Wie können Menschen unterstützt werden, um vom Betroffenen zum wertvollen Zeitzeugen zu werden? * Wie gelingt ein konstruktiver Dialog?

In gemeinsamer Auseinandersetzung mit Kunst, Musik und Literatur, mit Foto-, Audio-, und Aktenmaterial, ist die Ausstellung "An der Schmerzgrenze" mit sechs künstlerischen Zeitzeugenportfolios entstanden, die uns Antworten geben können und neue Fragen stellen.



Entwickelt und begleitet von Elisabeth Vajna

Hinweis: Bei den entstandenen Texten handelt es sich um Literatur. Es wird kein Anspruch auf historische und faktische Vollständigkeit erhoben.











 









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Kerstin Seifert

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Der Stuhl auf dem ich sitze, befindet sich in einem langen Flur mit vielen Türen. Der uralte Linoleumboden unter mir riecht nach Bohnerwachs, Schweiß, Urin und etwas Undefinierbarem.

Ich gehe durch die Tür, nachdem der Mann mir befohlen hat, hineinzugehen.

Es ist ein grauer, hässlicher Raum mit demselben Linoleum. Ich muss mich an den Tisch setzen, auf der anderen Seite sitzt er, mit einem falschen Lächeln und schleimiger Sprache.

Er sieht mir nicht in die Augen.

Die Tür ist geschlossen.

Das Fenster ist auch geschlossen, durch die vom Zigarettenrauch vergilbte, geschmacklose Gardine, schimmern stumpf Gitterstäbe.

Er trägt einen grauen Polyesteranzug mit Krawatte, am Revers steckt das weiß-blau-rot-goldene Bonbon, es stinkt nach billigem Rasierwasser.

Mir ist übel.

Ich kann nicht entscheiden, wann das Gespräch zu Ende ist, ich kann nicht aufstehen.

„Gefahr!“ schreit mein inneres Ich: “Pass auf, was du sagst!“

Das Telefon klingelt, er geht ran.

Der Mann ist wichtig.

Ich bin unwichtig.

(Nur) für heute sind wir entkommen.


Mai 2023 - März 2025


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Frisch aus der Dusche.

Ich trage mein Bündel mit Decke und Zahnputzbecher.  

Die Haut brennt schuppig vom Seifenwasser.

Ein schlabbernder Trainingsanzug umhüllt mich wie eine zweite Haut aus Gleichgültigkeit,

dazu Filzpuschen, braun-beige kariert, wie meine Gedanken, die sich nicht ordnen lassen.  

Im Flur tanzen Lichter, ich muss nach unten schauen. Ein Schatten – unsichtbar, doch in meinem Kopf trägt er eine Kalaschnikow.

Befehle bellen. Gehn se! Stehn se!

Zelle 210 schließt sich wie ein Maul, das Schloss aus Eisenzähnen.

Ein winziger Raum mit WC und Waschbecken. Zwei Doppelstockbetten für drei Frauen –

eine Szene, ein Bühnenbild, ein Stück ohne Himmel. Wir spielen Rollen, doch niemand applaudiert.  

Die Sonne fehlt, der Staub spricht in Farben: beige, grau, vergessen.  

Grün gekleidete Männer marschieren, Stiefel wie Metronome der Macht. Klack – die Klappe des Spions zuckt.  

Wir singen leise, trotzig: „Schau mich bitte nicht so an, du weißt genau, ich kann dir dann nicht widerstehen.“ Ein Lied gegen den Ekel, gegen die Entwürdigung, gegen das Verstummen.
   
Ich bin Bett links unten, Claudi rechts oben. Marie liegt rechts unten. Ihre Hände wissen, was Heilung heißt. Sie lehrt uns Klopfen, Drücken, Ausstreichen – Berührung als Widerstand. Wir nennen es SEMA – Seelenmassage.  

Und während die Spion-Klappen häufiger schlagen, schlagen unsere Herzen mit Mut.           
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Du sagst dich los von
mir und jetzt ohne Liebe
sage ich mich los

Du sagst ich sage
mich los von dir jetzt - Liebe
ich sage mich los

Du sagst los jetzt dir
sage ich ohne deine
Liebe bin ich gut

Ohne Liebe sagst
du dich los von mir und ich
sage mich jetzt los


26.03.2025



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Vor ein paar Tagen schrieb ich in einer Schreibgruppe ein Elfchen:

„Ich überwinde die vernünftige Welt und werde zur Kämpferin für Liebe.“

Dieser Spruch hängt jetzt an der Pinnwand neben dem Schreibtisch. Der Plan war, dass er mich jederzeit daran erinnert, dass es a) gut ist für etwas zu kämpfen und b) Liebe die größte Macht von allen ist. Liebe, ein Gefühl? Eine hormongesteuerte Illusion meines Gehirns?

Früher glaubte ich zu wissen, was Liebe ist. Es war ein Gefühl, mit dem ich morgens aufwachte und abends wieder ins Bett ging. Liebe brachte mein Herz zum Klopfen und schnürte den Magen so fest zu, dass ich keinen Bissen mehr herunterbekam. Von Luft und Liebe leben, das war sehr klar - funktionierte.

Liebe trug mich durch dunkle Tage, Liebe half mir, nicht krank zu sein und Liebe schenkte mir selbst dann Energie, wenn die Mauern unglaublich dick waren und niemand geglaubt hätte, dass ich sie überwinde. Liebe ist wie eine Naturgewalt. Sie findet Wege und begleitete mich durch das Dickicht, ohne Licht und ohne Führung. Die Liebe ist sich selbst genug und braucht dennoch Futter. Vielleicht ist es Seelenfutter. Eine Art von geistiger Nahrung, die nur vorhanden ist, wenn die Vernunft schweigt. Liebe und Vernunft scheinen sich nicht besonders gut zu verstehen. Vernunft gibt auf, Liebe macht weiter.

Der Verlust der Liebe fühlt sich an wie ein Loch im Herzen, eine leere Stelle, die unentwegt Schmerzen in alle Teile des Körpers sendet. Ich würde mich freuen, wenn die Liebe sehen würde, wie sehr ich bereit bin, für sie zu kämpfen. Aber ich schreibe es gerade auf, vielleicht liest sie es ja.

19.02.2025


 


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Während der Zeit der Fußball EM 2024 in Deutschland, reise ich mit Bus und Regionalbahn nach Köln. Mein endgültiges Ziel ist der hohe Norden. Ich bin selbst an der Ostsee aufgewachsen und erwarte gewohnt nordisch-maritime Umgebung sowie zurückhaltende Menschen, nicht vergleichbar mit den quirligen und geselligen Rheinländern. Meine Stimmung ist angespannt, der Magen krampft sich - und obwohl ich Stunden zu früh für den ICE nach Hamburg am Kölner Bahnhof eingetroffen bin, kann ich meine Nervosität nicht weg atmen. Ich muss raus, auf den Bahnhofsvorplatz, dorthin, wo der Dom steht. Auf dem Domplatz erwartet mich ein riesiger Trubel, natürlich – Schottland spielt am Abend gegen die Schweiz in Köln. Schottische, vorwiegend männliche Fußballfans in ihren typischen karierten Röcken dominieren die Menschenmasse. Gleich mehrere Dudelsackpfeifer heizen der Menge ein. Ich nehme die heitere Ausgelassenheit wahr und bin gleichzeitig wie durch eine dicke Glasscheibe von den feiernden Menschen getrennt. Eingeschlossen in meine eigene empfindungslose Welt suche ich mir ein Plätzchen mit Überblick auf der Treppe. Mehrere Leinwände, darauf Hinweise auf die Ausweichplätze am Rheinufer der „scheel Sick“ fürs Rudelgucken in deutscher und englischer Sprache, aber das schert niemanden. Nur hier auf dem Domplatz schlägt das Herz von Köln, nur hier treffen sich Fußballfans aus der ganzen Welt. Tropf, tropf, ein zäher Sekundenharztropfen nach dem anderen fließt am Uhrenbaum Richtung Erde, wird an Ort und Stelle zusammengepresst; die Zeit ist eine geschlossene Kapsel aus Bernstein und ich mittendrin eingeschlossen, ein prähistorisches Insekt. Neugierige, farblose Augen beobachten, wie ich aus einer Plastikflasche Wasser trinke. „Nein, die Flasche brauche ich noch!" Ich verstehe, die durchschnittliche Verweildauer der Pfandflasche im Mülleimer rechts unten, am Fuß der Treppen beträgt derzeit zehn Millisekunden, da ist Zeit Geld und wer sich traut, gewinnt Vorteile gegenüber der zahlreich vorhandenen Konkurrenz. Nach intensivem Studium der ausgedruckten Fahrkarte, die mir das Gericht zugesendet hat, dämmert zart eine Erkenntnis: ich hätte jeden anderen Zug nehmen können, nicht nur die in der E-Mail mit geschickter Zugverbindung, denn auf dem Ausdruck steht „Flex Ticket.“ Aber das Misstrauen sitzt tief. Ich nehme den vorgesehenen Zug. Während der gesamten Fahrt hält die Angst an, es ist mir zu voll und zu laut. Fußballfans auch in den Zügen und an allen Stationen.    





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Mit erheblicher Verspätung erreiche ich Hamburg und muss auf die nächste Regionalbahn warten. Endlich angekommen finde ich mich nicht zurecht. Irgendwann habe ich den richtigen Bus gefunden und nach vielen Schritten: Die Ankunft. „Seeblick“, welch ein großer Name für das alte Haus! Jugendstil, alles mit hässlichen Farben übermalt, ich finde ein Schild: „Rezeption Erstes OG“. Der Aufstieg: eine steile Treppe, der Rucksack drückt, mein Knie tut weh. Oben erwartet mich ein Mensch wie mit einer Maske (Toni Erdmann). Klein, gebeugt, Raucherzähne, neugierige und falsche Blicke. Ich blicke in sein Büro, meine Augen finden nichts zum ausweichen, es ist wie ein Unfall, man möchte nicht hinsehen, aber muss. Es ist chaotisch und unaufgeräumt, der Schreibtisch quillt über, alles ist gelb-braun und riecht nach kaltem Zigarettenrauch. Der Flur hängt voll mit Schildern: Rauchen verboten.  Ich frage, ob meine Bekannte schon da ist, er blättert umständlich im großen Reservierungskalender aus Papier, ihr Name ist nicht bekannt. „Noch ist ein Zimmer frei, sie müsste sich schnell entscheiden. Ständig kommen neue Anfragen rein.“ Das glaube ich nicht. Jemand muss schon sehr verzweifelt sein, um in diese Absteige zu gehen. „Toni“ fragt mich, ob ich am nächsten Morgen frühstücken möchte, das macht dann acht Euro. Ich muss sofort bezahlen, der kleine Mann jammert: „Alles ist so teuer geworden, vor allem der Strom und von den anderen Nebenkosten für das Haus ganz zu schweigen.“ Ich will nur noch aufs Zimmer und „Toni“ gibt auf. Er erzählt, dass er mir eigentlich ein Zimmer im zweiten Obergeschoss geben wollte, aber wegen meiner offensichtlichen Gehbehinderung bekomme ich ein Zimmer im ersten Obergeschoss. Das Zimmer liegt am Ende des Flures, an den Zimmertüren auf der linken Seite sehe ich Schilder: Privat. Es ist dunkel, weil es zurückliegt, davor eine Art Terrasse, die aber nicht zu betreten ist, ich kann nur durch ein kleines Fenster darauf schauen und es stinkt nach Gefahr. Einen Zugang zur Terrasse hat man nur von der im 90 Grad Winkel liegenden Balkontür eines offensichtlich privat genutzten Zimmers, ich blicke auf ungeputzte Fenster mit gelben Nikotin-Gardinen. Das Bett in meinem Zimmer steht direkt am Fenster, ich stelle mir vor, wie „Toni“ nachts aus seinem Zimmer schleicht, über die Dachterrasse geht, mich durchs Fenster im Schlaf beobachtet, möglicherweise auch hereinkommt, wenn ich es zum Lüften geöffnet lasse. Räume und Gerüche machen etwas mit mir. Ich gehe rückwärts raus. Gehe wieder ins Büro: frage nach, ob ich das für mich vorgesehene Zimmer im zweiten Geschoss bekommen kann. Ja, das geht. Ich bekomme einen neuen Schlüssel. Das Zimmer ist halbwegs ok, es ist deutlich heller als unten, auf dem Bett liegen ein großes und ein kleines Handtuch. Neben dem Waschbecken klebt ein Zettel: „Extra Handtuch 4 €“. Vier Euro, das ist die offizielle Maßeinheit für jeglichen Extrawunsch in diesem Haus, auch für das alkoholfreie „Flens“, welches ich später am Tresen käuflich erwerbe. Vorher betrete ich wie im wilden Westen als Fremde den Saloon, vier Augen mustern mich, „Toni Erdmann“ hat Verstärkung bekommen. Die Frisur des Barkeepers erinnert stark an Udo Lindenberg, vor vielleicht zwanzig Jahren. Ansonsten ist die Bar gähnend leer, nur der Hausherr lümmelt sich in einem der abgewetzten, braunen Sessel - eine Parallelwelt, in der „Toni“ und „Udo“ warten, bis das Raumschiff kommt und sie abholt. Ich muss aus diesem Irrenhaus raus.

Spät am Abend versuche ich so geräuschlos wie möglich wieder auf mein Zimmer zu kommen, aber die Treppe knarzt. Auf dem Flur des ersten Stockes schleicht gebückt und in Zeitlupe eine sehr alte Frau mit weißen Haaren in einem verwaschenen hellblauen Morgenmantel in Richtung Büro von „Toni.“ Ich denke an den Film Psycho, bin froh, das Zimmer dort nicht genommen zu haben. Eine unruhige Nacht beginnt und endet nach einer Mütze Schlaf. Am nächsten Morgen bietet „Toni“ mit wieselgleichen Augen sein Frühstück im Foyer der Villa an, dort, wo gestern noch der Saloon war. Im harten Morgenlicht zeigt sich die abgeblätterte Anmut vergangener Zeiten. Ungeschönt und übersichtlich das Buffet, überall kleine Zettel, ausgedruckt, laminiert und aufgeklebt: „Eigenes Brötchen schmieren 4 €“. „Kaffee im eigenen Behälter 4 €“. Am größten Tisch sitzen sechs Männer in Arbeitskleidung, ich suche mir einen freien Platz am Nebentisch, der Kloß im Hals hält sich hartnäckig, bis meine Begleitung an der Tür sichtbar ist.
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Die S. bekommt am frühen Morgen einen Anruf von ihrem Sohn. Er berichtet, dass jemand von der Gutachterpraxis bei der S. zu Hause auf dem Festnetz angerufen hat, ob sie auch schon um acht Uhr kommen kann. Die S. ist beunruhigt, weil sie sich nicht erklären kann, woher die ihre Telefonnummer haben. Sie hat die doch niemandem gegeben, nicht dem Gericht und schon gar nicht dem Gutachter. Sie beschließt, das Angebot eine Stunde früher zu beginnen, anzunehmen, an Schlaf ist sowieso nicht mehr zu denken. Das Haus, in dem die Begutachtung stattfinden soll, hat eine Treppe mit Terrazzoboden, der aussieht wie in der ehemaligen Stasizentrale Normannenstraße in Berlin. Die Ähnlichkeit ist frappierend. Die Praxis des Gutachters: gediegen, frisch, rein und sonnig. Teppichböden, Klimaanlage selbst im Wartzimmer, professionell geschäftiges Personal. Es riecht nach Geld und ordentlichen Verhältnissen. Dann der erste Übergriff und damit die erste Machtdemonstration: Die S. muss auf den EEG-Stuhl, in einem kleinen Nebenraum, sie lässt es geschehen, es gehört ja zum Ablauf. Verkabelung, Entwürdigung, Fesselung. Die Sprechstundenhilfe fragt: “Darf ich Ihnen die Brille abnehmen?" - während sie schon abgenommen wird. Die S. fühlt sich angegriffen und wird kurz laut. Trotzdem lässt sie alles über sich ergehen, es ist ihr schon egal, sie hat die Macht abgegeben. Dann der nächste Raum, zum Fragebogen ausfüllen, Scham und Schmerzen, wieder allein in einem Raum mit Schreiben -müssen. Sie macht alles schnell, um es hinter sich zu bringen.
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Dann das Gespräch. „Ich bin nicht Ihr Feind, aber auch nicht Ihr Freund. Wo kommen Sie her, wohnen Sie hier in der Gegend?“ Sie denkt sich: „Ist der dumm? Oder ist das seine Masche?“ „Sind Sie gefoltert worden?“ Sie versteht die Frage nicht, sie fühlt sich wie eine Betrügerin. Wie soll sie darauf denn bitte antworten? Solche Fragen hat ihr bisher kein Fremder gestellt. Manchmal, bei einem guten Menschen, oder bei jemandem, zu dem sie Vertrauen gefasst hat, kann sie auf schwierige Fragen mit den Augen antworten, aber nicht jetzt und hier. Er kann ihr nicht in die Augen schauen und selbst wenn, er würde nichts sehen. Er ist nicht unsympathisch, fast schon gemütlich, wie ein netter Onkel. Ein falscher Onkel. Die Sonne scheint in den Raum, leise rauscht die Klimaanlage, aber die Fragen sind dieselben wie immer. Es geht gemächlich weiter, durch Kindheit, Jugend und so weiter. Mittlerweile glaubt sie wirklich, dass er dumm ist, und keine Ahnung hat von der Zeit damals in der DDR. Ja, obwohl ihr Vater in der Partei war, durfte sie nicht auf die EOS, um dort das Abitur zu machen. Das allein hat manchmal nicht gereicht. Zum einen war die DDR auf dem Papier eine Diktatur der Arbeiter und Bauern, das bedeutete, dass nur die Kinder von Arbeitern und Bauern studieren sollten. Und im Klassenbuch stand hinter den Namen ihrer Eltern zweimal ein „I“ für „Intelligenz“ in der Spalte über ihre Herkunft. Nicht „A“ für „Arbeiterklasse“. Und zum anderen besaß sie das falsche Geschlecht. Wenn drei Jungs aus einer Klasse auf die erweiterte Oberschule wollten und sich für die Offizierslaufbahn in der NVA verpflichteten, waren die wenigen begehrten Plätze pro Klasse weg - Planwirtschaft und -lenkung. Vielleicht wagten ihre Eltern damals auch nicht, dagegen aufzubegehren. Und vielleicht war das auch nicht alles schwarz-weiß, sondern grau kariert, denn später lernte sie Kinder von „Intelligenzlern“ kennen, die trotzdem studieren durften. Sie möchte so gerne richtig antworten, sie gibt sich Mühe. Er schaut auf die Uhr …. Ja, die Zeit ist vorangeschritten, er möchte fertig werden. Sie möchte helfen, funktionieren, sie redet, als ob eine andere Person ihre Worte findet. Als sie kurz mal aus dem Körper aussteigt und sich zuhört, hört sie eine emotionslose Kopfstimme, die gerade versucht alle Menschen, die ihr inzwischen etwas bedeuten, zu beschützen. Vor allem will sie ihre eigenen jüngeren Anteile beschützen. Sie sieht sich zu, wie das Bild einer teflonbeschichteten Persönlichkeit von S. im Raum entsteht. Inzwischen weiß sie nicht mehr, ob das wirklich sie ist oder ob das Bild von ihr durch das Gegenüber kreiert wurde und sie als angepasste Erfüllungsgehilfin ihm zuarbeitet, indem sie die Antworten liefert, die er hören will. Gefühle und Nähe zu ihr selbst sind nicht mehr spürbar. Weitere Ausführungen zu ihren Symptomen und Beschwerden der letzten Jahre möchte er nun nicht mehr hören, auch nicht, was alles noch in der Zeit der Verfolgung und Verhaftung passiert ist, damals. Er verweist auf ausreichend schriftliche Stellungnahmen von ihr in seiner Akte. Er hat vermutlich ausreichend Fragen gestellt, die er für seine Erzählung ihrer Geschichte braucht, vor allem über die Zeiten zwischen 1986 bis 2009, er hat die Antworten, die ihm besser schmecken und sich an das Gutachten der Vorgängerin geschmeidig anpassen. Sie hat keine Kraft mehr zu widersprechen, sie ist schon aufgegangen in ihrer Rolle, die er ihr zugewiesen hat und in der sie sich verlor. Außerdem ist sie innerlich aufgewühlt, unruhig, hat keine Energie mehr, will schnell weg. „Möchten Sie mir noch etwas sagen?“ „Sie waren nicht von der Stasi. Aber sie haben mich auch nicht verstanden.“
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Das zweite habe ich nicht gesagt, aber das hätte ich gerne gesagt. Ich schäme mich noch immer. Es ist die Scham, die mich seit damals begleitet und es ist auch die Scham, die es verhindert, dass ich mich adäquat ausdrücken kann. So lässt die S. es auch zu, dass er sie körperlich untersucht, es gehört wie alles nur zum Ablauf und er ist ein Arzt, zum Wohle des Menschen handelnd. Genau das wird sie über Tage nicht loslassen. Sie ist ausgeweidet und das Innere liegt bloß. Es ist die sinnlose Entwürdigung, ein sich ausgeliefert haben, die Überschreitung ihrer allerletzten Grenze. Und das Unverständnis darüber, wie man einen Menschen so ganz nah anfassen kann mit den geübten Medizinerhänden und mit denselben Händen Sachen über ihn berichtet, die nicht gut für diesen Menschen und seine Zukunft sind, besonders wenn dieser Mensch das jemals liest. Die Würde des Menschen ist heilig. Aber meine Würde habt ihr mir schon wieder genommen. Auch in der Stasihaft in Rostock erlebte sie ausschließlich männliche Ärzte und selbst in Hohenleuben. Sie alle hatten den hippokratischen Eid geschworen, denkt die S.. In Hohenleuben gehörten auch die demütigenden gynäkologischen Zwangsuntersuchungen zu deren Aufgaben, alle Frauen in einer Reihe nacheinander aufgestellt, dann auf den „Pflaumenbaum“ steigen, wie am Fließband. Und sie erinnert sich daran, dass in der Hitlerzeit die Ärzteschaft mit die erste Berufsgruppe war, die sich nahezu geschlossen den Ideen des Nationalsozialismus verschrieben hatte und noch viel Schlimmeres trieb.
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Die S. steigt in das Auto ihres Freundes ein, der sie abholt. Er wird am Ende dieses Tages über zwölf Stunden Autofahrt am Stück hinter sich haben, alles nur, damit sie jemanden an ihrer Seite hat. Jeder Kilometer weg von hier ist gut, sie will so schnell wie möglich weg. Kurz vor Hamburg kehrt das Gefühl der S. zurück, mit voller Macht, wie die Flut nach der Ebbe. Es ist eine Naturgewalt, Panik bricht aus ihr heraus. Die S. kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, nicht mehr reden, nur noch knurren vor Wut wie ein wildes Tier. Ihr Freund kann ihr nicht helfen, er muss Auto fahren. Er sagt: „Lenk dich ab, zähl irgendwas da draußen.“ Sie zählt alle Windräder an der Autobahn, so langsam wie Graf Zahl: „einsss, zweiii, dreiii, vierrr" und so weiter. Irgendwann, im Hunderterbereich verliert sie die Übersicht und beginnt alle Schilder zu zählen, alle Schilder entlang der Autobahn, bis nach Bonn. Dort angekommen, legt sie sich wie ein krankes Tier eingerollt ins Bett und schläft ein.
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Die S. sitzt im Zug nach Jena, ihr Sohn sitzt neben ihr. Der Zug rast über Hügel. Sie sieht abgeerntete Getreidefelder und Schäfchenwolken, es geht ein sanfter Wind. Ankunft in Hohenleuben. Die Sonne flirrt. Wieder Mauern, die sich dieses Mal durch den kleinen Ort ziehen, rings um das Gefängnis. Nach vierzig Jahren das erste Mal die Sicht von außen. Kann ein Ort das Böse speichern? Ja. „Dieser Ort ist böse und wird es immer bleiben.“ Sie stellt sich vor, wie sie mit einem Bulldozer auf das Gelände fährt und die Mauern einreißt, all das Leid unter Bergen von Beton und Staub begräbt. Sie möchte Platz für einen Neuanfang schaffen, Lebendigkeit und Luft anstelle von Erinnerungen. Die Mauern stehen. Die Sonne flirrt.  
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Später wird im Gutachten stehen:

"Der Kampf gegen staatliche Institutionen und um Entschädigung ist auf die vorliegenden Persönlichkeitsmerkmale zurückzuführen, indem die Klägerin ein sehr ähnliches Verhalten bereits als junge Frau zeitlich vor den Zersetzungsmaßnahmen der Stasi und vor der Haftstrafe im Kampf gegen die Institutionen der DDR geführt hatte."

Nichts hat sich verändert. Es muss einfach an mir liegen.
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Ihr habt mir einen Stein namens Schuld in den Bauch gelegt, er ist gewachsen und lebendig. Ihr seid eingedrungen durch die geöffnete und geweitete Pforte mit euren langen garstigen Fingern.
Auch durch meine Augen, meinen Mund und meine Ohren habt ihr euch hineingedrängt, in mein Inneres.
Dieser Stein ist gewachsen, er hat geatmet und für seine Bedürfnisse gekämpft, manchmal ist er an einem einzigen Tag um ein Vielfaches seiner Größe angeschwollen und dann wieder hat er sich wie eine glänzende Schicht aus Teer um meinen ganzen Körper gelegt, so dass ich kaum noch Luft holen konnte.
Wie werde ich den Stein jemals wieder los? Ich muss diesen Teil gebären.
Unter Schmerzen werde ich ihn hinausdrängen aus mir, durch den Weg, durch den er hineingekommen ist. Es wird furchtbar sein, ihn anzuschauen, ich werde mich schämen dafür.
Ein schreckliches Ding, gleich einem Dämon mit hässlichen Augen und Gliedmaßen, die sich zu Klauen geformt haben, er wird sich wehren, aber ich werde ihn gebären und dann werde ich ihn euch zeigen in all seiner Scheußlichkeit.
Und dann will ich, dass ihr seht, was ich geboren habe.
Jeder nimmt sich seinen Teil zurück, den er in mich hineingegeben hat und da niemand ohne Schuld ist, nimmt jeder etwas davon. Ich habe eure Last schon viel zu lange in meinem Bauch getragen.
Erst wenn der Stein unter allen aufgeteilt wurde, dann erst kann ich euch vergeben und dann bin ich frei.

02.04.2025

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„Möchten Sie nicht die Tür öffnen? Der Schlüssel steckt auf Ihrer Seite.“

- Franz Kafka - 
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Die Mauer
Die Tür
Das Schlüsselloch
Das Schloss
Der Schlüssel
Schlüsselbund
Schlüsselgewalt
Tür verschließen
Tür aufschließen
Sich verschließen
Sich öffnen
Schlüsselrasseln
Schlüsselklappern
Der Beschluss
Der Entschluss
Abschließen
Wegschließen
Entschließen
Beschließen
Ein Schloss aufbrechen
Geheimpolizei
Abgeholt werden
Eindringen
Autoschlüssel
Schließgewalt
Fremdbestimmung
Angst im abgeschlossenen Raum
Fluchtgedanken
Entblößung
Entwürdigung
Hilflosigkeit
Schlüsselerlebnisse
Schluss machen wollen
Den Schlüssel wieder bekommen Schloss austauschen
Sich öffnen
Abschließen mit der Vergangenheit
Die Tür selbst aufschließen
Nicht alleine durch die Tür gehen
Schlüssel ausprobieren
Macht des Schlüssels fühlen
Schlüssel nachmachen
Schließgewalt haben
Beschluss fassen
Türen offen lassen
Mauern einreißen
Schlusspunkt
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Es gibt einen Teil in mir, der es mir immer noch übel nimmt, überlebt zu haben. Dieses „Leben“, wann ist es wohl wert, gelebt zu werden?
Ich finde die Annahme, dass schwer traumatisierte Menschen nicht über ihre Vergangenheit sprechen können und nur Menschen ohne Traumafolgestörung als Zeitzeugen berichten können, falsch.
Ich glaube, das „sich trauen“ und wieder vertrauen in die Zuhörer oder Leser zu fassen, kann ein großer Schritt zur Heilung sein. Indem ich mich meiner eigenen Geschichte zuwende, kann ich endlich die Gefühle fühlen, die bis dahin keinen Platz hatten. Es ist ein Meer von großer Traurigkeit, in dem ich dann umherschiffe, aber ist wenigstens so was wie Leben.
Ich fühle mich lebendig, wenn ich erzähle und damit alte Tabus durchbreche. Was für Tabus sind das? Es sind Scham und Schuld, denn bisher war ich mir sicher, dass ich bei allem was passiert ist, eine Mitschuld trage. Ich war mir auch sicher, dass immer ich gemeint war und nur ich.
Vielleicht hätte ich mich mehr wehren müssen? Es fällt mir immer noch schwer, meine eigene Vergangenheit mit einem Gefühl von Gerechtigkeit oder einer klaren Haltung zu meiner Unschuld zu betrachten.

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Ist Schreibblockade
eine Lebensblockade
oder nur die Angst?

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Seit vielen Wochen und Monaten versuche ich, eine Geschichte über dich zu schreiben. Fragmente, kurze Bruchstücke entstanden, aber es gelang mir nicht, einen zusammenhängenden Text zu schreiben. Dann, an einem warmen Junitag, begegnete ich dir. Du lagst im Supermarkt, zwischen Erdbeeren und Gartengeräten, weiß und grau, rosa-, blau-, grün-gestreift. Zu sechst gefaltet in einem Karton. 100% Baumwolle, Made in India stand da. Für Damen ca. 30x30cm, für Herren 40x40cm. Du hast mich überrascht und sehr wütend gemacht, nach 40 Jahren, ohne Vorwarnung. Ich hatte keine Zeit mich vorzubereiten. Keine Zeit mich dir schrittweise zu nähern. Du warst einfach da - wie ein alter Schmerz, der sich nicht ankündigt - tief in meinem Bauch. Ich wollte dich nicht, ich hatte dich verbannt, kam prima ohne dich zurecht, mithilfe deiner Zellstoff-Verwandten, genauso wie ich auch die Erinnerungen an die Zeit verbannt hatte, als ich, frisch im Westen angekommen und auf die Frage, was mir helfen könnte, nur sagen konnte: „Bitte keine Stofftaschentücher benutzen.“ Heute frage ich mich: Was machen die Frauen, die im Gefängnis Bettwäsche nähten? Schläft man dann nicht mehr? Aber du kamst zurück. Nicht als Trost. Nicht als Freund. Sondern als Kapitel eines Buches, das ich nie ganz gelesen habe, weil es zu weh tut. Ich sah dich an und in deinem Stoff lagen die Stimmen der Frauen, die in das Produktionsgebäude marschierten im Winter 1985/86, um an die Nähmaschinen zu gehen. In einer Schicht 1000 Taschentücher umsäumen, zwei Arbeitsgänge pro Stück, ein Faden bleibt, wird vernäht und gleich an das nächste angenäht. Die Rollkiste hinter der Maschine füllt sich. Das Tempo ist mörderisch. Der Lärm. Der Staub. Die Normen. Ich habe sie nicht jeden Tag geschafft, vielleicht nie. Und dann, möglicherweise als Vorbereitung für den Verkauf, gab es eine Veränderung für Nummer 268. Ein neuer Arbeitsplatz, hinten im Saal mit den Nähmaschinen. Endkontrolle.  Kein Akkord mehr.  Prüfen, auftrennen, hoffen. Ein Fenster,  ein Blick nach draußen, auf Felder und grüne Hügel, auf Himmel. Und eines morgens im Mai fliegt eine Taube vorbei, schneeweiß, mit einem Zweig im Schnabel. Ein Zeichen, ein Versprechen. Die Taube hat ihr Versprechen gehalten. Kurz darauf kamen sie in der Nacht: „Sachen packen, mitkommen!“ Jetzt liegst du wieder hier, ungebeten, ungeliebt. Du bist mehr als Stoff. Du bist Geschichte und Schmerz. Du bist Erinnerung, ein stiller Zeuge. Ein Faden aus Trauer, der sich durch mein Leben zieht. Ein Kapitel, das ich jetzt endlich lesen will.
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Vierzig Jahre später. Ich stehe wieder hier.

„Stehn se!“ „Gehn se!“ „Bleim se!“

210 war in meiner Erinnerung größer. Warum war alles größer?  

Der Vernehmer – ein Riese, ein Architekt meiner Ohnmacht. Er bestimmte, wann ich aß, wann ich sprach, wann ich saß, wann ich schwieg.

1000 Stufen führen hinab. Gebohnert, glänzend, wie marmoriertes Leid in Grautönen. Es sind die Stufen zum Schafott, zu den Räumen der Vernehmung, wo Worte zu Waffen wurden.

Die Allmacht des Staates entlädt sich satanisch im nächtlichen Menü: Spitzel-Schnitzel mit grünen Erbsen. So schmeckt Versagen.  

Zuckerbrot und Peitsche, Kaffee, Zigaretten, Wut.

Vernehmer – dein Name ist mir entfallen. Er war sowieso nicht echt.  
Ich vergebe dir. Denn du wirst die Scham von vielen tragen. Ich trage nur meine.

Doppelt verriegelt – innen wie außen. So bin ich. So bleibe ich.  

Bonn, 11.09.2025
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Wenn ich in einem engen Raum gefangen bin und ich habe keinen Schlüssel für die Tür in der Mauer – was kann ich noch entscheiden? Ich kann meine Gedanken entscheiden, ich kann mir alles vorstellen, eine ideale Welt in meinem Kopf bauen, aber das Gefängnis wäre immer noch Realität. Ich kann mich entscheiden, meine Stimme zu benutzen. Möglicherweise ist es verboten zu sprechen und ich muss mit Strafen rechnen. Vielleicht hört mich niemand. Dann kann ich es aufschreiben, um es weit entfernt noch hörbar zu machen. Wenn ich mich nicht entschließe zu reden, bleibe ich im Gefängnis und niemand weiß, dass es mich gibt.
Zum Anfang

Wenn ich ein Vogel wäre, sähen die Straßen für mich wie Flüsse aus. Verzweigt und Ufer bildend, durch Bordsteine und angrenzende Häuser geleitet, ziehen sie sich wie Adern durch die Stadt. Auf diesen Adern der Versorgung eilen Fahrzeuge und Menschen von einem Standort zum nächsten.
An heißen Tagen riecht es schwarz, nach Teer und Bitumen, hingegen feucht und schwitzig nach einem Regenschauer. Kleine Risse, die sich geduldig erweitern, durch die Macht des gefrierenden Wassers und der glühenden Hitze – sie werden in Monaten und Jahren zu Spalten in der anfänglich makellosen Oberfläche des geronnenen Asphalts.
Wie zum Trotz: ein Kosmos von Lebendigkeit in den unscheinbaren Spalten und Rissen, empfindsames Grün, Insekten und mutige kleine Blüten halten stand, kämpfen um das Überleben ihrer Art. Genauso wie wir.
Wir kämpfen und wie in der Tierwelt gewinnt in der Menschenwelt der Stärkere gegen den Schwächeren.
Wenn ich ein Vogel wäre, dann würde ich zurück in die Natur fliegen, in die vom Menschen unverletzte Schöpfung.

März 2025

Zum Anfang

Gestern Nacht erschien mir im Traum meine Seele.
Ich wusste sofort, als ich sie sah, dass sie meine ist.
Sie lag wie ein zusammengekrümmter Engerling auf dem Boden vor mir, kalt, aber noch leicht atmend. Ihr Körper war von Staub bedeckt, sie hatte sich eine winzige steinige Höhle in das Erdreich gegraben.
In diesem Moment, als ich sie zum ersten Mal erblickte, wurde mir klar, dass ich schon viele Male achtlos an ihr vorübergegangen war, in meinen Nächten. Mit jedem Schritt, den ich über den Boden meiner Traumwelt ging, hatte ich sie mehr in ihre Zurückgezogenheit gestampft. Mit genagelten Armeestiefeln, achtlos und nicht empfänglich für das kleine graue Würmchen unter meinen Sohlen.
Ich beugte mich nach unten und streichelte zart, nur mit den Fingerkuppen, die farblose Haut - keine Reaktion. Wie eine leise Ahnung entstand ein Bild der Hoffnung in meinem Kopf, noch lebte diese meine Seele, noch war nicht alles verloren.
Daraufhin suchte ich mir einen kleinen Karton, den ich mit frischen Tüchern und weicher Watte auspolsterte. Ich hob den staubigen und starren Wurm in das Innere dieses Asyls. Ein schwaches, pulsierendes Leuchten kam aus dem Inneren meiner Seele, so wie eine Sternschnuppe. Wenn man nicht im richtigen Augenblick hinsieht, nimmt man nichts wahr. Das also war meine Seele, ein verglühendes Teilchen eines gestorbenen Meteoroids, vergänglich, selten und nicht für jeden sichtbar. Offensichtlich nicht einmal für mich. Aber jetzt war ich da, eine Erwachsene, eine Person mit Verantwortung. „Wenn man will, dass Veränderung geschieht, muss man es schon selbst in die Hand nehmen“ sprach ich laut zu mir.
So begann das Projekt Seelenheilung. Es dauerte eine ganze Traumnacht.
Ich hielt sie in meinen Händen, trocknete unserer beider Tränen, war da. Ich hielt den Schmerz aus, der uns vor Jahren auseinander gebracht hatte. Eine unscheinbare Veränderung, so langsam wie eine Gletschermaus sich auf dem Eis voran bewegt, fand statt. Sie wuchs, sie strahlte wie ein geschliffener Edelstein, in sachtem Blau und Flieder und ganz nebenbei begradigte sich ihre verkrümmte Wirbelsäule. Aus dem bedauernswerten Würmchen war eine beeindruckende Gestalt erwachsen.
Eine Göttin war geboren. Sie war perfekt. Sie wusste alles, um auf diesem Planeten zu überleben und auch alles, um ihn zu einem besseren Ort zu machen.
Im Morgengrauen verabschiedete ich mich von ihr in der Gewissheit, dass wir uns wiedersehen würden. Eines Tages oder eines Nachts. Nie vergesse ich ihre letzten Worte an mich: „Ich bin da, auch wenn Du mich nicht sehen kannst.“
Beim Erwachen nahm ich mit halb geschlossenen Lidern am Rande meines Sehuniversums einen flimmernden Punkt wahr, der sich nach oben rechts entfernte, dann war wieder alles grau.

Mai 2025
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Zersetzung

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GEWITTER ZIEHT AUF!
GEFAHR UND ANGST AUS DEM NICHTS.
ZUKUNFT IST ZERSTÖRT.
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Normannenstraße – Ecke Ruschestraße.
Draußen. Kameras.
Im Vorraum eine verspiegelte Scheibe mit einer kleinen Öffnung.
„Ausweis!“ Ich lege ihn in die Öffnung. Eine Hand reißt mir meinen Personalausweis aus der Hand.
Ich frage, warum ich hier bin und wie lange es dauern wird.
„Dazu machen wir keine Angaben. Klärung eines Sachverhalts.“
Ich kann nicht erkennen, wer mit mir spricht. Ich höre nur die barsche, unfreundliche Stimme. Ich glaube, die Stimme klingt jung – vielleicht ein bisschen älter als meine?
Mein Mann legt auch seinen Ausweis in die vorgesehene Luke.
„Sie nicht! Verlassen Sie sofort das Gelände.“
Mir wird ein wenig schlecht. Was haben die mit mir vor?

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Es ist Frühjahr 1971. Wir reisen von Ostberlin über Kairo und Karthum nach Sansibar. Langstreckenflüge gibt es zu dem Zeitpunkt noch nicht Richtung Afrika. Wir wohnen in Mazizini, in Migombani und später in Stonetown - direkt im Haus, in dem das Konsulat untergebracht war. Mazizini und Migombani liegen heute noch vor den Toren von Stonetown. 

Hier in den Außenbezirken nahe des Flughafens, hatten sich die Diplomaten und Expats aus China, der Sowjetunion, der DDR und anderen „befreundeten“ Ländern herrschaftlich eingerichtet. Häuser mit tollen Gärten, Sicherheitspersonal und Hausangestellten. Aus heutiger Sicht und im Spiegel des früheren Kolonialismus alles sehr zweifelhaft. 

Damals als kleines Mädchen fand ich es paradiesisch. Ich liebte unsere Haustiere, die nach und nach zu uns zogen – ganz besonders die kleine graue Katze Aisha und das Äffchen Mäxchen. Und die putzigen Hasen, die ich von Juri als Geschenk bekam. Ich liebte noch viel mehr meinen Mohamed, der für uns kochte, den Haushalt führte und mich großzog. Meine Eltern gingen derweil ihren beruflichen Verpflichtungen nach. Mit einer unendlichen Geduld wachte er über mich, damit mir nichts passiert. Ich war ein kleiner Wildfang und kam auf so manche kuriose Idee, deren Folgen Mohamed versuchte zu verbergen, bevor meine Eltern nach Hause kamen. Er war mein ein und alles – und ich wohl auch seins. 

An den Wochenenden waren wir Teil der Botschafts-„Familie“. Es wurden gemeinsam Ausflüge gemacht. Ich lernte schon sehr früh schwimmen – im Indischen Ozean. Darauf war ich unglaublich stolz. Und wir verabredeten uns zum Picknick in Mangapwani, Uroa und Paje. Die Insel gehörte damals uns. Es gab keine Touristen – und die Einheimischen benötigten Passierscheine, wenn sie an die Küste fahren wollten. Man hatte wohl Angst, dass die Menschen sich Richtung Festland absetzen.

Die Armut war unglaublich groß. Grundnahrungsmittel wurden per Lebensmittelmarken ausgegeben. Die Menschen standen dafür Schlange. Aber viel schlimmer waren die politischen Repressalien. Von alldem bekam ich in meiner behüteten Welt nichts mit.
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Bereits 1964 entsandte Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit (MfS) Markus Wolf inkognito nach Sansibar. Wolf sollte in seiner Funktion als Leiter der Auslandsspionage mit der sansibarischen Regierung über den Aufbau eines Sicherheitsapparates - analog der Stasi in der DDR – verhandeln. Das waren 1965 Vorboten des offiziellen Kurses vom Politbüro der SED, afrikanische Länder zu unterstützen. 

In Sansibar unterstützte die DDR und das MfS unter anderem den Marinestützpunkt, den Grenzschutz und beteiligte sich an der Schulung von Verhörmethoden, die an politischen Häftlingen vollstreckt wurden. Ein Stasi-Apparat wurde auf der ostafrikanischen Insel etabliert. Die Methoden der Bespitzelung, Denunzierung und Strafverfolgung ähnelten sich stark und waren deckungsgleich zu denen in der DDR – „Völkerfreundschaft“ der besonderen Art.
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THERE ARE STILL EXISTING IN THE COUNTRY THE REMAINING WHO ARE PROUD OF THEMSELVES AND THINK THEY ARE SUPERIOR.

THE CHILDREN OF THE SNAKE WILL BE SNAKES 
SO CUT THEIR HEADS AND CUT THEIR HEADS,
KILL THEM AND KILL THEM AND KILL THEM.
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Ich war damals ein kleines Mädchen. Vier, fünf Jahre alt! Großgezogen von meinem geliebten Fienchen und meiner Großmutter in Roßlau an der Elbe - bevor ich mit 2,5 Jahren nach Sansibar zog. Mehr als siebentausend Kilometer lagen nun zwischen meinen engsten Vertrauten und mir. Die Entfernung war mir nicht wirklich bewusst. Dazu war ich noch zu klein. Aber ich fühlte, dass ich die Liebe der beiden sehr vermisste – obwohl mein Mohamed in unserem Haushalt in Mazizini alles für mich tat, damit es mir an nichts fehlte und ich in meiner begrenzten Kinderwelt glücklich war. 

Jeden Tag führte mich mein Weg zum Postamt in der Shangani Street im Herzen von Stonetown. Die Post für das Konsulat der DDR wurde dort abgeholt. Ich konnte es kaum erwarten, aus dem großen, behäbigen Wolga zu hüpfen und zu den grünen, eisernen Postboxen zu laufen. Jede Postbox hatte ein kleines Fenster aus Glas. Wenn man da durchschaute, konnte man sehen, ob Briefe in der Box lagen. Der Blick durch dieses unscheinbare Fenster war mein Blick nach Hause zu meinen Lieblingsmenschen. Hatten sie mir geschrieben? Hatten sie an mich gedacht und vielleicht sogar eine hübsche Briefmarke auf den Brief geklebt? Wie groß war die Freude, wenn ein Brief für mich dabei war. Und wie traurig waren die Tage, an denen für mich die Postbox leer war. 

Noch heute komme ich bei jedem Aufenthalt auf Sansibar zu diesen Postboxen. Sie haben sich nicht verändert, haben all die Jahrzehnte überdauert. Noch heute kann man durch die kleinen Glasfenster in die Boxen schauen. Doch da ist jetzt kein Brief mehr für mich. Aber das Glück von damals kann ich noch mit Händen und meinem Herzen greifen. Deshalb komme ich jedes Mal zurück!  
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Unsere Post wurde komplett überwacht. Kleine Einschnitte am Kuvert zeigten an, dass die Post mit einer Mikrokamera untersucht worden war.

In Sansibar wurde es so gemacht, dass Briefe von Verdächtigen im Postamt beschlagnahmt und kopiert wurden. Ein Mitarbeiter der sansibarischen Stasi kam dafür mit einem Motorrad - gespendet von der DDR (Vergleichsmodell siehe Bild) - dafür täglich zum Postamt in der Shangani Street. Nach der Kopie wurde der Brief dann in die P.O. Box gelegt und zugestellt.

Bei späteren Verhören wurden die Kopien den Beschuldigten vorgelegt und sie damit unter Druck gesetzt.

Die Postboxen gibt es heute noch unverändert in Stonetown.
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Wir kamen aus Sansibar zurück. Der Auslandseinsatz meines Vaters war
beendet. Er arbeitete dort im diplomatischen Dienst im Konsulat der DDR. Meine Mutter und ich begleiteten ihn.
Ich war knapp sechs Jahre alt und wurde nach unserer Rückkehr in den Mitarbeiter-Kindergarten des MfAA (Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten) in Berlin-Karlshorst eingegliedert.
Meine kleine Welt stand mit einem Mal still!

Wo war mein "Kindermädchen" Mohamed, der mich bisher so liebevoll
großgezogen hatte? Wo war das freie Spielen in unserem wunderschönen Garten in Mazizini vor den Toren der Altstadt von Sansibar – mit dem blauen Himmel, der Sonne und den wunderschönen Blumen? Und wo waren die Ausflüge nach Changu Island und das azurblaue Meer?
Ich vermisste mein Lieblingsgericht „Kuku waku paka“, die exotischen Gerüche nach Nelken, Koriander und Zimt vom Darajani Markt, das bunte Treiben und die fröhlichen Menschen in Stonetown.
Und ich vermisste meine Haustiere – das Äffchen Mäxchen und die kleine, graue Katze Aisha.

Stattdessen erwartete mich nun täglich die uniformierte und strenge Führung
meiner Kindergärtnerin Frau B. mit ihren langen schwarzen Haaren und den rot lackierten Fingernägeln. Für mich sah sie aus wie ein böses Schneewittchen aus dem Märchenbuch.
Ich sollte mich unterordnen, gleichgeschaltet werden, mich einfügen in den grauen Kindergartenalltag. Man fand mich schwierig. Schwierig, weil ich ein kleiner, fröhlicher Freigeist war.

Ich wollte meine Lieder singen und nicht das „Lied des Monats“. Ich wollte meine Spiele spielen, die ich aus Sansibar kannte und nicht das, was uns vorgegeben wurde. Und ich wollte auch nicht bei Wind und Wetter auf den schrecklichen Spielplatz.
Alles, aber auch alles sträubte sich in mir. Ich hatte solche Wut auf meine Eltern, auf den furchtbaren Kindergarten, auf dieses graue, kalte, wolkenverhangene Ostberlin.

Tägliche Strafen waren die Antwort auf meine Eigenwilligkeit und meine
Selbstbehauptung.
Fast jeden Nachmittag musste ich „Nachliegen“. Wenn alle Kinder schon spielten, lag ich immer noch auf meiner Pritsche und wartete, dass endlich der Tag zu Ende ging und ich nach Hause durfte. An diesen Tagen bekam ich auch keinen Nachmittags-Kakao. Und alle Kinder sahen, dass ich wieder etwas falsch gemacht hatte.

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Ich sprüh′s auf jede Wand
Neue Männer braucht das Land

[Ina Deter Band]

Mit Glitzersteinen stand dieser Text 1988 auf meiner ersten Jeansjacke, die ich mir im Intershop mit Westmark gekauft hatte.
Das reichte aus, um rund um den Alexanderplatz in unzählige Polizeikontrollen zu kommen.

„Bürgerin, was meinen Sie mit diesem Spruch? Sie provozieren. Ist Ihnen das klar? Entfernen Sie sofort diesen Mist.“

So oder ähnlich wurde ich aufgefordert, den Schriftzug auf meiner Jacke zu entfernen. Was im Westen ein harmloses Lied war, war im Osten politische Provokation. Gefährlich und mutig zugleich, den Spruch nicht zu entfernen!

Ich bin später mit der Jeansjacke im Gepäck in den Westen ausgereist!

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SOMMER VOLL HOFFNUNG
MIT TRÄUMEN UND ZUVERSICHT
WIR SIND JUNG UND FREI
**************************************

Es ist Juni. Der Sommer probiert sich gerade aus und steht in voller Blüte… 
Das Wetter – schön und angenehm warm. Keine Wolke zieht am Himmel. Ich wundere mich.

Ich laufe barfüßig über einen flauschigen Teppich aus Gras und Sommerblumen. Es fühlt sich ungewöhnlich schön an.
Ich sinke ein, leicht, unbeschwert, fröhlich. Ich schwebe fast ein wenig.
Alle Alltagssorgen sind weit weg.

Es bleibt eine Ahnung - wie durch einen Nebel aus Sonnenstrahlen.
Wunderbar. Wie alles glitzert und funkelt.

Es riecht nach Sommer. Das Gras duftet wunderbar – ich laufe, springe, schwebe, fliege.

Wie schön doch das Leben sein kann.
Alles oder vieles liegt noch vor mir.
Bin ich glücklich? Ja. Nein. Vielleicht. Ich weiß es nicht genau. Wer weiß es denn schon wirklich? So ganz richtig?

Ich bin voller Hoffnungen. Ich bin so bereit, ich möchte mein Leben leben und glücklich sein.
Trotzdem.

Ich, wir werden es schaffen. Wir sind doch noch so jung. Keiner kann uns aufhalten – wenn wir nur richtig wollen.

Wie wunderschön diese Wiese ist. Wie weich der Boden. Man hört keine Schritte – nur das Zirpen der Zikaden, das Rufen des Uhus und das Singen der Vögel -

und weit weg das energische Hämmern eines Spechtes. Ich darf nicht vergessen auf mein Portemonnaie zu klopfen – das bringt Glück.

Sommer. Und ich bin 20.

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ABSURDE WENDE. ER IST EINFACH WEG.
VERLASSEN!
ALLEIN GELASSEN.
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Es ist der 3. August 1989. Ich wurde in die Normannenstraße in Berlin einbestellt – zur „Klärung eines Sachverhalts“ in die Zentrale der Staatssicherheit.  

Zwei Offiziere verhören mich abwechselnd. Was und wieviel habe ich von der Flucht meines Vaters aus der DDR gewusst. War ich beteiligt an der Vorbereitung?  

„Wir werden Ihren Vater finden – egal wo er untergetaucht ist. Das wird er nicht überleben.“ Die Stasi stellte unmissverständlich klar, was ihr Plan war.  

Wo war mein Vater, und warum war er ohne mich weggegangen?  

An diesem Tag wurde ich zu einem OV – einem operativen Vorgang der Staatssicherheit der DDR. In diesem bürokratischen Vorgang wurde festgelegt, wie die „Zielperson“ – also ich – psychologisch in Zukunft „zersetzt“ werden sollte.
 
In den nächsten Wochen bekam ich die Maßnahmen mehr als deutlich zu spüren: Hausdurchsuchungen in Abwesenheit, Überwachung unserer Wohnung durch Stasi-Mitarbeiter, regelmäßige Verhöre, Entzug meines berufsbegleitenden Studienplatzes und schließlich der Verlust meiner Arbeit – die fristlose Kündigung aufgebaut auf einer Lüge. Sie zerstörten in wenigen Wochen alles, was ich mir bis dahin aufgebaut hatte.  

Und noch viel schlimmer – ohne Arbeit konnte jetzt der § 249 des Strafgesetzbuches der DDR zur Anwendung kommen. Ohne Arbeitsplatz galt ich von nun an als asozial und konnte verhaftet und weggesperrt werden.  

Mein Leben hatte gerade erst begonnen, aber meine Zukunft war von jetzt auf gleich durch die Flucht meines Vaters zerstört.  

Ich stellte umgehend die offizielle Ausreise aus dem Staat, der mich stellvertretend für meinen Vater nicht mehr wollte. Wie lange es dauern würde bis zur Genehmigung war zu dem Zeitpunkt unklar. Keiner wusste, dass die DDR in wenigen Monaten der Vergangenheit angehören würde.  
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Die Mauer und das, was man vom Gefängnis von der Straße her sehen konnte, gehörte für uns dazu.  

Der Anblick gehörte genauso dazu wie die maroden Häuserfassaden in den Straßen auf dem Kaßberg. Genauso wie die Bushaltestelle Weststraße/Ecke Barbarossastraße an der ich täglich ins BKH fuhr, die Kneipe "Blaue Maus", in der wir unsere Hochzeit feierten und der Gerhart-Hauptmann-Platz.  

Das Gefängnis war doch schon immer da. Schon bevor es uns auf dem Kaßberg gab.  

Das Gefängnis gehörte zum grauen Alltag. Wir machten uns wenig Gedanken darüber, wer dort inhaftiert war und warum.  

Wir hatten mit uns selber zu tun. Wir waren jung. Wir waren nicht einverstanden mit dem Staat, der uns gefühlt die Luft zum atmen nahm und Zukunftspläne ad absurdum führte. So lebten wir von Tag zu Tag und hofften.  

Ich war 19 Jahre alt, als ich auf die Weststraße zog. In eine sogenannte Ausbauwohnung - runtergekommen und feucht dazu. Wir richteten die Wohnung her. In Eigenleistung mit Freunden. Das war unser Rückzugsort - dachten wir zumindest und wurden später, als wir ins Visier der Stasi gerieten, eines Besseren belehrt.  

Alle unsere Freunde wohnten auf dem Kaßberg. Die meisten waren dort geboren, groß geworden und zur Schule gegangen. Nur ich war aus Berlin zugezogen - der Liebe wegen.  

Wir alle waren mit dem Gefängnis irgendwie vertraut. Aber keiner stellte Fragen. Wir redeten nicht darüber.  

Der eine oder andere von uns dachte sich sicher seinen Teil. Es gab da ja diese Gerüchte, dass nachts Busse vom Gefängnis aus in die BRD abfahren und es wohl um Freikäufe von "Politischen" geht.  

"Politische!" Wir wussten, dass das die schlimmsten Verbrecher in den Augen des Staates waren. Wir waren ja auch irgendwie so und wollten weg. Aber wussten nicht wie! Und oh Gott, wenn wir dann auch inhaftiert werden. Das wäre das Ende. Wir wussten, nicht alle werden freigekauft. Die anderen "sitzen" lange und bekommen danach keinen Fuß mehr an die graue DDR-Wirklichkeit.  

Besser man denkt nicht zu konkret darüber nach.  

Wir wohnten in unmittelbarer Nähe. Wir passierten die Gefängnismauer tagsüber, wenn wir Einkäufe erledigten oder Freunde besuchten.  

Und wir mussten auch nachts daran vorbei, wenn wir vom Tanz aus der Stadt kamen und den letzten Bus verpasst hatten. Dann blieb nur der Fußweg die Kaßbergauffahrt rauf  
und dann nach Hause.  

Manches Mal blieben wir an der
Gefängnismauer stehen. Der Fußweg führte ja daran vorbei. Wir unterhielten uns oder rauchten die letzte Zigarette zusammen. Dann hörten wir die Hunde hinter der Mauer wütend anschlagen und die Schritte der Posten.  

"Bürger weitergehen. Stehenbleiben verboten!"  

Das ging dann durch Mark und Bein und wir trollten uns schnell nach Hause.
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Anna kam aus Kasachstan und war dort leitende Oberschwester in einer Kinderklinik. Sie war hochqualifiziert und eine meiner Lieblingsschwestern im gemeinsamen Spätdienst. Ich konnte so viel lernen von ihr und sie war gutmütig.  Anna hatte mit ihrer Familie bereits die Ausreise aus der DDR gestellt. Ostdeutschland war nur ein Zwischenstopp für viele Menschen aus der Sowjetunion. Annas Qualifikation wurde lange Zeit vom Krankenhaus und den zuständigen Behörden nicht anerkannt. Da hörte die „Völkerfreundschaft“ mit dem „großen Bruder“ dann doch schnell auf. Oder lag es daran, dass sie ja eh´ so schnell wie möglich zum Klassenfeind ausreisen wollte?

Und da war Schwester Ines. Alleinstehend und hinter jedem neuen Assistenzarzt her. Launisch und mit hartem Regime führte sie die Schicht. Es war kein „Zuckerschlecken“, wenn man in ihrer Schicht eingeteilt war. Aber gut stellen wollte man sich schon mit ihr. In fast jedem „Frei“ fuhr sie nach Budapest zu ihrem ungarischen Freund und kam bepackt mit Jeansjacken, Hosen und Uhren zurück. An manchen Tagen meinte man, unsere Station sei ein fliegender Markt. Selbst die Patienten durften zugreifen, wenn sie in der Gunst von Schwester Ines standen.

Einer unserer Oberärzte war aus Chile geflüchtet. Er war vor der Militärdiktatur und vor Augusto Pinochet geflohen, der nach dem Sturz von Salvador Allende im September 1973 an die Macht kam. Immer wieder operierten Ärzte unserer Station verletzte Folteropfer, die die Flucht aus Chile geschafft hatten. Sie waren meist so traumatisiert, dass sie in einem Einzelzimmer abgeschottet, von der Allgemeinheit von uns gepflegt wurden.  
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Zwei Jahre zuvor hatte ich keinen Studienplatz bekommen. Als Pflegerin im Krankenhaus war ich immer wieder wegen meiner politischen Einstellung gemobbt und gedemütigt worden. Trotzdem versuchte ich durchzuhalten, um die Karriere meines Vaters nicht zu behindern – und saß im Sommer 1989 dann selbst auf den Scherben meiner Zukunft. 

Mittlerweile arbeitete ich in einem Baustofflager in Chemnitz als Disponentin. Mit der Flucht meines Vaters aus der DDR verlor ich meine Arbeit und die Aussicht auf ein berufsbegleitendes Studium. Im Sommer 1989 blieb nur noch die „Flucht“ nach vorne. Ich stellte mit meinem damaligen Mann einen offiziellen Antrag auf Ausreise in die BRD. Eine Zukunft und ein Weiterleben in der DDR war für mich unmöglich geworden. Einer nach dem anderen unserer Freunde verließ Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) – über Ungarn, Prag oder genehmigte Ausreiseanträge. Mitte Oktober erhielten wir wider Erwarten auch den Ausreisebescheid.

Es rumorte zu dem Zeitpunkt schon sehr, doch keiner wusste, wohin sich das Blatt wenden wird. Wir verkauften das meiste von unserem wenigen Hab und Gut, organisierten Umzugskisten aus dem tiefsten Erzgebirge mit Hilfe von Freunden – auch Bretterkisten waren Mangelware! Alles, was wir mitnehmen wollten, mussten wir penibel genau mit 6fachem Durchschlag für die Stasi und den Zoll auflisten. Schreibmaschinen gab es nicht. Ich lieh mir von einem Freund eine alte „Adler“, bei der das „e“ nicht funktionierte. Eine Laufliste musste abgearbeitet werden. Selbst auf dem Amt für Hundesteuer mussten wir uns melden, obwohl wir gar keinen Hund hatten. Schikane bis zum letzten Tag. 

Dann war die Wohnung besenrein und wir warteten, an welchem Tag und mit welchem Zug wir Chemnitz verlassen werden. Wann man unsere DDR-Ausweise für ungültig erklären würde. Erst Mitte November durften wir los – mit 11 Koffern und schon einem Arbeitsvertrag in der Tasche. Die Züge waren proppenvoll und wir standen von Chemnitz bis Stuttgart. Freunde holten uns ab. Am 18. November 1989 begann unser neues Leben. Wie schwer es in den ersten Jahren sein würde, ahnten wir damals noch nicht.
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Nach der Flucht meines Vaters stellte ich im Sommer 1989 endlich meinen Ausreiseantrag.  

Mein Vater hatte mit Hilfe seines Diplomatenpasses die DDR verlassen und sich ins westliche Ausland abgesetzt.

Mich ließ er zurück und lieferte mich damit bewusst der Stasi aus.  

Später war ich zudem den Vorwürfen und dem Unverständnis der Familie und Freunden meines Vaters ausgesetzt.  

Geblieben sind bis heute Ohnmacht, Wut und Trauer über diesen wiederholten Verrat.




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„Ich habe dich verraten“, sagte sie trocken.
„Auch ich verriet dich“, sagte er.
Sie warf ihm einen erneuten kurzen Blick des Abscheus zu.
„Manchmal“, sagte sie, „drohen sie einem mit etwas – etwas, das man nicht aushalten, ja nicht einmal ausdenken kann." Und dann sagt man: "Tut es nicht mir an, tut es jemand anderem, tut es dem Soundso an." Und vielleicht macht man sich nachher vor, es sei nur ein Kniff gewesen und man habe nur eben so gesagt, damit sie aufhörten und es sei einem nicht wirklich ernst damit gewesen. Aber das ist nicht wahr. Zur Zeit, wenn es sich abspielt, ist es einem ernst damit. Man glaubt, es gäbe keinen anderen Ausweg, um sich selbst zu retten und man ist durchaus bereit, sich auf diese Weise zu retten. Man will, dass es dem anderen widerfährt. "Es kümmert einen keinen Pfifferling, was sie leiden. Es geht nur noch um einen selbst.“
„Es geht nur noch um einen selbst“, echote er.
„Und danach empfindet man für den anderen Menschen nicht mehr dasselbe.“
„Nein“, sagte er, „man empfindet nicht mehr dasselbe.“
Es schien, sie hätten sich nichts mehr zu sagen. Der Wind klatschte ihre dünnen Trainingsanzüge an ihre Leiber. Mit einmal setzte es einen in Verlegenheit, schweigend dazusitzen: außerdem war es zu kalt, um stillzusitzen. Sie murmelte etwas, sie müsste Ihre Untergrundbahn erreichen und stand zum Gehen auf.
„Wir müssen uns wiedersehen“, sagte er.
„Ja“, sagte sie, „wir müssen uns wiedersehen.“
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Weg zur Freiheit:
Hasse niemanden, ganz gleich, was Dir angetan wurde.
Lass den Schmerz nicht länger bestimmen, wer Du bist.
Bleib nicht »das Opfer«.
Du bist mehr.
Vergib.
Allen.
Auch Dir selbst.  

[Unbekannt]
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"Jeder Mensch behält bis zum letzten Augenblick seines Lebens die Freiheit, über seine Haltung zu der tragischen Situation zu entscheiden."

Viktor E. Frankl
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Es ist Samstagmorgen. Wir schreiben das Jahr 1984. Das Frühstück liegt hinter mir.
Der Heizkessel im Keller unseres Hauses presst bereits wohlige Wärme in die Rippen unserer gusseisernen Heizkörper. Langsam wird es gemütlich und bequem in unserem Haus in der Puschkinstraße 14.

Seit längerem schon hatte ich mich darauf eingerichtet, pünktlich um 9:00 Uhr den Rias Berlin mitzuhören. Ein Sender, der im amerikanischen Sektor in Berlin stationiert ist und Unterhaltungsangebote für die Menschen in der DDR, insbesondere für die Ost-Berliner, macht.

Ich rutsche mir meinen Stuhl zurecht und richte mich für die nun folgenden zwei Stunden Musik und Kultur ein. Bald wippe ich im Klang meines Ohrwurms von links nach rechts. „Er war jung und hieß Mariano,“ singt Gaby Baginski. Mein Sharp-Kassettenrecorder ist eine Augenweide; sein Sound ein brillanter Hörgenuss.

„Wie die Glut deiner Zigarette beginnt, dir die Finger anzusengen, merkst du, dass du geträumt hast.“

Dieser Satz gräbt sich tief in mein Bewusstsein. Immer wieder folge ich in meinen Träumen, später diesen tiefen Spuren. Diese Musik hebt Raum und Zeit, ja die Totalität der Gegenwart auf, erlaubt mir Visionen, Bilder und Träume, wie die bunten Glasfenster einer Kathedrale. Lord Knut vom RIAS Berlin versteht es, uns mitzunehmen.

Eine kurze, jähe Unterbrechung reisst mich aus meiner Fantasie. Werbung. Werbung für eine Lesung aus einem Buch mit dem schlichten Titel „1984“ in einem Westberliner Kulturkaufhaus.
George Orwell ist der Autor jenes Buches, erfahre ich. Es geht um einen totalitären Überwachungsstaat. Ein Überwachungsstaat, der überall auftritt und seine Gegenwart in grässlicher Art und Weise behauptet. Der sich in Privatleben drängt und Anspruch auf das Selbst der Menschen erhebt. Vorschreibt, was zu denken und zu sagen ist.

„Du hast gefälligst gehorsam zu sein. Wir, die Partei wissen, was für dich gut ist,“ denke ich unwillkürlich an mein eigenes Leben und wundere mich. Es ist 1984, es ist absurd.

Sogar von einer Geldmünze verfolgen dich die Augen des Großen Bruders, auf Briefmarken, Briefumschlägen, Transparenten und der Verpackung einer Zigarettenschachtel, höre ich weiter von George Orwell. Es ist ferner die Stimme, die du nicht mehr abschalten kannst. Sie ist überall. Selbst in deinem Schlafzimmer, ja sogar bis in dein Bett dröhnt der Televisor der Partei: Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke.

Wir schreiben das Jahr 1984. In meinem Kopf gehen viele Lichter an. Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Ich möchte das Buch gern lesen, Zeile für Zeile nachspüren.
Lord Knud hatte längst wieder einen weiteren Titel auf seinem Plattenteller angestoßen. „The Lords, Poor Boy.“ Für mich hingegen bleibt, was ich gehört habe. Der Inhalt wirkt in mir nach. Irgendwie schaffe ich es, mir das Buch zu besorgen. George Orwell mahnt den Missbrauch politischer Macht totalitärer Regime an. Und ich weiß: Systeme, wie die DDR-Diktatur, sind auf dem Weg der perfekten Zerstörung persönlichen Lebens. Sie lassen keine Selbstbestimmung zu.

Was folgt, ist mein persönliches Schicksal und das meiner Familie. Es ist ein schweres Schicksal, aber es ist persönlich.
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Ein letztes Mal folge ich meinen Augen durch die 9 m² große Zelle. Hinter den Glasbausteinen meines Zellenfensters baut sich der noch junge Tag auf. Es ist spürbar warm. Es ist der 30. Juli 1984.

Ich spüre in mir einen unaufschiebbaren Drang nach Freiheit, nach Öffnung aller Schranken und Türen. Meine Augen verlangen nach Farben und Formen, nach blühenden Bäumen und Blumen.
Ich möchte Menschen sehen, wie sie sich schön kleiden und unkompliziert miteinander sprechen.

Nach der rituellen Waschung folgt ein letztes Mal das Frühstück. In den meisten Fällen gibt es wie in zurückliegender Zeit Vanillesuppe mit Brötchen. Wir zelebrieren es, wie an jedem Tag, so auch heute.

Der braune Grund des Holzfußbodens meiner Zelle ist abgewetzt vom ewigen Scheuern und Desinfizieren. Wie viele Tränen verzweifelter Gefangener wird er schon aufgenommen haben?

Ich schaue mir meine Hände an – den Knauf meines Zeigefingers. Darauf ist dick Hornhaut zu sehen. Was hat er in den zurückliegenden Monaten für Arbeit geleistet? Wie stark und massiv sind meine Handknochen?

Ich bin dankbar für das, was ich durch das Klopfen alles erfahren habe. Ganze Lebensgeschichten, bittere und schmerzhafte, herzzerreißende Schicksale, wie sie nur eine Diktatur den Menschen aufzwingen kann.

Ich schaue in Holgers Gesicht.
Ich werde ihn in der Zelle allein zurücklassen.
„Ich werde mir schon zu helfen wissen.“
„Bist du aufgeregt?“, fragt mich Holger.
"Nein, ich bin nicht aufgeregt. Du weißt doch, dass das Theater bei Gericht einer einzigen Selbstdarstellung dient. Das Strafmaß steht ja bereits fest."

Ich verhalte mich wie ein Stallhase. Meine Ohren sind gespitzt. Dann endlich das erwartete Zeichen.
„Strafgefangener 47/2, ziehen sie das für die Verhandlung an.“
Der Wärter schmeißt mir mein Bündel Wäsche aufs Bett. Wie magisch fallen meine Augen auf die Kleidung. Aha. Endlich.
Ich nehme meine Kleider in die Hände und halte sie mir unter die Nase. Es sind meine Levi Strauß, die ich vor 6 Monaten hier ausziehen musste.
Hm, wie gut die riechen. In Minutenschnelle bin ich angezogen.

Jetzt bin ich ein anderer Mensch. Die Levis bedecken meine Haut und geben mir das Gefühl ich selbst zu sein. Es ist ein wunderbares Gefühl der Erhabenheit.
Ich möchte nun endlich raus hier, ich möchte den Himmel sehen, die warme Augustluft in meiner Nase spüren. 

Die Sachen sind mir zu groß. Ich habe ordentlich an Gewicht verloren. Die Waage hat neulich 12 Kilo weniger angezeigt. Auch in meinem Gesicht wird Farbe fehlen. Bestimmt hat sich das Weiß der Zellenwand prägend auf meinem Gesicht niedergeschlagen?

Endlich. Ich höre die Staatspolizei. Mit eiligen Schritten treten sie an meine Zellentür. Sie haben ihren schwarzen Gürtel fest um ihren Leib gezogen und ihr Blei auf Hochglanz poliert. Ein letzter kurzer Blick zu Holger.
„Mach´s gut, Kamerad.“
“Strafgefangener kommen sie!“

Es steckt Leben in mir, das ich in den zurückliegenden 6 Monaten immer wieder kanalisieren und unterdrücken musste, während hinter meinem Rücken die Zellentür ins Schloss fällt. Wumms.

Ich habe eine Hürde genommen. Eine zweite wartet noch auf mich. 
Draußen lacht indes die Sonne vom Himmel. 

Die beiden uniformierten Polizisten dirigieren mich nun zu einem Auto, das unauffällig auf dem Pflaster des Gefängnishofes steht. Die Seitentür des Barkas ist aufgeschoben, die Beifahrertür geöffnet. Das Auto hat die Aufschrift "Frischer Fisch". 

Gleich darauf trifft mich ein Befehl:
„Gehen Sie in die offene Zelle des Autos. Ich höre kein einziges Wort von Ihnen, verstanden?“

Vier winzige Blechkammern. In jede passt nur ein Strafgefangener. Gebückt muss ich hineinkriechen. Ein Metallsitz bietet mir Platz. Dann sperrt der Polizist die Blechkammer ab.

Jetzt habe ich nur noch einen kleinen Luftschacht in Höhe meiner Augen. Der versorgt mich mit Luft. Es ist beklemmend. Mir steigt Hitze zu Kopf.

Mir bleiben jetzt nur noch meine Ohren. Ich höre Schritte, die an Pumps erinnert. Es können die Schritte meiner Frau sein! Es muss meine Frau sein, natürlich. Wenn sie uns richten, dann richten sie uns nur gemeinsam.

Jetzt wackelt die Blechkarosse. Meine Frau steigt zu. Doch ich bringe kein Wort heraus, kein einziges. Ich habe Angst, wenn ich etwas sage, dass der Polizist mit seinem Gummiknüppel gegen meine Blechtür schlägt. Ich muss also meine  Zähne zusammenbeißen.

Endlich schlagen Seitentüren. Der Barkas wackelt. Der Motor springt an. Kurve rechts, Kurve links. Geradeaus. Der Fahrer beschleunigt, er schaltet hoch.

In meinem Kopf dreht es sich. Ich kann nicht sehen, wohin wir fahren. Kurz darauf schlagen wieder Türen. Stimmenwirrwarr.
Jetzt können sie ja ihren „Fisch“ ausladen!
„Aussteigen!“
Ich zwänge mich aus meiner Blechkammer und torkele hinaus ins Freie. Ein Polizist legt meine Hände in Handschellen, in ein festes, kaltes Eisen.
„Folgen Sie mir jetzt!“

Ich folge ihm auf Schritt und Tritt. Ich bin vor meiner Frau der erste, der die Blechlawine verlässt. Der Weg ist kurz, bis er mich hinein in ein Gebäude führt. Es ist der Hintereingang des Gerichtsgebäudes. Durch den Wirtschaftsgang laufen wir vor bis ins Foyer. Es wirkt auf einmal alles anders. Es wirkt erhaben. Braune massive Holztreppen führen hinauf in die erste Etage. Große, schwer wirkende Türen lassen auf die geräumigen Zimmer schließen, die sich dahinter zu befinden scheinen.
Kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Steril und aufgeräumt, weggeschlossen und verbarrikadiert. 

Ich setze meine Füße auf die ersten Stiegen. Der Handlauf neben mir glänzt, als sei er mit Möbelpolitur getränkt.

Eine halbe Ewigkeit sitze ich im Verhandlungssaal - direkt unter einem Bild von Erich Honecker.

Dann auf einmal erscheint meine Frau im Rahmen der Tür. Ist das wahr? Am liebsten möchte ich aufspringen, sie umarmen, sie drücken. Doch wir müssen unsere Gefühle füreinander noch immer anästhesieren. 
Was in mir vorgeht, spüren nun auch die beiden Polizisten.
„Wagen Sie sich nicht von der Stelle.“

Die vergiftete Atmosphäre des Sozialismus aus Gängelung und Nachstellung wird auch hier im Gerichtssaal spürbar. Die Kälte, die aus den verfrorenen Mündern kommt, ist kaum auszuhalten.

Meine Frau kommt indes mit einem aufrechten Gang daher. Nur ist sie schlanker geworden. Die Monate der Haft haben an ihr gezehrt. Sie hat sich ihren schönsten Rock ausgesucht, der knapp über dem Knie endet. Es ist der beigefarbene Rock, den wir gemeinsam im Intershop in Zeitz gekauft haben. Dazu trägt sie ein paar schicke Pumps.

Der entfernte Stuhl auf dem meine Frau Platz genommen hat, kann uns nicht trennen. 
Sie wendet ihren Kopf und blickt mich an.

Es ist schön sie zu sehen.





Zum Anfang
Jetzt sitzen wir da.

Nachdem der Pflichtverteidiger seinen Stuhl erreicht hat, darf er sich setzen. Seinen Schnellhefter hat er auch wieder dabei! Wie am ersten Tag. Das ist ja interessant! Wenigstens tut er so, als hätte er jenseits seines Parteiabzeichens etwas zu sagen.
Vielleicht fällt ihm dann wieder unsere Straftat ein? Ach ja, der Ehemann wollte eine Pilgerreise nach Rom machen und die Ehefrau war einverstanden.


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„Stehen Sie auf.“
Vor uns erheben sich die Götter in ihren schweren Roben. Das Strafmaß steht fest: 3 Jahre und 6 Monate.

Ich drehe mich zu meiner Frau. Wir flüstern uns leise zu. 
Schließlich interveniert einer der Polizisten und stößt einen kalten Befehl aus.
„Strafgefangene! Gehen Sie jetzt dort zu der Tür!“
Meine Frau geht nun an mir vorüber. Ich versuche zu halten, was zu halten geht. Ihre Augen, ihr Lächeln, ihre langen Haare, ihr beiges Kostüm, ihre Pumps, ihr Parfüm.

 


















Zum Anfang
Mit dem Beginn meiner Inhaftierung im Roten Ochsen in Halle wurde meine Familie in drei Teile gerissen. Zerrissen, wie ein Stück Papier. Unser vier Jahre altes Kind war plötzlich ohne Eltern und musste miterleben, wie meine Frau und ich von der Staatssicherheit abgeführt wurden. Immer wieder hat sie die Oma gefragt, warum die Menschen so böse sind.  

Meine unter Tränen an den Polizisten wiederholt geäußerte Bitte, mir doch endlich zu sagen, wo meine Frau jetzt ist und wie es ihr geht, wurde mit einem süffisanten Schweigen beantwortet. Diese Hartnäckigkeit zerreißt emotional und bewirkt, dass der Gefangene in Lethargie fällt. Er verdorrt quasi wie eine Distel im staubtrockenen Boden. Dazu kommt die komplette Isolation zur Außenwelt. Kein Wort der Nähe und Aufmunterung, keine noch so leise Stimme – die absolute Stille wirkt wie ein gähnend hohles Loch der Verzweiflung.

Schließlich wurde mein Leid durch die Zusammenlegung mit einem Haftkameraden beendet. Nun hörte ich meine Worte wieder. Ich vernahm den Klang gesprochener Sätze. Wir redeten in einem fort. Die Sprache, das Schönste am Menschen, war endlich wieder da und ich lernte von Neuem, welche Macht Worte haben. Zusammen waren wir lebendig. Mein Haftkamerad hatte bereits Schätze an Kommunikationserfahrungen, die er wie Perlensteine vor mir aussiebte. Er erzählte mir von den Klopfzeichen und davon, dass die Zellenwand, die uns voneinander trennt, auch zum Träger von Schall werden kann.

„Klopfzeichen musst du gegen die Wand setzen. Der Kamerad hinter der Mauer hört sie. Nimm den Zeigefinger und probiere es aus. Am Anfang geht es noch langsam. Doch du gewinnst an Perfektion.“
Einmal klopfen = A
Zweimal klopfen = B 
Dreimal klopfen = C
Also, wenn ich neunmal gegen die Wand klopfe, habe ich das I geklopft. Dem folgt durch drei Mal klopfen das c. Weitere 8 Klopfzeichen markieren das h. Zusammengesetzt lautet es: Ich suche Konny! Mit dieser Information geht der Kamerad in der Nachbarzelle an die gegenüberliegende Zellenwand. Das kann über vier, fünf Zellenwände so gehen.

Erschöpft sich die Kommunikation horizontal, weil keine Ergebnisse vorhanden sind, dann muss vertikal weitergearbeitet werden. Dann wird nämlich das Wasser aus der Toilette geschöpft und mit dem Scheuerlappen nachgetrocknet. Machen das drei Kameraden, die am gleichen, vertikalen Fallrohr liegen, kann man über die Toilette miteinander sprechen.

Scheitert man damit, bietet die Zellenwand im Hof des Gefängnisses in Freistunden die Möglichkeit Schriftzeichen in den Putz der weißen Wand zu kratzen. Irgendein Kamerad liest die Zeichen und gibt sie weiter, falls die Stasi sie vorher nicht zerkratzt. Deshalb sind immer wieder neue Versuche nötig, bis man eine Antwort bekommt.

Obacht ist in jedem Fall dabei geboten. Falls ein Kamerad beim klopfen oder kratzen erwischt wird, sind Sanktionen die Folge. Im schlimmsten Fall wartet das U-Boot auf ihn. Dort ist es nur halb so hell. Die Notdurft muss auf einem Eimer verrichtet werden und das Essen wird auf halbe Ration gekürzt. Deshalb hat jeder Gefangene Angst vor dem U-Boot.

Sind dann jedoch, wie in meinem Fall, die Aktionen erfolgreich und ich erfahre, dass meine Frau in Zelle 13 zusammen mit Marina sitzt, färbt sich die Welt für einen kurzen Moment bunt ein, wie das Leuchten bleiverglaster Fenster einer Kathedrale.    
Zum Anfang
An den lindgrünen Glasbausteinen meiner Zelle bricht sich das Sonnenlicht. Es färbt die schneeweiße Zellenwand in ein verwaschenes Lindgrün. Ich sitze unterdessen ohne nennenswerte Gedanken am Saum meiner Bettdecke, als plötzlich der Wärter die Luke in der Zellentür nach unten klappt. „Sie haben Sprecher, machen Sie sich fertig.“ Überrascht springe ich auf.

Sprecher heißt, dass ich Besuch habe. Zum Fertigmachen brauche ich nicht viel Zeit. Die folgenden Handgriffe sind schnell gesetzt. Aus der alten Bleileitung appliziere ich mir eine Handvoll Wasser ins Gesicht, streiche über meine Haare und krieche in meine Filzschuhe. Fertig.

„Kommen Sie!“ Schleifend rutsche ich mit meinen Filzschuhen über die Steinbodenfliesen. Sie sitzen lockerer als noch vor drei Monaten. Ich habe abgenommen. Gewicht verloren. Längst ist mir klar, dass das Ziel des Sprechers der Verwaltungstrakt am Eingang des Gefängnisses ist. Der Weg ist relativ kurz. Die visuellen Eindrücke allemal erschütternd. Mauern, Steine, Stacheldraht. Uniformierte mit Handschellen und Gummiknüppeln. Auf Hochglanz polierte Stiefel.

Ankunft. Jetzt werde ich einem anderen Stasioffizier übergeben. Der nimmt mich ohne großes Federlesen gleich in den verbalen Schwitzkasten. „Passen Sie auf. Ich lasse Sie jetzt in das Zimmer. Sie setzen sich ohne Berührung nieder. Es wird nicht über die Haft und nicht über private Dinge gesprochen. Verstanden?“ Das ist die Forderung nach Neusprech. Ich werde ganz menschlich festgelegt. Sie zerren an mir, um meine Wildheit zu bannen. Sie binden und schnüren meinen Geist.

Als ich jetzt zur Tür eintrete, schaue ich in die Augen meiner Schwiegermutter. Sie sind offen und neugierig, aber auch voller Sorge.
„Du bist dünn geworden, mein Junge.“
„Ja, ich habe abgenommen, aber es geht mir gut.“
„Karina geht es auch gut!“
„Ich habe für dich eine grüne Gurke mitgebracht.“
„Das ist nett. Die bereichert heute Abend meinen Speiseplan. Danke.“

Wir beide sitzen nicht allein in dem Besucherzimmer. Drei Meter von uns entfernt sitzt ein Stasioffizier. Er hört auf jedes Wort, das wir uns sagen. Seine Ohren gleichen der einer Fledermaus. Ein falsches Wort auch nur, dann ist der Besuch beendet. Wir beide spüren, wie ausgekühlt unter diesen Umständen unsere Kommunikation verläuft. Wir dürfen nicht, wie wir wollen. Zäh sind unsere Worte, schmallippig unser Mund. Was uns bleibt, sind nonverbale Gesten, die verhaltene Kommunikation mit den Augen. Ein Lächeln.

Dann ist die Besuchszeit beendet.
„Abmarsch. Kommen Sie.“
Mit meiner Gurke in der Hand bringt mich der Wärter zurück in meine Zelle. Ein ganzer Nachmittag liegt vor mir. Meine grüne Gurke liegt unterdessen längst im Schacht meines Zellenfensters. Die hat der auf den Trakt Dienst tuende Wärter wohl längst über den Spion der Zellentür gesehen. Ihm entgeht nichts. Der kreisrunde Ausschnitt legt die Zelle für sein Auge frei. Nur die Toilette und der gusseiserne Heizkörper, die beide im spitzen Winkel links und rechts der Zellentür liegen, sieht er nicht. Ein winziger Ort persönlicher Intimität! Beim Abendbrot schneide ich die Gurke in kleine Stücke. Sie riecht, wie frische Gurken riechen müssen und sie schmeckt vorzüglich in Kombination mit meinem Schwarzbrot.  

„Na, Ihnen geht es ja gut!“, brüllt der Wärter in meine Zelle.  Ich antworte ohne nachzudenken:
„Sie brauchen nur einen Ausreiseantrag zu stellen, dann geht es ihnen genauso gut.“

Zum Anfang
Der hafteigene Konsum im „Roten Ochsen“ diente wohl in erster Linie dem Personal der hier Dienst tuenden Mitarbeiter. So konnten sie nach Dienstschluss Waren des täglichen Bedarfs einkaufen. Die Gefangenen des „Roten Ochsen“ partizipierten an diesem Privileg. Sofern ihnen ihre Angehörigen Geld an die Gefängnisleitung geschickt hatten, konnten sie sich durch den Kalfaktor Lebensmittel und Genussmittel auf die Zelle bringen lassen. Tee, Folienkuchen, Camembert und natürlich Schokolade. Dabei spielte die Tafel Schokolade eine besondere Rolle. Nicht der Inhalt an Kakaobutter ist dabei interessant, sondern das Papier - das Silberpapier! Das Gefängnis ist ein Ort, wo Fantasie und Kreativität gefordert werden. Silberpapier hebt die Isolation nicht auf, es fördert aber auf anderer Ebene den Schalk und das Abenteuer. Davon leben Gefangene; aus gedanklichen Weitsprüngen, mit bildgebendem Verfahren. Silberpapier kann man nämlich zu schmalen Streifen von 10 cm Länge zusammendrehen. Man kann sie dann abwinkeln, so dass ein rechter Winkel entsteht.  

Nun gibt es in der Zelle eine Netzsteckdose für die tägliche Rasur. Diese Netzsteckdose wird draußen vor der Zellentür durch den Wärter stromführend gemacht. Nach der Rasur schaltet er sie wieder aus. Nun ist es in der Tat ja so, dass die Gefangenen einmal am Tag die Zelle zur obligatorischen Freistunde verlassen. Dazu müssen sie vorbei an dem besagten Schalter, der ja unmittelbar vor der Zellentür in Schulterhöhe angebracht ist. Ein erster rascher Blick ist da schon mal hilfreich, um die Perspektive auszuleuchten. Auf dem Weg von der Freistunde zurück in die Zelle kommt es jetzt drauf an, Geschicklichkeit, Zusammenarbeit und Schnelligkeit zu praktizieren. Die Rollen werden besprochen. Wir sind zu zweit. Vor dem Einschluss in die Zelle stehen wir hintereinander. Wir schließen dicht auf. Der Körper hat fast Berührung mit der Seitenwand. Der Schalter ist fast zum Berühren nahe. Noch ein kurzer Schritt. Stopp. Ich stehe genau richtig. Der Wärter bohrt jetzt seinen überdimensionalen Schlüssel ins Loch der Zellentür, betätigt vorher den Eisenriegel. Ratsch, klack, klack. Aktionen, die drei Sekunden Zeit in Anspruch nehmen. In dieser Zeit ist er unaufmerksam. In dieser Zeit kippe ich mit der Schulter den Schalter. Fertig. Geschafft. Der Wärter hat nichts mitbekommen! Die Netzsteckdose ist unter Strom. Jetzt warten wir den Einbruch der Dunkelheit ab. Dann kommen die Silberstreifen zum Einsatz. Die stecken wir einzeln in die Netzsteckdose, führen unseren Zahnputzbecher darunter, bis die Silberstreifen im Wasser versenkt sind - und warten. In 1,5 Minuten siedet unser Wasser. Teebeutel rein – jetzt können wir genießen. Ein kleines Experiment ist gelungen.    
Zum Anfang
Meiner Schwiegermutter gelingt beim Besuch des „Roten Ochsen“ einen in Goldpapier eingewickelten Osterhasen mitzunehmen. Die Kontrollschleusen haben es zugelassen. Voller Stolz sitzt sie im Besucherzimmer und wartet auf mich. Doch als sie mir nach einem kurzen Gespräch den Hasen übergeben will, interveniert der Stasibeamte, der wieder auf jedes Wort lauscht, das wir austauschen.
„Halt. Stopp, so nicht!“
Meine Schwiegermutter befällt Sorge. Ihre Stimme klingt brüchig. Ihre Hände zittern.
„Ihre Mitarbeiter draußen haben mir erlaubt, erlaubt, den Ha…Hasen mei … meinem Schwiegersohn zu geben.“
„Geben Sie den Hasen her!“
Der Stasi-Mann nimmt ihn ihr aus der Hand, dreht ihn und wendet ihn, hält ihn schüttelnd ans Ohr. Dann zieht er seine buschigen Augenbrauen hoch, legt seine Stirn in Falten. Mit einem Mal entspannt sich die Situation so schnell, wie sie sich aufgeheizt hat.
„Ja, ja, geben Sie ihm nur diesen Hasen.“
Auf dem Weg zu meiner Zelle beschließe ich, dass ich den Hasen meiner Frau schenken will. Wenn ich zur nächsten Vernehmung gerufen werde, nehme ich den Hasen mit und bitte den Vernehmer, ihn meiner Frau zu geben.
Während der Vernehmung frage ich ihn. Allerdings habe ich Sorge, er könnte ihn seinen Kindern mitnehmen. Doch er sichert mir zu, ihn meiner Frau zu geben.
„Den stelle ich hier vorn auf den Schreibtisch, da kann ihn ihre Frau sehen, wenn sie kommt.“  
Später erfahre ich, dass der Vernehmer meine Frau mit dem Hasen konfrontiert hat.
„Das ist ein Geschenk von ihrem Mann. Jetzt meinen Sie, ich gebe ihnen diesen Hasen so einfach?“
„Wenn es ein Geschenk ist, dann gehört es doch mir.“
„Sie beißen den Hasen die Ohren ab, basta!“
„Den Gefallen tue ich Ihnen nicht!“
„Dann werde ich ihm die Ohren abbrechen!“
„Das tun Sie bitte nicht. Warum soll ich ihm denn die Ohren abbeißen?“
„Da könnte ein Kassiber versteckt sein!“
„Wie soll denn der da reinkommen?“
„Sie brauchen nur mit einem Feuerzeug unten am Fuß des Hasen ein Loch aufschmelzen, den Kassiber reinstecken und das Goldpapier wieder drumlegen.“
„Ach so macht man das. Gut das Sie mir das sagen!“
Daraufhin bricht der Vernehmer dem Hasen die Ohren ab. Meine Frau ringt mit den Tränen.
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Der Vernehmer behauptet meiner Frau gegenüber mehrfach ich sei homosexuell und unsere Ehe sei nur ein Strohfeuer.
„Sie passen nicht zusammen."
"Sie haben studiert, ihr Mann hat es nicht. Haben Sie noch nie gespürt, dass ihr Mann sie betrügt?“
„Was meinen Sie, hat Ihr Mann mit Ihrem Brieffreund gemacht, als die beiden allein waren?“
„Lassen Sie sich von ihrem Mann scheiden, das ist der beste Weg.“  
Als zynisches Druckmittel wird nun Karina als Pfand missbraucht.
„Sie haben doch ein Kind. Ein Kind von 4 Jahren. Das Kind braucht die Mutter! Lassen Sie sich scheiden, dann sehen Sie auf der Stelle ihr Kind wieder.“
Zum Anfang
„Passen Sie auf, ich bringe Sie jetzt an den Ausgang. Auf dem Gefängnishof sehen Sie einen Bus von uns drüben. Ja, Sie haben richtig gehört. Auf den gehen Sie zu und warten alle anderen Anweisungen ab. Verstanden?“

Als ich durch die Tür das Gefängnis verlasse, sehe ich alles so, wie der Wärter es uns gesagt hat. Ich traue meinen Augen kaum. Ich schließe sie, und ich öffne sie wieder. Auf dem Gefängnishof steht ein Magirus Deutz. Ein Westreisebus!

In das umliegende Grau, der weithin sichtbaren Haftanstalt, ist Farbe gekommen. Wir werden mit einem Bus in die Freiheit gefahren!

An der Omnibustür wartet ein Mann im grauen Anzug. Rechtsanwalt Vogel.
Er hält einen Notizblock in seinen Händen.

„Wie ist Ihr Name?“, fragt er im höflichen Ton.

Ich suche mir einen Platz in der Mitte des Busses, auf der linken Seite. Dann setze ich mich. Aus der vorderen Reihe ruft plötzlich ein Mann:
„Jetzt bringen sie die Frauen!“

Ein Mann, der diagonal vor mir sitzt, bricht in Tränen aus, als er seine Frau kommen sieht.

Dann sehe ich Kornelia.

Sie trägt eine Blue Jeans, passend zur blauen Bluse, die sie in Zeitz immer so gern getragen hat.

Nun steigt sie in den Magirus Deutz. Unsere Blicke treffen sich.
Sie kommt den Gang nach hinten. Wir fallen uns wortlos in die Arme.

Dann nehme ich ihre Hand. Wortlos.

Es ist schön sie zu sehen.



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Ich stehe im Hof und werfe einen ersten Blick nach oben auf unser Schlafzimmerfenster. Es ist angekippt, dahinter wirkt alles still und ruhig. Ein kurzer Blick auf meine Uhr. Es ist 14:45 Uhr. 

Ich gehe ein paar weitere Schritte auf unsere Eingangstür zu und fahre mir noch einmal mit meinen Händen über mein Gesicht. Dann betätige ich entschlossen die Glocke. Ging gong. Der Türöffner summt. Sie sind da! Ich bin erleichtert. Ich schiebe die Eingangstür auf und laufe rasch die Stiegen empor. Mein Herz hüpft. In der Mitte des Treppenhauses rufe ich nach ihrem Namen. Karina? Ich höre es rascheln. Wie wird Karina reagieren, wenn wir uns sehen? Ich denke: Gleich wird das weite Feld aus Sprachlosigkeit und Angst, das gesamte Areal abgewürgter Gefühle, mit Leben gefüllt werden. Es wird sich ein Stein zu Tal wälzen, der so unerträglich schwer unsere Seelen belastet hat.

Schließlich nehme ich die letzten Stiegen. Nun trennt mich von den beiden nur noch ein letzter Treppenabsatz. Ich bleibe stehen.

Ich sehe Karina, meine Tochter!

Vor 19 Monaten haben wir uns das letzte Mal gesehen. Kornelia hält sie auf dem Arm an ihre Brust gedrückt. Unsere Augen begegnen sich.

Ich schaue sie an.

Groß ist sie in der Zwischenzeit geworden.
„Kennst du mich noch?“
Sie nickt verlegen, aber zustimmend.
Ihre Augen beginnen zu glänzen, ich kann ein Stück in sie hineinsehen, das Licht erkennen, das als Flamme in ihrem kleinen Körper wieder zu glimmen begonnen hat. Mir wird durch das Funkeln ihrer Augen ein Stück weit Himmel geschenkt. Ein Stern, der unverwechselbar zu uns gehört. Dann strecke ich meine Arme nach ihr aus, frage:
„Kommst du mal zu mir?“
Sofort löst sie sich aus der Umklammerung von Kornelia und kommt zu mir. Ich drücke sie ganz fest an mich, ganz lange.
Lange hat Karina auf diesen Moment warten müssen. Jetzt spürt sie auf einmal wieder meine Wangen, sie spürt mein Herz in der Brust schlagen, sie spürt den Hauch meiner Stimme und den Klang meiner Worte. Ich drehe mich mit Karina im Kreis, als begännen wir uns nun unserer Flügel bewusst zu werden.

Dann schaue ich sie noch einmal an.

Sie muss spüren, dass wir Gefühle nicht neu füreinander entdecken müssen, sie sind vorhanden, wir brauchen sie nur zu wecken, wieder zulassen. Auch unsere Stimmen sind uns noch vertraut, wir haben uns erkannt. Meine Befürchtung, die ich im Gefängnis hatte, auf eine zerrissene Familie zu treffen, hat sich so nicht erfüllt! Nun drehe ich mich mit Karina zu Kornelia um. Kornelia weint. Das Wasser in ihren Augen rollt in unzähligen Tropfen über ihre Wangen.

Nach 19 Monaten dieser furchtbaren Odyssee schließen wir die Tür hinter uns zu. Keiner kann uns jetzt mehr stören und keiner hat jetzt mehr Zutritt.

Wir beginnen miteinander zu spielen. Im Spiel sind wir ganz bei uns selbst, im Spiel vergessen wir die Welt. Die Puppen bekommen alle einen Namen, bis auf Felix, der ist namentlich bereits festgelegt. Die Puppen müssen ansprechbar sein. Dann werden sie alle zu Figuren, die im Spiel mit uns kommunizieren. Es macht Spaß. Wir müssen uns die Namen merken. Karina hat sichtlich Freude daran. Ich nehme mich im Spiel etwas zurück und versuche Karina die Spielleitung zu übertragen. Sie soll den Spielverlauf bestimmen dürfen und die Intensität des Spiels. Und sie soll festlegen können, wann sie keine Lust am Spiel mehr hat.

Nachdem wir eine gute halbe Stunde miteinander gespielt haben, ziehe ich mich langsam aus dem Kinderzimmer zurück. Ich möchte Karina das Gefühl geben, das Zimmer allein zu entdecken. Es ist ihr kleines Territorium, ganz allein nur für sie. Sie sagt, dass die Tür ganz offenbleiben soll. Darauf legt sie besonderen Wert.

Sie möchte uns sehen, möchte unsere vertrauten Stimmen hören.
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Fußnoten

Die Erfahrung eines tiefen Schmerzes begleitet und eint viele Betroffene mit politischen Unrechtserfahrungen. Manchmal ist es physischer Schmerz, der seelisch nachhallt, manchmal seelischer Schmerz, der physisch wird. Immer ist dieser Schmerz die Folge der Erfahrung von Ohnmacht.


Zum Anfang
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Menschen, die politische Unrechtserfahrungen gemacht haben, brauchen andere Menschen, um sich ihrer oft unvorstellbaren Erfahrungen zu versichern und überwältigende Gefühle auszuhalten. Dabei tun sie sich oft schwer, Vertrauen zu fassen.
Zum Anfang
Menschen, die politisches Unrecht erlebt haben, fühlen sich oft ohnmächtig. Sie haben erfahren, dass Macht in fremden Händen liegt. Es ist wichtig für uns, etwas tun zu können und damit die Macht durch handeln zurückzugewinnen. Dabei hilft uns auch die Auseinandersetzung mit Kunst, wie hier mit den Bildern von Karl Oppermann, die menschliche Gewalt ganz plastisch darstellen.

Zum Anfang
Oft haben die Betroffenen die entwürdigende Erfahrung gemacht, eine Nummer oder ein Kürzel zu sein, wie trocken "die S." oder "der T." in den Stasiakten. Heute kämpfen sie darum, wertvolle und akzeptierte Mitglieder der Gesellschaft zu sein. Die Gruppe sucht aktuell noch einen Namen.
Zum Anfang
Orte der Entwürdigung sind heute Gedenkstätten und Museen. Für Betroffene sind sie beängstigend. Diese Orte "einzunehmen", mitzugestalten und zu verändern, bedeutet Anerkennung und Lebendigkeit.

In der Aufarbeitungswerkstatt haben wir Orte besucht, abgelichtet und in der künstlerischen Auseinandersetzung "besetzt". 
Zum Anfang
Das Absurde ist das, von dem wir denken, es glaube uns niemand, weil es verrückt zu sein scheint, weil es die Menschen um uns erschreckt. Wir alle haben das Absurde erlebt, deshalb haben wir gemeinsam Kafka und Orwell gelesen. Zu wissen, dass die tiefe, persönliche Erfahrung geschrieben steht, tröstet und inspiriert.
Zum Anfang
Keine Zeit ist gefeit davor, unmenschlich zu sein. Traditionen und Routinen sind oft mächtiger als kritische Vernunft. Die Orte, an denen Betroffene verhaftet und verhört wurden, sind Orte, die auch vor der SED-Diktatur der Erziehung und Bestrafung dienten.

Anerkennungsverfahren zur Wiedergutmachung von Unrecht finden auch heute in langwierigen Prozessen und Begutachtungen statt. Das ist schmerzhaft für Menschen, weil es die Vergangenheit subjektiv wiederholt.
Zum Anfang
Wir alle sind verraten worden. Es fällt uns bis heute schwer, Vertrauen zu fassen. Auch Opferbeauftragte und Universitätskliniken machen uns Angst.

In der Aufarbeitungswerkstatt arbeiten wir deshalb egalitär und auf Augenhöhe. Wir sind stolz darauf, dass wir gemeinsam diese Ausstellung ohne Opferhierarchie gestaltet haben.
Zum Anfang
Öffnen und schließen,
festhalten und loslassen,
fragen und antworten,
etwas wagen und sich schützen,
sich wundern und verstehen,
öffnen und schließen
Zum Anfang
Nicht alles ist sagbar. 
Wir brauchen Bilder, Farben, Töne, die zwischen den Zeilen erzählen.
Lange diente uns für die Werkstattarbeit diese Internetseite als Sammelstelle für unsere Symbole. Wir haben sie gemeinsam angeschaut und besprochen und jetzt ist sie so.
Zum Anfang
Menschen, die politisches Unrecht erlebt haben, halten Erinnerungen oft verkapselt in sich zurück. Sie sind allein damit. 
In der Aufarbeitungswerkstatt haben wir in unseren Gruppengesprächen festgestellt, dass wir wichtige Erlebnisse hinter Symbolen, Schlagworten oder kurzen, verdichteten Sätzen versteckt haben. Deshalb haben wir zunächst Gedichte und Haikus geschrieben. Das hat uns geholfen, uns auch längeren Erzählungen zu öffnen. 

Erinnerung ist nie akkurat, aber sie ist menschlich. Das ist eine Chance für uns alle.
Zum Anfang
Was ist wahr?
Können wir unseren Erinnerungen trauen?
Dürfen wir es so erzählen, wie wir es erlebt haben und erinnern?
Müssen wir unsere Mitmenschen vor unseren Erinnerungen schützen?

In der Aufarbeitungswerkstatt haben wir uns mit diesen Fragen oft beschäftigt. Immer wieder tauchte auch die Frage nach historischer Objektivität auf.
Wir haben für uns gemeinsam entschieden: Es geht uns darum, WIE wir von Unrecht erzählen. Damit Menschen nachfühlen können, was politisches Unrecht bedeutet und welche Spuren es in einer Gesellschaft hinterlässt.

Jedes Mal, wenn wir als Zeitzeugen mit anderen Menschen sprechen, fragen wir uns deshalb frei nach Gerard Genette:
Was können wir wem wie erzählen?

Zum Anfang
Schmerz und Schweigen.
Wir haben uns getraut zu sprechen und  gemeinsam zu trauern. Trauern heißt, die Realität anzuschauen, trauern heißt den Schmerz auszusprechen.
Wir sind nicht nur betroffen von Unrecht, wir sind betroffen vom Schmerz, den Menschen Menschen zufügen können.


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Wir stehen am Anfang. Etwas neues entsteht. 
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" (...) Thus while hate cannot be terminated,
It can be transformed
Into a love that lets us live.

May we not just grieve, but give:
May we not just ache, but act;
May our signed right to bear arms
Never blind our sight from shared harm;
May we choose our children over chaos.
May another innocent never be lost.

Maybe everything hurts,
Our hearts shadowed & strange.
But only when everything hurts
May everything change."

Amanda Gorman, Hymn for the Hurting
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Prof. Dr. em. Jörg Frommer
Prof. Dr. Florian Junne
Johannes Beleites
Yvonne Kalinna
Andre Wagenzik
Michael Vajna
Ilka Lange
Nora Kreis
Dr. Wolfram von Scheliha
Robert Tonndorf
Dr. Christian Genz
Carla Steinbrecher
Anton Kollatz
Maurice Tiepelmann
Alina Degener
Buse Tuatay
Lucie Kiehlmann

Verbundprojekt "Gesundheitliche Langzeitfolgen von SED Unrecht"
www.sed-gesundheitsfolgen.de


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Herausgeber
Beauftragter des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Landesbeauftragter)
Am Schleinufer 12, 39104 Magdeburg
Telefon: 03 91 - 5 60 15 01
E-Mail: info@lza.lt.sachsen-anhalt.de https://aufarbeitung.sachsen-anhalt.de  

Vertretungsberechtigt und inhaltlich verantwortlich
Beauftragter des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Johannes Beleites  

Redaktion, Entwicklung, Durchführung, Koordination, Edition
Elisabeth Vajna  

Texte  
Antje Fleischer, Kerstin Seifert, Lutz Sehmisch, Kornelia Tauschek, Roland Tauschek, Michael Teupel, Elisabeth Vajna  

Gestaltung
Ilka Lange, semio  

Ton
Michael Vajna  

Fotos
Andre Wagenzik  

Aufarbeitung Logo
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Im Schutz der Dunkelheit kam ich in einem Kastenwagen an. Wo genau, wusste ich nicht. Die Fahrt - eingepfercht in einem engen, dunklen Schrank - fühlte sich endlos an. Meine Angst war überwältigend, da ich nicht wusste, was als Nächstes passieren würde. Nur die Erinnerung an den Fernsehturm und den Funkturm, die ich beim Landeanflug auf Schönefeld ausmachen konnte, gab mir Gewissheit, dass die Fahrt in Berlin begonnen hatte. Als die Türen aufgingen, atmete ich schnell die frische Luft ein, eine kleine Erleichterung, die vielleicht nur von kurzer Dauer sein würde. Abgesehen von hellen Scheinwerfern konnte ich nichts erkennen. „Mitkommen, Stehen bleiben“, das waren die einzigen Worte, die man an mich richtete. Es wurden Fingerabdrücke und Fotos von mir gemacht. Die Kameraanlage, so erfuhr ich später, stammte noch aus der NS-Zeit und wurde von den Russen und später von der Stasi übernommen. Anschließend wurde ich zur Effektenkammer gebracht. Ich musste mich nackt ausziehen, durfte mich nicht setzen und stand dort eine lange Zeit. Irgendwann bekam ich einen braunen Trainingsanzug mit gelben Streifen auf dem Rücken und den Hosenbeinen.
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Die Vernehmungen fanden im Verwaltungsgebäude der Staatssicherheit statt, das nur wenige Meter vom eigentlichen Haftgebäude entfernt war. Der „Normie“ (Läufer) brachte die Häftlinge zur Vernehmung. Wie ich heute weiß, musste sich jeder Vernehmer die Vernehmung von seinem Vorgesetzten genehmigen lassen. Auf einem kleinen Zettel war vermerkt, dass man Häftling „23/2“ haben wolle. Der Normie identifizierte mich und lief peinlich genau hinter mir her, um jede mögliche Situation auf dem Weg zu kontrollieren. Plötzlich blieb er stehen und schrie mich an: „Stehenbleiben!“. Er richtete seinen Blick auf das Dach eines Haftgebäudes, wo gerade Dacharbeiten stattfanden. Er schrie die Arbeiter an: „Umdrehen!", damit sie mich nicht sehen konnten. Die Arbeiter befolgten die Anweisung sofort. Nur wenige Sekunden später bekam ich die Order, weiterzugehen. Da der Normie unmittelbar vor mir lief, konnte er nicht sehen, dass ich die Chance nutzte und die Arbeiter ansah. Sie verharrten in Schockstarre. In einem kurzen Durchgang sah ich rechts und links Drähte, die sich durch den ganzen Flur zogen. Wie ich heute weiß, waren das die Sicherheitsdrähte, mit denen in Sekundenschnelle Großalarm ausgelöst werden konnte.
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Ein Wärter führte mich in die benachbarte Untersuchungshaftanstalt. Alles war gespenstisch still; man hätte das Fallen einer Stecknadel hören können. Das Innere des Gebäudes war genau wie in den Filmen: angsteinflößend, mit Zellentüren auf beiden Seiten und einem einzigartigen Geruch, den ich heute als Foltergeruch einordnen würde. Das 1850 als „moderner Strafvollzug“ erbaute Gebäude hatte keine richtigen Fenster, sondern nur Glasbausteine. Die Luft war stickig und schwer, geprägt von Angstschweiß, Urin und Folter. Noch heute, wenn ich 20 Meter entfernt meine Vorträge halte, denke ich oft an die Hunderten oder Tausenden Insassen. An jene, die gefoltert oder zusammengeschlagen wurden, die Selbstmord begingen oder an fehlender medizinischer Hilfe zugrunde gingen – einsam und von jeglicher Zivilisation abgeschnitten. Ich erinnere mich, welche Todesängste ich als Schüler hatte. Den Glauben, lebend herauszukommen, hatte ich aufgegeben. Wochenlang dachte ich, ich sei allein in dem großen Gebäude, da ich niemanden sah oder hörte. Mein einziger Begleiter war die Angst vor der nächsten Stunde. Irgendwann verlor ich mein Zeitgefühl komplett. Ich weiß bis heute nicht, wie lange ich in Einzelhaft war. Die Einsamkeit wurde zur Routine, genauso wie die Angst. Es gab für alles eine Vorschrift. Nachtruhe war vermutlich ab 22 Uhr. Man durfte sich nur auf den Rücken legen, das Gesicht musste frei und unbedeckt sein und die Arme mussten auf der Bettdecke liegen. Ein großer Scheinwerfer über der Tür blieb permanent an. In den ersten Wochen wurde ich immer wieder geweckt, weil ich eine verbotene Schlafposition eingenommen hatte. Manchmal wurde nur gegen die Tür geschlagen, manchmal wurde sie geöffnet und mit dem Gummiknüppel gedroht. Irgendwann gewöhnte sich mein Körper an die vorgeschriebene Haltung und noch heute wache ich oft in der gleichen Position auf.
Zum Anfang
Die unzähligen Vernehmungen fanden zu ganz unterschiedlichen Zeiten statt. Die erste Vernehmung dauerte von etwa 22 Uhr bis in die frühen Morgenstunden. Das System dahinter war unberechenbar und ein Teil des Geheimdienstes, um den Beschuldigten zu verunsichern und einzuschüchtern. Genau das hatte man zumindest bei mir erreicht. Manchmal fanden die Vernehmungen täglich statt, dann wieder in unregelmäßigen Abständen, oder sie blieben für längere Zeit ganz aus. Besonders in der Einzelhaft war es fast unerträglich, wenn ich nicht zur Vernehmung geholt wurde, da ich sonst überhaupt keine Möglichkeit hatte, mit jemandem zu sprechen. So war es nicht verwunderlich, dass ich nach längerer Isolation meinen Vernehmer, den Teufel in Person, anlächelte und mich sogar freute, ihn zu sehen. Er lächelte sogar zurück. Ja, ich war genau dort, wo er mich haben wollte. Heute weiß ich, dass es für einige Zeit keine Vernehmungen gab, weil er zu dieser Zeit (1981) noch auf der Stasi-Schule in der Nähe von Potsdam studierte. Die Vernehmungen waren rückblickend sehr sachlich, aber er stellte mir böse Fallen, die ich in meiner jugendlichen Naivität übersah.
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Nach unbestimmter Zeit ging die Zellentür auf und ein anderer Häftling wurde zu mir verlegt. Er trug einen identischen Trainingsanzug. In den ersten Stunden sprachen wir kein Wort. Wer war dieser Mann? Was hatte das zu bedeuten? Irgendwann nahm Andreas seinen Mut zusammen und stellte sich vor. Von ihm erfuhr ich, dass ich mich in der Staatssicherheit in Halle an der Saale befand – etwas, das mir niemand sagen durfte. Andreas wurde für mich wie ein älterer Bruder. Ich erzählte ihm vieles, was ich bei den Vernehmungen bewusst verschwieg. Wir kannten das komplette Leben des anderen. Er erzählte mir, dass er nach einer Vernehmung richtigen Kaffee und Kuchen bekommen hatte – für mich unvorstellbar. Dreißig Jahre später rief mich jemand von der Gedenkstätte an und teilte mir mit, dass Andreas ein „ZI“ (Zersetzungsinformant) war. Er hatte in seinen Vernehmungen explizit über meine Geheimnisse berichtet.
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Es gab verschiedene Situationen, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt haben, weil sie so absurd waren. Ich erinnere mich, dass ich regelmäßig Briefe an meine Eltern schreiben durfte, was jedoch nicht einfach war. Über meine wahren Gefühle, den Alltag oder die Vernehmungen durfte ich nicht berichten. Mir war bewusst, dass diese Briefe nicht nur von meinem Vernehmer gelesen, sondern auch einen Platz in meiner "historischen Geschichte" finden würden. So lobte ich das Essen in den höchsten Tönen und schrieb sogar, dass es im November noch Tomaten gab, die zwar immer kleiner wurden, aber im normalen Handel wohl nicht einfach zu bekommen waren. Ich fragte, ob man mir bei einem nächsten Besuch etwas Salz in einer Streichholzschachtel mitbringen könnte. Wenige Stunden, nachdem ich diesen Brief abgegeben hatte, wurde ich zur Vernehmung geholt. Er wollte wissen, was das Wort Salz bedeute. Es sei doch ein Codewort. Es war eine der Situationen, die mir bis heute so klar in Erinnerung blieben. Zuerst lächelte ich ihn noch an, dachte, er hätte Langeweile. Doch das war nicht der Fall. Er schüchterte mich von Minute zu Minute mehr ein. „Da steckt doch mehr dahinter“, behauptete er. Meine Gedanken kreisten nur noch um das Wort Salz. Ich versuchte zu analysieren, was er damit assoziieren könnte. Er schlug permanent mit einem Lineal auf den Schreibtisch: „Salz, Salz, Salz...“. Der Brief wurde selbstverständlich nicht verschickt. In seinem Beisein musste ich einen neuen schreiben. Auf dem neuen Brief stand lediglich ein Satz: „Es geht mir gut.“
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Bei einer meiner Vernehmungen sprach er mich auf einen kleinen Zettel an, der bei der Hausdurchsuchung in meinem Zimmer gefunden wurde. Ich hatte vor meiner Flucht vieles vernichtet, besonders die Briefe aus dem freien Deutschland. Diesen kleinen Zettel mit einer Zugverbindung von Prag nach Nürnberg hatte ich wohl so gut versteckt, dass ich ihn selbst vergessen hatte. Wir sprachen über den Interzonenzug. Dann fragte er mich, ob ich denn in Cheb in den Zug eingestiegen wäre, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte. Es sprudelte nur so aus mir heraus: „Ja, selbstverständlich wäre ich in den Zug eingestiegen!“ Später wurde ich unter anderem wegen „mehrfacher versuchter Republikflucht“ verurteilt, weil selbst die Gedanken eines Schülers unter Strafe standen. Dadurch erhöhte sich mein Strafmaß wohl um etwa sechs Monate.
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Die Vernehmungen wurden entweder über ein Magnetband aufgezeichnet oder auf Papier dokumentiert. Bei den Magnetbändern musste ich am Anfang und am Ende des Bandes mit einem speziellen Stift unterschreiben. Das Protokoll auf Papier tippte der Vernehmer selbst auf der Schreibmaschine. Seinen Namen überdeckte er mit einem kleinen Papier, damit ich ihn nicht identifizieren konnte. Ich war natürlich sehr an seinem Namen interessiert. Bei einer dieser Vernehmungen hielt ich das Protokoll in Augenhöhe direkt vor dem Fenster, um das Licht durchscheinen zu lassen. Er blickte kurz verwundert auf, konnte aber nicht einschätzen, was ich vorhatte. Bei seiner Unterschrift machte ich deutlich zwei „p“ in seinem Namen aus.

Als ich später vom amerikanischen Geheimdienst gefragt wurde, ob ich zufällig wusste, wie mein Vernehmer hieß, antwortete ich freudestrahlend: „Ja, wahrscheinlich Nappalitz.“ Der Geheimdienstler sah mich erstaunt an und fragte, wie ich das herausgefunden hatte. Er lächelte zustimmend und bestätigte, dass ich mit dem Doppel-P sehr nahe dran war. Es war dann eine Leichtigkeit, seinen Klarnamen zu finden.

In einer der Vernehmungen platzte es vor Wut und Ekel aus mir heraus: „Haben Sie denn keine Angst, dass ich später einmal davon erzählen werde, was Sie hier Schreckliches machen?“ Nappalitz entgegnete kühl: „Es wird noch viel schlimmer, denn kein Mensch wird Ihnen später glauben.“  
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Die Zelle mit ihren 6 Betten wirkte extrem stickig. Die Glasbausteine als Fenster, versperrten den Blick nach außen. Als Jüngster auf der Zelle bekam ich natürlich ein Bett ganz oben, aber das war ich schon durch Brandenburg gewöhnt. Wir stellten uns der Reihe nach vor, warum wir inhaftiert wurden und aus welchem Gefängnis wir gerade kamen. Die meisten Männer, wohl über 30, kamen entweder aus Cottbus oder aus Bautzen. Ich war der einzige, der aus Brandenburg kam und wurde von den anderen mitleidig beäugt. Wir alle waren uns der Situation zwar bewusst, dass unsere Tage in der DDR gezählt sind, jedoch wussten wir nicht, wann die Ausreise wirklich organisiert werden sollte.  

Ich fragte einen Mithäftling, ob ich auf sein Bett steigen dürfe, weil es mir nicht gut ging und ich etwas frische Luft brauchte. Den Schieber zwischen den beiden Glasbausteinen zog ich schnell zur Seite und steckte meine Nase durch. Die eiskalte Luft in der Nase tat mir gut. Endlich hörte ich auch einige Stadtgeräusche, die in Brandenburg völlig in Vergessenheit geraten waren. Die Strafanstalt dort war so weit von der Stadt entfernt, dass man nichts hörte. Keine lauten Trabbies oder ein Moped -nichts. Absolute Stille. Selbst das Zwitschern der Vögel gab es nicht.  

Hier nahm ich jetzt einige Geräusche wahr und fühlte mich so nah am Leben. Ich fragte mich: Wussten die Leute da draußen vor dem Gebäude warum wir hier drin waren und das wir bald verkauft werden würden? Oder waren wir irgendwelche Häftlinge für die Personen, die draußen in aller Eile zur Arbeit eilten oder in den nächsten Konsum?  
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Nach dem Transport von Brandenburg Görden - wo ich ein Jahr inhaftiert war -  nach Karl-Marx-Stadt, verging die Zeit dort bei der Staatssicherheit nur schleppend. Wir wussten, dass die Tage gezählt sein würden, wir wussten jedoch nicht wann der Tag der Erlösung kommen wird. Eines Tages, die Zellentür wurde geöffnet – sind wir in eine Extrazelle gebracht worden, in der sich einige Tische befanden, jeder bekam ein Blatt Papier und einen Stift. Wir sollten Ausreiseanträge schreiben. Diese hatten wir relativ schnell geschrieben, die DIN-A4-Blätter wurden eines nach dem anderen bei den Mitarbeitern von der Staatssicherheit abgegeben, dann wurde einer nach dem anderen aufgerufen und konnte die Zelle verlassen. Ich hingegen bekam das Blatt zurück: „NEU SCHREIBEN!" Bei dem Ausreiseantrag, den ich um den achtzehnten, neunzehnten Januar 1982 geschrieben hatte, bezog ich mich auf die Schlussakte von Helsinki, in dem Honecker unter anderem unterschrieben hatte, dass jeder DDR-Bürger sein Heimatland verlassen darf. Darauf hatte ich mich bezogen, nur das wollte die Staatssicherheit nicht hören. Das wusste ich in diesem Moment noch nicht und ich schrieb erneut den Antrag, bezog mich wieder auf die Abschlussdokumentation der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) von 1975. Ich gab ab, einige Minuten verstrichen. „NEU SCHREIBEN!" Ok, das möchte hier niemand hören, dachte ich und bezog mich nun auf die Reisefreiheit. Damit waren die Mitarbeiter der Staatssicherheit zufrieden und ich durfte zurück auf die Zelle. Am einundzwanzigsten Januar neunzehnhundertzweiundachtzig war es dann endlich soweit: TAG DES VERKAUFS! Der Bus befand sich bereits im Gefängnishof in Karl-Marx-Stadt. Jeder Häftling wurde einzeln mit dem Namen aufgerufen, was sehr außergewöhnlich war, denn die unendlichen Tage zuvor gab es keine Namen. Wir waren Nummern. Jetzt - am Tag des Verkaufs - hatten wir urplötzlich unsere Namen zurückbekommen. Jeder einzelne Name wurde gesagt. Mit meinem Namen im Gepäck ging ich zum Bus. In der Tür stand Wolfgang Vogel. Er trug eine unauffällige Jacke und blickte seriös. Ich hatte ihn mir anders vorgestellt. Irgendwie schillernder. Wolfgang Vogel wickelte den Häftlingsfreikauf für die Bundesrepublik Deutschland ab. Ich hatte schon von ihm gehört. Er war eine schillernde, wenngleich zwielichtige Person. Nachdem alle eingestiegen waren, stieg auch Dr. Vogel zu. Er schaltete das Handmikrofon des Busfahrers ein und sagte, was wir natürlich alle wussten. Dass die Ausreise aus der DDR und die Einreise in die BRD kurz bevorstehe, dass wir, wenn wir in der Bundesrepublik ankommen, nicht über die Haftzeit erzählen sollten, dass wir nicht zu den Medien gehen sollten, damit der weitere Freikauf politischer Häftlinge nicht gefährdet wird. Wir sollten uns auf der Fahrt zur Grenze ruhig verhalten. Er wünschte uns Alles Gute und verließ dann den Bus. Ich blickte ihm nach und sah, wie er – zusammen mit einer Frau - in einen goldenen Mercedes stieg und vor uns her in Richtung Wartha/Herleshausen fuhr. Die gesamte Fahrt über war es mucksmäuschenstill, ich erinnere mich nur an diesen goldenen Mercedes, von dem ich meinen Blick nicht lassen konnte. Der Bus fuhr mit einem DDR-Kennzeichen. Völlig unauffällig und ohne Aufmerksamkeit zu erzeugen, fuhren wir von Karl-Marx-Stadt zur Grenze, als der Fahrer plötzlich einen Knopf drückte und das Kennzeichen HU (für Hanau) erschien. Der Bus fuhr langsamer, die Hintertür ging auf, ein Mann und eine Frau stiegen aus. Staatssicherheit. Wir jubelten. Nein, die anderen jubelten. Mir flossen die Tränen, ich blickte aus dem Fenster. Ich wusste, wo ich war. Mein Blick fiel auf ein großes, langes Schild. VIEHABFERTIGUNGSANLAGE.
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Die Logik der Stasi bleibt unergründlich. Ich hatte mich damals in den deutschen Botschaften in Prag und Budapest beraten lassen – etwas, was als staatsfeindliche Verbindungsaufnahme oder sogar Spionage hätte gewertet werden können. Warum ich dafür nicht abgeurteilt wurde, weiß ich nicht. Vielleicht ging es nur darum, mich gegen Geld freizukaufen? Wenn ich heute mit meinen damaligen Vernehmern sprechen könnte, würden sie sich wohl kaum an mich erinnern – auf jeden Fall aber sind sie eines: unantastbar. Es gibt Dinge, die sind unlogisch. Aber genau das war der Garant dafür, dass man den Geheimdienst eigentlich nie vollständig einschätzen konnte. Geblieben von all dem ist für mich eine unantastbare Schuld, nämlich die Schuld überlebt zu haben. Ich trage sie bis heute in mir und ich werde sie mit ins Grab nehmen. Von dieser Überlebensschuld kann mich niemand befreien, auch kein Therapeut.
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Die Wächter legen mir an das linke Handgelenk eine Knebelkette. Einer zeigt mir, was passiert, wenn ich nicht spure. Er braucht den in seiner Hand befindlichen Knebelgriff nur wenig drehen, schon zieht sich die Kette eng um mein Handgelenk fest. Ein heftiger Schmerz durchzuckt mich. Die Knebelketten sind schlimmer als Handschellen. Mit dem Gefangenentransporter geht es wieder kreuz und quer durch Leipzig. Beim Aussteigen erkenne ich den Ort wieder. Ich befinde mich vor dem Gebäude des Militärobergerichtes in der Georg-Schumann-Straße. Vier Unteroffiziere führen mich in den Gerichtssaal. Ich spüre die wachsende Anspannung und trete in den Raum. Im selben Moment fühle ich die Hitze in meinem Gesicht. Das Blut schießt mir in den Kopf, rötet die Gesichtshaut. Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich erkenne einige meiner Kameraden, meinen Spieß … und in der ersten Reihe meine Eltern. Verschämt senke ich den Kopf und vermeide jeden weiteren Blick in Richtung Zuschauerreihen. Meine Hände zittern. Die Bauchdecke spüre ich wie im Sturm flattern. Die Richter betreten den Saal. Sie stellen sich als Militärgericht Halle vor. Der Leipziger Militärstaatsanwalt verliest die Anklageschrift. Sie scheint kein Ende zu nehmen. Minuten fühlen sich wie Stunden an. Mein Gehirn schaltet auf Sparflamme und ich nehme nur noch Wortfetzen auf. Die Rede ist von Brandstiftung, von mir als subversivem Element, von Klassenfeind, Sabotage, staatsfeindlichem Verhalten, von Verbindungsaufnahme zu kapitalistischen Mächten. Die aufgenommenen Fetzen geben mir das Gefühl, in ein Loch ohne Boden zu stürzen. Mein Anwalt hat zu der Anklageschrift nichts zu sagen. Ich frage mich, wofür ich ihn bezahle. Er soll mein Verteidiger sein. Vom Vorsitzenden Richter aufgefordert, bekomme ich selbst auch kein Wort über die Lippen. In meinen Augen ist es ein Schauprozess, dessen Ergebnis schon lange vorher feststeht. Ich resigniere und lasse alles über mich ergehen. Nach einer Unterbrechung verkündet das Gericht sein Urteil: Im Namen des Volkes! Drei Jahre und sechs Monate. Freiheitsentzug! Unter mir tut sich der Boden auf. So lange halte ich das im Knast nicht aus. Ein Stupser an meinem Arm reißt mich aus meinen Gedanken. Mein Anwalt raunt mir zu: „Erklären Sie die Annahme des Urteils!“ Ich tue, wie mir befohlen. Auch der Staatsanwalt gibt diese Erklärung ab. Abschließend verkündet der Richter: „Das Urteil ist rechtskräftig! Dem Verurteilten ist das schriftliche Urteil nicht auszuhändigen. Abführen!“ Viele Jahre später erfuhr ich, dass es eine Absprache zwischen meinem Anwalt, dem Staatsanwalt und dem Gericht gegeben hat. Erst fünfundvierzig Jahre später gelang es mir, eine Kopie der Urteilsschrift aus dem Militärarchiv in meinen Händen zu halten.
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Lieber M.,

bevor es mich innerlich zerreißt, muss ich dir heute unbedingt aufschreiben, wie es mir mit deiner bzw. eurer Schlagzeile „VOM TERRORISTEN ZUM PrOphETEN“ erging.

Vier starke Worte, die sehr kraftvoll und tiefgehend sind. Sie beschreiben einen besonders extremen Wandel. Die Worte drücken es nicht direkt aus, aber sie sprechen mich sehr stark emotional an. Sicher auch, weil diese Worte über mich gesagt wurden. Meine erste Reaktion war: knapper kann man wohl kaum mein Leben beschreiben. Ich war fasziniert und empfand es gleichzeitig herausfordernd damit umzugehen. Sie rufen eine intensive Reaktion in mir hervor und regen mich gleichzeitig zum Nachdenken an. Diese vier Worte stellen die erstaunliche Fähigkeit des Menschen zur Veränderung und Vergebung in den Mittelpunkt.  

Sie machen mir aber auch Angst, denn sie berühren sensible Themen. Sicher können sie auch – je nach Blick -  ganz unterschiedlich interpretiert werden. Ich fühle mich betroffen, als Terrorist gesehen zu werden. Es weckt in mir ungute Erinnerungen an die Gerichtsverhandlung 1978 vor dem Militärgericht Halle. Für den Prozess hat man einen extra großen Saal in der Leipziger Georg-Schumann-Kaserne gewählt. Der Saal war brechend voll und ich fühlte mich vorgeführt, im wahrsten Sinne des Wortes. Im Vortrag des Anklägers hörte ich Worte, die mich erschütterten. Erst jetzt, 45 Jahre nach meiner Verurteilung, gelang es mir an die Akten des Militärgerichtes zu kommen. Dort konnte ich aus dem Plädoyer des Anklägers noch einmal diese Worte nachlesen, die sich so sehr in mein Gedächtnis eingebrannt haben. Demnach sei ich ein Verbrecher, der bewusst

„… im zugespitzten Klassenkampf gemeinsam mit den imperialistischen Mächten, insbesondere der BRD, gekämpft hat …, um unsere Entwicklung aufzuhalten, unsere Erfolge zu schmälern, mit der Zielstellung, eines Tages doch noch ihren Herrschaftsbereich auf uns ausdehnen zu können. … Die dabei angewandten Methoden sind vielgestaltig. Eine davon ist, das sozialistische Eigentum anzugreifen, die Basis unserer Entwicklung uns zu entziehen, letztlich Vermögenswerte, die wir uns geschaffen haben, uns zu entziehen. …“

Ich fühlte mich in eine Märtyrerrolle gedrängt. Auch das Urteil selbst, so wurde es vom Gericht verfügt, sollte mir nicht ausgehändigt werden. Ich hatte also nie etwas in der Hand, wogegen ich hätte intervenieren können, oder mit dem ich meinen Wunsch in die BRD ausreisen zu können, hätte untermauern können. Warum erschüttern mich diese Worte noch bis heute? Die Argumentation der Anklage und des Gerichtes fasst in der Tat alles als Angriff auf den Staat zusammen, also Terrorismus, ohne das Wort zu verwenden. Ein terroristischer Kampf gegen die DDR, ähnlich dem Kampf der RAF gegen die BRD. Aber bin ich nun ein Terrorist oder nicht?  

Terroranschläge werden aus politischen, ideologischen oder religiösen Motiven verübt. Die Täter verfolgen ein größeres Ziel, wie die Destabilisierung einer Gesellschaft oder die Verbreitung von Angst und Schrecken. Ja, wenn ich dem Anklageplädoyer folge, dann scheint das in meinem Fall zuzutreffen. Aber es war nicht so. Ich war unzufrieden mit der Entwicklung Ende der 70er Jahre in der DDR. Intellektuelle verließen reihenweise das Land, Künstler wurden ausgewiesen oder durften nicht wieder einreisen. Es baute sich meiner Meinung nach, eine „Kampffront“ gegen alle und alles auf, die wie ich lediglich eine Veränderung erreichen wollten, ohne dabei die DDR „abzuschaffen“. Auf einer SED-Parteiversammlung meiner NVA-Einheit sagte ich einmal: „Wenn Marx und Engels das erleben würden, was hier abgeht, dann würden sie sich im Grabe umdrehen.“ Diskussionen waren nicht zugelassen und ich wurde sofort aus der SED ausgeschlossen. Ich war frustriert, hatte psychische Probleme und war akut gestresst. Meine Beziehung zerbrach, meine Eltern brachen mit mir, weil ich beruflich bei den Sicherheitsorganen der DDR bleiben wollte. Ich befand mich in einem Zustand unkontrollierter Wut und Verzweiflung. In dieser Situation habe ich tatsächlich einen extremen Gewaltakt begangen. Da gibt es nichts zu entschuldigen oder schönzureden. Für mich handelt es sich, schon wegen der vom Terror abweichenden Motivationslage und der Umsetzung der Tat, eher um eine Amoktat, die von plötzlicher und unkontrollierter Wut gekennzeichnet und impulsiv ausgeführt war.

Während meiner mehrmonatigen Therapie 2010 in einer psychiatrischen Klinik, wurde ich mit vielen Dingen aus meinem Leben konfrontiert. Einschneidend war auch die sich immer wiederholende Frage der Oberärztin, wo in mir der Rebell geblieben ist. Den hatte ich gut versteckt. Die Haftzeit und die nach meiner Amnestierung folgenden Zersetzungsmaßnahmen haben mich gebrochen. Ich habe bis heute Angst, mich politisch zu äußern. 2018 wagte ich einen Versuch und trat der von Sahra Wagenknecht gegründeten Bewegung „aufstehen“ bei. Ich war sehr aktiv, beteiligte mich auch an Demonstrationen. Allein die Begleitung der Demonstrationszüge durch die Polizei brachte mich erneut an meine psychische Grenze. Die Polizisten taten mir nichts, sie waren freundlich und ließen auch ihr Verständnis für uns erkennen. Doch sie stellten für mich auch das staatliche Gewaltmonopol dar. Ich hatte Angstzustände, hohen Blutdruck, Bauchschmerzen, Unwohlsein. Ich habe den Rückzug angetreten und erkannt, dass ich solch einem Druck nicht mehr gewachsen bin. Ich erinnere mich auch sehr gut an meine ersten Besuche der Schreibgruppe 2010 an der psychiatrischen Klinik. Das Therapieende nahte und auch damals hatte ich große Angst, nach der Entlassung nicht klarzukommen. Die Klinik war ein Schutzraum. Wie sollte ich ohne diesen Schutz bestehen? Ich selbst nahm mich als Opfer von Gewalt wahr, von staatlicher Gewalt zu DDR-Zeiten. Meine Seele war gebrochen worden. Mitte der 80er Jahre versuchte ich mir mehrmals das Leben zu nehmen. Als die Grenzen sich 1989 öffneten, war ich schon einen Tag später in Westberlin. Ich wollte nicht wieder zurück, traute den Geschehnissen nicht. Was, wenn ich nach Hause fahre und die Grenze wird hinter mir wieder dicht gemacht? Ich hatte Angst, dann wieder auf der falschen Seite zu sein.

Obwohl die Wiedervereinigung für mich ein Glücksfall war und ich mich auch als Gewinner sah, hallten die Zersetzungsmaßnahmen von 1980 bis 88 in mir nach. Ich verhielt mich „ruhig“, wollte nicht auffallen, sprach auch mit meinen Kollegen nicht über das Geschehene. 1994 musste ich bei meinem Eintritt in den Landesdienst alles offenlegen. Die Überprüfung auf eine Stasivergangenheit umfasste wohl aber nur eine aktive Tätigkeit für die Stasi. Ich war aber Opfer. Und dann wollten die Therapeuten in mir den „alten“ Rebellen wecken. Vor diesem Rebellen hatte ich aber Angst. Ich befürchtete vom Opfer zum Täter zu werden, zu einem Amoktäter. Zu solch einen möglichen Wandel gab es objektive Hinweise. Das Klinikpersonal hatte mich beobachtet, dass ich in psychischen Ausnahmesituationen mit meinem Auto viel zu schnell und riskant fuhr, manchmal auch auf Mitpatienten zusteuerte. Ich werde die Stille im Raum und die sichtbare Betroffenheit der Mitpatienten beim Vorlesen eines Textes darüber in einer Schreibgruppe nie wieder vergessen. Dort traf ich auf Menschen, die auf mich vertrauten. Innerhalb von nur 12 Monaten schrieb ich ein Buch mit einem Teil meiner Lebensgeschichte. Der Weg meiner extremen Lebensveränderung wurde sichtbar.

Meine Geschichte zeigt, wie auch die vieler anderer, die Komplexität menschlicher Natur und die Fähigkeit zur Veränderung und zum Wachstum. Da fällt mir ein sehr bekanntes Beispiel ein, nämlich das des Apostel Paulus aus der Bibel. Vor seiner Bekehrung verfolgte er Christen, doch nach einem tiefgreifenden spirituellen Erlebnis wurde er zu einem der einflussreichsten Missionare des frühen Christentums. Das ist eine sehr tiefgreifende Veränderung! Es erinnert mich an die transformative Kraft des persönlichen Wachstums und der Veränderung. Denn Attentäter und Terroristen sind keine »Monster«, sondern Menschen.

Durch meinen Partner fand ich zur Religion, besuchte einen Glaubenskurs und lernte viel über die Sicht der Kirche auf die Welt. In der Osternacht 2019 ließ ich mich taufen, ein unvergesslicher Schritt. Seitdem habe ich auch in meiner Kirchengemeinde Fuß gefasst und beschäftige mich sehr viel mit Spiritualität im Leben. Ich fühle mich nicht als Prophet, denn dieser predigt seinen Glauben. Ich lebe ihn und schreibe manchmal über ihn, ohne andere missionieren zu wollen. Die Angst, wieder Gewalt auszuüben, habe ich während meiner spirituellen Erfahrungen verloren.

Es grüßt dich herzlichst
Lutz
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Vor dem Haus steht ein grauer Kasten-Barkas. Zwei Männer in Zivil warten davor. Ich steige durch die geöffnete Tür in den Kastenaufbau. Die Tür knallt hinter mir ins Schloss. Es ist stockdunkel. Nur mit Mühe finde ich eine Sitzbank. Kein Fenster, keine Lampe ist zu erkennen. Ich taste vorsichtig die Wand ab durch die ich grad eingestiegen bin. Den Türrahmen erkenne ich, aber eine Klinke ist nicht dran. „Gefangen!“, hämmerte es in meinem Kopf. Es ruckt, ich kippe auf der Bank hin und her. Ich habe das Gefühl, dass es kreuz und quer durch die Stadt geht. In kurzen Abständen fahren wir linksrum, dann wieder rechtsrum. Manchmal fühlt es sich wie eine Kehrtwende an. Sehen kann ich nichts und merken kann ich mir den Weg auch nicht. Durch das hin und her habe ich die Orientierung verloren. Der Weg scheint endlos zu sein. Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Plötzlich stoppt der Wagen nach einer scharfen Rechtskurve. Ich höre Stimmen, kann sie aber nicht verstehen. Dann metallisches Quietschen, als ob sich ein Tor bewegt. Das Auto fährt ruckartig an und bremst kurz darauf genauso scharf und rasant. Ich kann mich kaum auf dem Sitz halten. An der Stelle, wo ich die Tür vermutete, öffnete sich ein Spalt. Tageslicht dringt herein. Wortlos winkt mich eine Hand aus dem Kasten. Beim Herausklettern sehe ich an der Seite zwei Uniformierte mit Maschinengewehren auf mich gerichtet. Ich erkenne gerade noch, dass ich auf irgendeinem Hinterhof gelandet bin, umgeben von hohen grauen Gebäuden. Da herrschte mich eine Stimme an. „Kopf runter!“ Ich muss auf das Kopfsteinpflaster schauen, während ich in das Gebäude geführt werde.
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Die erste Vernehmung führte mich an den Rand meiner Kräfte. Sie muss bis spät in die Nacht gegangen sein, denn draußen war es schon sehr lange dunkel. Am Ende wurde ich wieder zu dem Barkas auf dem Hof abgeführt. Wieder schien es kreuz und quer durch Leipzig zu gehen. Viele Jahre später erfuhr ich, dass die Stasi mit solchen „Spielchen“ verwirren und zermürben wollte. Ich werde in ein Kellergeschoss geführt. Es ist ein großer Raum, der in der Mitte leer ist. In den dicken gelb getünchten Mauerwänden sehe ich wuchtige Holztüren. Vor einer dieser Türen muss ich stehen bleiben. Der Wächter steckt einen großen Schlüssel ins Schloss, dreht ihn und schiebt mit lauten Knallen einen Sperrriegel bis zum Anschlag auf. Hinter der Tür erscheint eine karge Zelle. Ich zögere, trete ein, die Tür fällt hinter mir zu. Der Riegel knallt, der Schlüssel rasselt. Ich traue meinen Augen nicht und weiß nicht wie mir geschieht. An der Wand ein Brett hochgeklappt. Das solle eine Liege sein. In dem Raum gibt es keinen Stuhl, kein Waschbecken, einfach nichts, auch kein Fenster. Mit dem Gesicht auf verschränkten Armen lehne ich mich an die Wand. Obwohl ich hundemüde bin, wird mir langsam meine Lage klar. Mir kommen Tränen. Da höre ich schon wieder dieses grässliche Schlüsselrasseln und den knallenden Riegel. Die Tür öffnet sich. Eine ganze Schar von Wächtern steht in der Zelle. Einer hat einen Stapel Kleidung auf dem Arm und wirft ihn auf dem Fußboden in die Zellenecke. Ein anderer herrscht mich an: „Ausziehen, aber alles.“ Ich frage mich, was das jetzt werden soll, bin völlig verunsichert. Schließlich mache ich das, was sie wollen. Stück für Stück lege ich meine Kleidung ab. Ich habe nur noch die Unterhose an. Da brüllt die Stimme schon wieder: „Schneller, alles habe ich gesagt.“ Verschämt ziehe ich auch das letzte Kleidungsstück aus. Ich spüre die Augen der Wächter auf meiner nackten Haut, fühle mich wehrlos und bin mir klar, dass sie jetzt mit mir machen können, was sie wollen. Sie behandeln mich wie das letzte Stück Dreck, von oben herab und verachtend. Einer der Wächter tritt aus der Reihe hervor, bäumt sich vor mir auf. „Mund auf." Er schaut hinein, fährt mit dem Finger über Zunge und Gaumen, guckt anschließend in die Ohren, tastet den Kopf ab. Ich spüre seine Hände meinen Körper abwärts gleiten. Er fasst unter die Arme in meine Achseln. So ein Schwachsinn, ich hab doch gar nichts mehr an. Ich verstehe nicht, was da eine Leibesvisitation noch bringen soll. Doch es hilft nichts. Ich bin geschockt und entsetzt. Der Kerl ekelt mich an. Dieses Gefühl, gegen meinen Willen dort angefasst zu werden, ist so schlimm, dass ich es nicht beschreiben kann. Mir ist speiübel. Nach dieser Tortur darf ich die Gefangenenkleidung vom Boden aufsammeln und anziehen. Die Wächter ziehen ab. Der Riegel knallt, die Schlüssel rasseln und ich bin allein, fühle mich unendlich gedemütigt. Ich hocke mich mit dem Rücken an die Wand. Dann fange ich an zu weinen, ich weine und weine.
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Ich hatte keine zeitliche Orientierung mehr in meiner Zelle. Ich wusste nicht, welcher Tag und auch nicht, wie spät es war. Eine grobe Orientierung hatte ich nur noch, wenn das Licht zur Nacht von den Aufsehern ausgeschaltet wurde und auch durch die Glasbausteine kein Lichtschimmer mehr drang. Diese Groborientierung funktionierte jedoch nur, wenn nicht gerade mal wieder das Licht auch zur Schlafenszeit durchbrannte. Gelegentlich bekam ich Papier gereicht, damit ich ein paar Zeilen an meine Familie schreiben konnte. Die Aufseher sagten mir, dass die Blätter abgezählt seien und ich am Ende genauso viele zurückgeben müsse, wie ich bekommen habe. Einen Stift hatte ich mir schon vor geraumer Zeit ergattert, dann klappte das auch mit dem Papier. Ich dachte, vielleicht hat sich der Aufseher auch nur verzählt. Egal, ich hatte Stift und Papier. Aus der Zeit vor meiner Verhaftung, hatte ich einmal von Amnesty International ein Bild gesehen, das mich in den Bann zog. Zwei gefesselte Hände strebten gen Himmel und schützten in ihren hohlen Handflächen eine Rose, Symbol des Lebens. Ich wollte auch in Freiheit leben und war doch gefangen. Meine von der Stasi eingeschränkten Möglichkeiten fühlten sich wie die beiden gefesselten Hände an. Auch alle meine Versuche, aus der Haft heraus, meine Ausreise aus der DDR in Richtung Westen zu betreiben, hatten keinen Erfolg. Ich hatte das Gefühl, überhaupt nicht gehört zu werden. In all dieser Verzweiflung und dem Schmerz, hatte ich heimlich auf meinem Blatt Papier diese gefesselten Hände gezeichnet, die die nach Freiheit strebende Rose beschützen wollten. Ich hatte noch keinen Plan, wie ich dieses Blatt mit ein paar Zeilen aus dem Gefängnis hätte herausschmuggeln können. Ziel war es, die Nachricht in die Hände von Amnesty zu spielen. Vielleicht konnten die sich für meine Ausreise, meinen Freikauf durch die BRD einsetzen. Doch es kam anders. Bei einer Zellendurchsuchung fanden sie die Zeichnung. Die wütende Reaktion des Vernehmers kam sehr schnell. Ich wurde zu ihm gebracht, er brüllte mich nieder, was mir einfalle. Zu allem käme nun auch noch staatsfeindliche Kontaktaufnahme zum Klassenfeind hinzu. Ich wurde abgeführt und direkt in eine Dunkelzelle gebracht, kein Licht, kein Essen, keine Zeit - nur etwas Wasser. Wie viele Tage ich dort drin war, wusste ich nicht. Wäre es das Ende gewesen, hätte ich das innere Bild der geschützten Rose nicht gehabt?
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Nach der Haftzeit setzte der Staat seinen Druck auf mich fort. Ich durfte mich nicht frei bewegen, mein Wohnort und die Arbeitsstellen wurden vorgegeben. Ich wurde mit allen Mitteln überwacht und kontrolliert, die Ehefrau berichtete regelmäßig der Stasi, das Kind wurde als Druckmittel eingesetzt, die Wohnung wurde abgehört, auf den Arbeitsstellen waren ebenfalls inoffizielle Mitarbeiter der Stasi auf mich angesetzt. Ich wurde psychisch krank, verlor den Lebenswillen und versuchte mich mehrfach selbst zu töten. Zehn Jahre später hörten die Zersetzungsmaßnahmen auf, die DDR hörte auf zu existieren. Doch die Folgen der Zersetzung halten bis heute an. Ich wurde chronisch depressiv, musste in den letzten 25 Jahren mit vielen - auch stationären - Psychotherapien behandelt werden. Die psychischen Leiden lösten viele organische Krankheiten aus, körperlicher Schmerz wurde zum ständigen Wegbegleiter. Meine Familie zerbrach, eine Berufsausübung wurde nicht mehr möglich.
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Als Heranwachsender trat ich in der DDR offen für die Ideale des Sozialismus ein, bis ich bemerkte, dass die Entwicklung dieses Staates immer mehr von diesen Idealen abwich. Ich wollte dazu beitragen, dass sich das ändert und begehrte gegen das System auf. Der Widerstand hatte keinen Erfolg. Auch meine Eltern stellten sich gegen mich, wollten, dass ich wie eine Marionette funktioniere, mich in Ruhe und geduckt den Gegebenheiten beuge. In meiner Verzweiflung brach ich aus dem System aus, fügte dem Staat gewaltsam einen erheblichen Schaden zu und kollidierte zwangsläufig mit der Staatssicherheit. Ich musste dabei erfahren, dass der entstandene Bruch sich nicht kitten ließ. Der Graben schien sogar größer geworden zu sein. Meine Eltern wandten sich während meiner Haftzeit offen von mir ab. Später konnte ich in meiner Akte lesen, dass dies von ihnen verlangt wurde. Während meiner Haftzeit versuchte ich alles, um in die BRD ausreisen zu dürfen. Es gelang mir nicht. Meine Seele war gebrochen, ich war zerbrochen, musste mich der Staatsmacht fügen.
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Verlorenes Licht,
Schmerz flüstert unter der Haut,
Erinnerung brennt.

Stumme Narben glüh’n,
Wellen brechen in der Brust,
Zeit heilt nicht.

Nebel trägt Schatten,
Stille wächst in leeren Räumen,
Schmerz atmet allein.

Blätter fallen sacht,
Echo fern verblasster Namen,
Stille wiegt das Leid.

Wind trägt alte Zeit,
Schmerz ruht tief in müden Gliedern,
Schatten bleiben still.

Mauern ohne Klang,
Schatten schleichen durch die Zeit,
Narben reden noch.

Vergangene Gitter,
Misstrauen wiegt schwer im Herz,
Schweigen rostet tief.

Wunden ohne Blut,
Körper trägt die alte Last,
Seele schweigt im Schmerz.

Erinnerung pocht,
Körper trägt die leise Last,
Zeit webt dunkles Band.

Zum Anfang
Ich stehe am Fenster und schaue hinaus. Düstere Wolken überziehen den Himmel. Es herrscht graues und schmuddeliges Wetter. Mich lockt es nicht raus. Ich spüre die Ungemütlichkeit und frage mich, ob das nun ein gelungener Start ins neue Jahr sein soll. Heute ist der 2. Januar 1995. Ende vorigen Jahres hatte ich noch die Hoffnung, dass das neue Jahr nur Gutes bringen wird. Nach drei Jahren Wartezeit bekam ich endlich eine Einladung nach Halle, zum Gimritzer Damm Nr. 4. Unter dieser Adresse fand man vor sechs Jahren noch das MfS. Jetzt befindet sich dort eine Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen. Drei lange Jahre habe ich gebraucht, mich selbst zu überwinden. Einen schweren Kampf habe ich mit mir selbst ausgefochten. Zu tief sind die Wunden meiner Seele. Nach wie vor stellen sich mir viele Fragen zu den achtziger Jahren. Bis jetzt habe ich nur vage Vorstellungen und Vermutungen, wer mich damals überwacht hat. Nie konnte ich belegen, woher die Herren der Firma Guck und Horch die intimsten Details aus meinem Leben kannten. Die Antworten hoffe ich, in den Akten der Stasi zu finden. Ich will den Deckel zu diesem Kapitel meines Lebens zuschlagen, abschließen können und Ruhe finden. Mit der Akteneinsicht könnte das gelingen. Dann folgen wieder die Zweifel, das Richtige zu tun. Ich könnte zwar erfahren, warum und wer mir die Wunden zugefügt hat. Im selben Moment stellt sich mir aber die Frage, ob ich sie damit nicht wieder aufreiße. Ich habe große Angst vor den Schmerzen. 1992 habe ich mich endlich durchgerungen einen Antrag auf Akteneinsicht zu stellen. Als Betroffener geht das problemlos. Ich möchte die Antworten auf meine Fragen finden. Der Wunsch nach Rehabilitation oder Wiedergutmachung, wie bei vielen anderen Antragstellern, kommt in mir nicht auf. Die Recherche und Aktenaufbereitung durch die Gauck-Behörde muss so aufwändig gewesen sein, dass es noch einmal drei Jahre dauerte, bis ich Einsicht nehmen kann. Heute am ersten Arbeitstag im neuen Jahr soll es geschehen. Es beginnt eine neue Woche. Unbekanntes und Neues liegen in der Luft. Es riecht verlockend und frisch. Aber wenn ich dagegen diese graue, stürmische Wirklichkeit sehe, fröstelt es mich. Ich bin mir nicht mehr sicher, die erwartete Gewissheit zu erlangen. Es grummelt gewaltig in meinem Bauch. Gegen halb neun mache ich mich auf den Weg. Hetzen brauche ich nicht. Um zehn ist der Termin in Halle. An der Außenstelle der Gauck-Behörde angekommen, stehe ich vor einem großen Bürogebäude aus Stahl und Glas. Es leuchtet rot und wirkt auf mich übermächtig. Es strahlt noch immer beängstigend den Geist seiner einstigen Herren aus. Zuvor habe ich diese Gegend noch nie gesehen. Je mehr ich mich dem Eingang nähere, desto furchteinflößender ist die Wirkung dieses Baues. Mit zitternden Händen nestele ich das Einladungsschreiben aus der Tasche und reiche es dem Pförtner durch den schmalen Schlitz in der Glasscheibe. Er nickt verständnisvoll. Den Personalausweis will er sehen. Es dauert eine Ewigkeit, ehe ich dieses blöde Ding finde und ihm reichen kann. Dann summt die Tür neben mir. Ich folge der Handbewegung des Mannes hinter der Glasscheibe und betrete den Flur. Ich soll im Wartebereich Platz nehmen. Es komme jemand, der sich um mich kümmern wird. Noch bevor ich auf einem der Stühle Platz nehmen kann, drängt sich mir so ein ganz eigenartiger Geruch in die Nase. Ich rieche noch einmal bewusst. Jetzt erinnere ich mich! Es ist der gleiche muffige Geruch, den ich schon damals bei meiner Verhaftung in der sogenannten Leipziger Runden Ecke wahrgenommen habe. Ich finde merkwürdig, dass rund sechs Jahre nach dem Ende der DDR immer noch Stasidunst durch die Flure wabert. Der freundliche Klang einer Frauenstimme, die meinen Namen nennt, reißt mich aus den Erinnerungen. Gott sei Dank! Ich folge der Frau durch einen langen, halbdunklen Flur. Sie führt mich in einen größeren Raum. Sie erklärt mir, dass dies der Leseraum sei. Sie bittet mich um meine Tasche und meine Jacke. "Ja aber ich habe da mein Schreibzeug drin."  " Das glaube ich Ihnen gern. Aber aus Sicherheitsgründen müssen Sie alle persönlichen Gegenstände abgeben. Es ist hier in diesem Raum verboten zu telefonieren oder zu fotografieren. Wenn Sie sich Notizen machen möchten, können Sie dies gern tun. Wir haben Ihnen einen Block und einen Stift am Platz bereitgelegt." Mir bleibt nichts, als mich zu fügen. Eine andere Frau verschwindet mit meiner Jacke und der Tasche wortlos nach nebenan. Jetzt stehe ich an dem vorbereiteten Tisch. Dort liegt nur ein Schreibblock und ein Kugelschreiber, parallel zur Tischkante ausgerichtet. Neben dem Tisch steht ein kleiner Rollwagen mit einer Reihe Ordner. Mein Blick schweift durch den Raum. Vier weitere Plätze sehe ich. An einem sitzt ein älterer Herr versunken in die Tiefe des Ordners vor ihm. Der Kopf scheint so schwer zu sein, dass er ihn mit beiden Händen aufstützen muss. Die Frau zeigt auf die Ordner und spricht ganz leise zu mir. "Dies sind die aufgefundenen Akten zu Ihrer Person. Sie haben jetzt den ganzen Tag bis 16 Uhr Zeit, darin zu lesen. Aus Datenschutzgründen mussten alle Namen von Personen, die mit Ihrem Fall nichts zu tun haben, geschwärzt werden. Die Decknamen der IM und hauptberuflichen MfS-Angehörigen sind aber lesbar. Wenn Sie Interesse an den Klarnamen haben, können Sie einen Antrag auf Recherche und Entschlüsselung der Decknamen stellen. Das Ergebnis senden wir Ihnen dann per Post zu. Auf dem bereitliegenden Block können Sie sich Notizen zu den Seiten machen, von denen Sie eine Kopie haben möchten. Wenn Sie zwischendurch noch Fragen haben, können Sie die gern stellen. Ich sitze die ganze Zeit dort vorn."  Viel war es ja nicht, was sie da grad erzählt hat. Aber ich verstehe nur Bahnhof. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Ich sitze jetzt hier vor meiner Stasiakte und kann darin blättern und lesen. Aber bitte schön unter Aufsicht, damit ja nichts fotografiert oder abgeschrieben werden kann. Ich fühle mich wie damals im Knast. Wenn ich Besuch empfangen durfte, dann nur unter Aufsicht. Automatisch dreht sich mein Kopf Richtung Fenster. Genau, … was ich jetzt erblicke, rundet das Bild noch ab. Die Fenster sind vergittert!  ...
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Heute ist wieder so ein Tag. Die Gedenkstätte Moritzplatz in Magdeburg und die Runde Ecke in Leipzig hatte ich in den letzten Jahren schon besucht. In beiden Erinnerungsstätten für die Opfer politischer Gewalt in der DDR, ging es mir nicht gut. Die Räumlichkeiten holten Bilder meiner Haftzeit zurück. Sogar den Geruch in den Zellen und auf den Fluren konnte ich wahrnehmen. Angst stieg auf, Schweiß trat nicht nur auf die Stirn, mein Kreislauf spielte verrückt.

Ob mir das heute auch wieder passieren wird? Vor vier Wochen bekam ich eine Einladung zu einer politischen Bildungsveranstaltung. Eine Führung mit anschließendem Gespräch in der Gedenkstätte Roter Ochse in Halle wurde angeboten und ich meldete mich an. Mein Mann wollte mich das erste Mal begleiten. Das gab mir Sicherheit. Ich brauchte nicht allein zu fahren. Ich wollte ihm unbedingt solch einen Stasi-Schauplatz zeigen. Ich weiß, dass es etwas ganz anderes ist, wenn man in solch einer Zelle steht und ehemalige Gefangene erzählen, wie sie den Tagesablauf während der U-Haft erlebt haben, wenn sie berichten, dass sie tagsüber in den kleinen Räumen nur mit Glasbausteinen als Fenster, sich nicht hinsetzen durften. Hinlegen ging sowieso nicht, weil die Pritsche an die Wand hochgeklappt war und nachts, wenn sie hätten schlafen können, zur Vernehmung geholt wurden. Man spürt regelrecht ihre Qualen. Ich musste das erleben. Die Angst vergeht nicht, sie verblasst auch nicht.

Gestern Abend begann dann alles anders zu werden. Mein Mann, seit vielen Jahren gesundheitlich stark eingeschränkt, hatte das Gefühl, dass ihn das alles überfordern würde. Und so mache ich mich heute Morgen allein auf den Weg. Um mich nicht selbst zu überfordern, lasse ich das Auto stehen und benutze die Bahn.

Es ist herrlicher Sonnenschein und zum Glück scheint die extreme Hitze der letzten Tage vorbei zu sein.

10 Uhr soll die Führung durch die Gedenkstätte beginnen. Ich bin viel zu zeitig da und auch fürchterlich aufgeregt. Ich stehe vor dem Gefängnisgebäude und mir ist schlecht. Ich betrachte das Gebäude von der Straße und stelle fest, dass es für mich überhaupt keinen übermächtigen beängstigenden Eindruck macht. Ein roter Backsteinbau inmitten eines idyllischen Stadtviertels, umgeben von mondänen Villen. Diesem Bild steht der Stacheldraht auf den Außenmauern völlig entgegen. Es ist eine bizarre Mischung von traumhaften Villen und abgeschotteten Gebäuden. Schilder weisen darauf hin, dass hier der Teil einer JVA ist. Ich bin irritiert. Ich hatte noch nie gehört, dass ein ehemaliges Stasigefängnis auch heute noch als Haftanstalt genutzt wird.

Alles ist so widersprüchlich. Ich spüre zwar keine Angst, aber ich schwitze wie verrückt. Es ist nicht heiß, doch der Schweiß rinnt mir in Bahnen den Nacken entlang. Ich weiß nicht, was mich jetzt erwartet.

Etwa 14 Leute versammelten sich im Eingangsbereich. Es sind jüngere dabei, die bestimmt erst nach der Wende geboren wurden. Vielleicht haben sie schon einmal etwas davon gehört, was Menschen passiert ist, wenn sie sich nicht „staatskonform“ verhalten haben. Andere wiederum gehörten vermutlich meiner Generation an. Wer weiß, was sie für Erfahrungen mit der Stasi gemacht haben.

Wir werden von einem Museumspädagogen abgeholt und in einen Seminarraum gebracht. Wir gehen an seltsam blau angemalten Zellentüren eines sehr alten Gefängnisbaus vorbei. Die Flure sind weiß getüncht und erinnern mich überhaupt nicht an die, die ich 1979 in Leipzig selbst erlebt habe. Der Treppenaufgang ist frei und ungehindert passierbar, keine Gitter, keine Gittertüren am Anfang und Ende einer Treppe. Kein typischer Geruch von damals, es wirkt alles steril auf mich.

Schon bei den einführenden Worten wird mir klar, dass es in dieser Gedenkstätte nicht nur um die Zeit als Stasi-Untersuchungshaftanstalt geht. Der Rote Ochse wurde schon 1842 als Strafanstalt eröffnet. Bereits nach der Revolution 1848/49, in der Zeit des entstehenden Nationalstaates und der autoritären Militärmonarchie wurden hier aus politischen Gründen verurteilte Menschen inhaftiert, ebenso während der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik. Von 1942 bis zum Kriegsende wurden nicht nur hohe Haftstrafen, sondern auch 549 Todesurteile an politischen Gefangenen vollstreckt. Erst ab 1950 nutzte das MfS einen Teil der Gebäude als Untersuchungshaftanstalt.

Das erschreckt mich sehr, dass an diesem Ort nicht nur in der DDR, sondern seit Errichtung vor über 150 Jahren, Menschen für ihre politische Gesinnung abgestraft wurden.

Der Rundgang beginnt in dem Gedenkraum, in dem die Nazis Todesurteile vollstreckten. Ein Raum ohne jegliche Gegenstände, im Boden nur eine Fläche von zwei Quadratmetern. Originalsteinfußboden unter Glas, in der Mitte der Abfluss über den das Blut der Getöteten ablief. Ein seltsam schauriges Gefühl überkommt mich.

In den anderen Räumen wird überwiegend die sowjetische Nutzung nach Kriegsende und durch das MfS auf Schautafeln dargestellt. Einzelschicksale, die vor meiner Inhaftierungszeit liegen. Wenige Haftzellen sind Nachbauten, keine Originalorte und mit Mobiliar ausgestattet, welches ich so nicht kenne. Also frage ich nach und bekomme bestätigt, dass die Zellen so in den 50er und 60er Jahren eingerichtet waren.

Meine Frage weckt die Aufmerksamkeit anderer aus der Gruppe. Ich werde gefragt, ob ich eigene Erfahrungen gemacht hätte. Mir wird klar, dass keiner der anderen selbst inhaftiert oder verfolgt wurde. Sie stellen mir viele Fragen und hören interessiert zu. Anfangs ist meine Stimme rau und brüchig, versagt manchmal. Zunehmend fällt es mir leichter zu erzählen. Die Angst weicht. Ich soll erzählen, wie ich die U-Haft erlebt habe, wie der Tagesablauf war, wie das mit den Vernehmungen war, was mir Angst gemacht hat.

Ich werde sicherer und berichte auch ausführlich von den Erlebnissen nach meiner Amnestierung. Die meisten können sich nicht vorstellen, was es bedeutet, der auf den Schautafeln dargestellten Willkür ausgesetzt zu sein. Ich spüre Betroffenheit, wenn ich von der ständigen Überwachung erzähle, den Wanzen in der Wohnung, mit denen ich abgehört wurde, den Drohungen, das Kind wegzunehmen, den Reisebeschränkungen und den von der Stasi vorgegebenen Arbeitsstellen.

Ursprünglich dachte ich, mich mit den auftauchenden Bildern aus dieser Zeit ein weiteres Mal mit meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die erwarteten Eindrücke erfüllen sich jedoch nicht.

Dafür passiert etwas anderes. Ich mache mich mit dem Gedanken vertraut, als Zeitzeuge zu arbeiten. Es wird mir sicher schwerfallen, weil es etwas ganz anderes ist, als über die Erlebnisse zu schreiben und öffentlich zu lesen. Interaktiv in Gespräche zu gehen, ermöglicht es mir, meine erfahrenen Demütigungen und anhaltenden Ängste besser zu überwinden. Die Gespräche im Roten Ochsen zeigen mir auch, dass solche gut geeignet sind, die Menschen für die aktuellen Geschehnisse zu sensibilisieren. Verfolgungen und Ausgrenzungen aus politischen Gründen müssen wir entgegenwirken.
 

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Ich greife mir den ersten der Ordner, lege ihn vor mich hin und schlage ganz vorsichtig und bedächtig den Aktendeckel auf. Ich bin so vorsichtig, als ob ich Angst habe, dass mich gleich eine Maus anspringen könnte. Angst, … das stimmt. Aber nicht vor einer Maus, sondern vor einem Geist, den Schatten der Vergangenheit. Es ist die Angst, dass er mich ergreift und in die Tiefe der dunklen Vergangenheit zieht. Angst, etwas zu erfahren, was ich bisher nicht wahrhaben wollte. Ich fange an, mich durch das Papier zu wühlen, blättere Seite für Seite um. Manches überfliege ich nur. Ich bin erstaunt mit welcher pedantischen Akribie Informationen jeglicher Art zusammengetragen wurden. Ich finde Protokolle von Gesprächen, Notizen und Vermerke über Begebenheiten, die ich längst vergessen habe. Selbst die banalsten Sachen finde ich in den Ordnern wieder, zum Beispiel was ich nach einer Urlaubsreise den Kollegen auf Arbeit darüber erzählt habe, wann welche Post von wem an mich geschickt wurde. Es sind viele Dinge, die ich nie für möglich gehalten habe und die mich erschüttern. Die dabei dokumentierten Decknamen der IM geben mir dabei nicht mal Rätsel auf. Viele kann ich schon anhand des Inhaltes der Berichte genau zuordnen. Die Akten bestätigen mir meine damaligen Vermutungen. Je mehr Gewissheit ich bekomme, umso mehr vertiefe ich mich in die Ordner. Und dann stoße ich auf Seiten, bei deren lesen mein Herz anfängt zu rasen. Ich spüre Hitze in mein Gesicht schießen. Wie kleine feine Nadelspitzen brennt es auf der Haut. Ich stütze meinen Kopf mit beiden Händen auf dem Tisch ab. Der Text verschwimmt vor meinen Augen, weil sie sich mit Tränen füllen. Ich will diese schrecklichen Vermerke nicht mehr sehen. Es brechen nicht nur alte Wunden auf. In diesem Moment wird meiner Seele gerade eine neue Wunde beigefügt. Es ist wie ein Messerstich mitten ins Herz. Die Informationen sind unter einem weiblichen Decknamen dokumentiert. Die eben gelesenen Informationen beziehen sich auf mein intimstes Familienleben. Ich habe nun auf meine dringendste Frage die Antwort gefunden. Schon damals habe ich mich immer gefragt, woher Vorgesetzte derartige Details wissen konnten. Bislang glaubte ich, dass die Lösung allein in den aufgefundenen Abhörwanzen liegt. Doch jetzt muss ich zur Kenntnis nehmen, dass diese Informationen auch von meiner Ex-Ehefrau kamen. Es gibt für mich keinen Zweifel. Diese Erkenntnis hat eine totale Schockwirkung auf mich. Es ist der größte Vertrauensbruch, den ich mir überhaupt vorstellen kann. Das Lesen meiner Akte scheint mich retraumatisert zu haben.
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Schmerz erzählt, was Worte nicht fassen können. Ein Erinnern, das nicht vergeht, ein Schatten, der die Gegenwart durchdringt.
Ich trage ihn mit und hoffe auf Linderung, auf Vergessen – und weiß dennoch, manche Schmerzen heilen nicht, sie werden nur leiser.
Schmerz ist nicht nur Erinnerung, sondern wird zu einem unauslöschlichen Bestandteil des eigenen Seins.

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1.
Was hätte sein können,
verhallt wie ein ferner Klang -
Stille bleibt zurück.
2.
Ideen fallen
wie Blätter im Herbstwindspiel -
Wurzeln bleiben still.
3.
Brüche durchziehen
meinen Lebensweg
kein Laut, nur Verlust


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Kintsugi. Zerbrochene Keramiken oder andere Gegenstände werden repariert, indem man die Risse mit Gold hervorhebt, anstatt sie zu verstecken. Ich hatte zuvor noch nie davon gehört. Es faszinierte mich so sehr, dass ich noch am gleichen Abend im Internet recherchierte.
Ich las, dass dieses Handwerk eng mit der japanischen Philosophie verbunden ist. Die Verletzlichkeit, Vergänglichkeit und Schönheit in Unvollkommenheit wird zelebriert. Brüche und Reparaturen sind Teil der Geschichte eines Objektes oder aber auch einer Person, die dadurch noch wertvoller werden.
Diese poetische und inspirierende Sichtweise hat mich gepackt. Mein Gedankenkarussell fing an, sich zu drehen.
Mein eigenes Leben ist von vielen gravierenden Lebensbrüchen gezeichnet. Für andere oft nicht nachvollziehbar, machte ich einige abrupte Kehrtwendungen und hatte oft selbst damit schwer zu kämpfen. Situationen, an denen ich verzweifelte, gar zu zerbrechen drohte, führten dazu, dass ich spontan dieses Leben verließ und einen Neustart versuchte. Doch die Abschnitte des vermeintlichen Scheiterns waren nicht gelöscht. Sie wirkten nach.
Als Heranwachsender trat ich in der DDR offen für die Ideale des Sozialismus ein, bis ich bemerkte, dass die Entwicklung dieses Staates immer mehr von diesen Idealen abwich. Ich wollte dazu beitragen, dass sich das ändert und begehrte gegen das System auf. Der Widerstand hatte keinen Erfolg. Auch meine Eltern stellten sich gegen mich, wollten, dass ich wie eine Marionette funktioniere, mich in Ruhe und geduckt den Gegebenheiten beuge. In meiner Verzweiflung brach ich aus dem System aus, fügte dem Staat gewaltsam einen erheblichen Schaden zu und kollidierte zwangsläufig mit der Staatssicherheit. Ich musste dabei erfahren, dass der entstandene Bruch sich nicht kitten ließ. Der Graben schien sogar größer geworden zu sein. Meine Eltern wandten sich während meiner Haftzeit offen von mir ab. Später konnte ich in meiner Akte lesen, dass dies von ihnen verlangt wurde. Während meiner Haftzeit versuchte ich alles, um in die BRD ausreisen zu dürfen. Es gelang mir nicht. Meine Seele war gebrochen, ich war zerbrochen, musste mich der Staatsmacht fügen.
Nach der Haftzeit setzte der Staat seinen Druck auf mich fort. Ich durfte mich nicht frei bewegen, mein Wohnort und die Arbeitsstellen wurden vorgegeben. Ich wurde mit allen Mitteln überwacht und kontrolliert, die Ehefrau berichtete regelmäßig der Stasi, das Kind wurde als Druckmittel eingesetzt, die Wohnung wurde abgehört, auf den Arbeitsstellen waren ebenfalls inoffizielle Mitarbeiter der Stasi auf mich angesetzt. Ich wurde psychisch krank, verlor den Lebenswillen und versuchte mich mehrfach selbst zu töten. Zehn Jahre später hörten die Zersetzungsmaßnahmen auf, die DDR hörte auf zu existieren.
Ich ergriff die Chance, mir ein neues Leben aufzubauen. Dabei setzte ich alles daran, meine bisherige Geschichte auszublenden. Ich begann Ende der 90ziger Jahre im Landesdienst zu arbeiten, war erfolgreich. Doch die Haft und die Zersetzungsmaßnahmen haben tiefe Narben hinterlassen. Die Depressionen kehrten immer wieder zurück. In langen Therapien lernte ich mit diesen Verletzungen umzugehen. Schließlich habe ich meine vermeintliche Karriere beendet. Auch meine zweite Ehe zerbrach, mein Leben war ein einziges Chaos. Ich flüchtete aus meiner Heimatstadt und begann wieder einmal ein neues Leben, völlig entgegengesetzt allem bisher gewesenen. Eine erneute tiefe Bruchstelle entstand. Doch dieses Mal versuchte ich sie nicht zu kaschieren. Ich stehe zu meinen Lebensbrüchen und erzähle sie. Meine Arbeit in verschiedenen Autoren- und Schreibgruppen ist mir dabei sehr hilfreich. Neu hinzugekommen ist auch die Zeitzeugenwerkstatt beim Landesbeauftragten Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Und da schließt sich wieder der Kreis zum Kintsugi-Handwerk.
Ich habe die Scherben meines Lebens nicht einfach nur wieder zusammengeklebt und repariert. In einem immer noch anhaltenden langen Arbeitsprozess versehe ich sie mit einem besonderen Lack. In diesem Lack ist wie in der japanischen Handwerkskunst feinstes Goldpulver untergemischt. Die Linien meiner Lebensbrüche werden damit nicht mehr kaschiert, sondern hervorgehoben. Die Bruchstellen meines Lebens glänzen plötzlich golden. Sie entsprechen den Narben, die meine Geschichte erzählen. Die mit meinem Leben gefüllte Kintsugi-Schale zeigt: Ich bin an verschieden Stellen gebrochen. Ich habe vieles überstanden. Es hat Mühe und Zeit gekostet, wieder ganz zu werden. Und man wird es immer sehen. Ich bin nicht wie vorher. Sie wird durch die vergoldeten Risse sogar noch wertvoller.

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die T

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In der „Freizeit“ rangen die in Hoheneck inhaftierten Frauen, die ihre Kinder hinter sich lassen mussten, durch sticken, malen, häkeln etc. um die Bewältigung ihrer Gefühle
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Marina, die mit meiner Frau zusammen fünf Monate in Halle im „Roten Ochsen“ und dann 11 Monate in Hoheneck war, hat diesen untenstehenden Brief kurz vor ihrer Inhaftierung von ihrer Chefin bekommen.
Du kannst ihn lesen. Vielleicht möchtest Du auch schreiben, wie er auf Dich wirkt.

Sehr geehrte Frau Friedrich!
Wir haben Kenntnis davon erhalten, dass Sie 1983 den Antrag auf Ausreise aus der DDR gestellt haben. Wir haben versucht, uns mit Ihren Motiven zu diesem Schritt auseinander zu setzen und Argumente zu finden, die Ihre Lebensentscheidung recht-fertigen. Es ist uns aber nie gelungen, auch nur ein Argument zu finden, welches für Sie spricht.
Frau Friedrich, Sie sind Jahrgang 1957. Hineingeboren in unseren sozialistischen Staat, der Ihnen vom 1. Lebenstag an soziale Sicherheit, Geborgenheit, Bildung und Frieden garantiert.
In Ihrer beruflichen Entwicklung hatten Sie sogar die Chance, zwei Berufsabschlüsse zu erlangen.
So nehmen wir doch an, dass die Arbeit als Krippenerzieherin in der Kindergruppe Rosa Thälmann ganz Ihren Vorstellungen und Neigungen entsprach. Es gehört ja auch zu Ihren schönsten Aufgaben, Kinder im Sinne unserer sozialistischen Gesellschaft zu formen und zu bilden. Und sicher teilen Sie mit uns die Meinung, dass unsere Kinder unser wertvollstes Gut sind und es sich lohnt, sie mit aller Liebe aufzuziehen. In Ihrem Kollektiv waren Sie ein geschätztes Mitglied und hatten als Gruppenleiterin eine verantwortungsvolle Aufgabe zu erfüllen.

Daraus können wir ersehen, dass Sie alle Möglichkeiten für Ihre Persönlichkeitsent-wicklung erhielten. Wir können überhaupt nicht verstehen, dass Sie, Frau Friedrich, eine solche schwerwiegende Fehlentscheidung für sich und Ihre beiden Kinder treffen konnten.

Was glauben Sie, was Sie und Ihre Kinder in dieser kapitalistischen BRD erwartet? Arbeit? Soziale Sicherheit? Verständnis? Hilfe und Geborgenheit und Anerkennung im Kollektiv? In der Hausgemeinschaft?
Nichts von alledem werden Sie erleben dürfen. Sie werden einsam sein und auf sich allein gestellt. Dort herrscht die Devise – jeder ist sich selbst der Nächste.

Die BRD kann mit ihrem kapitalistischen Gesellschaftssystem die Probleme ihrer eigenen Bürger nicht lösen, geschweige denn die der einreisenden Ausländer.

Überdenken Sie Ihren Entschluss und bei gründlicher Überlegung werden Sie erkennen, dass nur die sozialistische DDR die Heimat für Sie und Ihre Kinder sein kann.

Text/Original/Wortlaut/Orthographie Helga Meyer/Krippenleiterin der DDR. Der Brief ist gerichtet an Marina Friedrich.


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Karina malt ein Bild für die inhaftierten Eltern
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Nun stehe ich am Bahnhof in Saalfeld. Mein Kopf ist zu einer Kamera geworden. Ich schwenke links, dann schwenke ich wieder rechts. Ich laufe ein Stück weiter bis zur Mitropa, gehe hindurch und trete hinaus auf den Bahnhofsvorplatz.
Genau hier, wo auch die Busse parken und wo sich eine Straße entlang zum Bahnhofsvorplatz hinschlängelt, genau auf dieser Straße müsste ja das Taxi - vereinbarte - gefahren kommen.
Es ist nun wenige Minuten vor 6:00 Uhr. Mein Herz klopft. Ich gehe ein paar Schritte aufwärts, dann wieder ein paar Schritte abwärts. Vergeblich, ich sehe weder ein Taxi, noch ein bekanntes Gesicht. Hoffentlich stört die Staatssicherheit die Übergabe nicht.

Mein Kopf pocht. Hastig blicke ich auf meine Uhr. Die Zeit rennt schneller, als ich sie fassen kann. Sie müssten eigentlich längst da sein.
Ein älterer Herr läuft mit einer aufgeschlagenen Zeitung an mir vorbei. Ist der vielleicht ein Mitarbeiter der Staatssicherheit? Einer, mit einem Parteiauftrag, der alles beobachten und protokollieren soll?
Ein Moskwitsch nähert sich dem Bahnhof. Doch das Auto fährt an mir vorbei – ich sehe gerade noch die Schlusslichter. 
Mir wird ganz heiß. Ein beklemmendes Gefühl macht sich breit. Ich fühle die Panik aufsteigen.
Aus einem nahen Schornstein steigen dicke schwarze Wolken in den morgendlichen Himmel.
Alte klapprige Trabants knattern entlang der Straße. Auch sie hinterlassen vor allem eines: dicken Qualm. Umweltschutz Fehlanzeige. Es ist Alltag in Saalfeld.  
In meinem Kopf herrscht nur eins: Alarmstimmung.
Gleich ist es viertel sieben. Was soll ich nur machen? Ich kann niemanden ansprechen, ich kann niemanden fragen. Keiner kann mir jetzt helfen. Mir wird übel. Ich bleibe auf der Stelle stehen und atme ein paar Mal tief ein und versuche stark zu sein.
Dann mache ich wieder ein paar Schritte vorwärts, ein paar Schritte rückwärts. Inzwischen zittere ich am ganzen Körper.

Wieder kommt ein Auto gefahren. Diesmal ist es ein Taxi. Ein Taxi, huscht es mir durch den Kopf. Mit einem Taxi müssen sie ja kommen! Es fährt langsam, es fährt Schritttempo, es muss ortsfremd sein. Der Chauffeur sucht!  Auf einmal sehe ich meine Mutti im Taxi sitzen, dann den Opa hinter der Windschutzscheibe. In meinen Augen sammelt sich Wasser. Das Taxi bringt mir mein Kind!
In mir fährt alles Achterbahn, das Bild rückt schlagartig näher, mein Herz springt. Dann bleibt das Taxi stehen. 50 Meter vor mir. Der Chauffeur schaltet den Motor aus. Ich bleibe stehen. Ich halte Abstand. Türen öffnen sich vorsichtig. Karina ist die erste, die die Oma rausschiebt. Oh, Gott, mein Kind!
Ich muss ein paar Mal kräftig schlucken. Sie macht einen erschütternden Eindruck. Mein kleines Mäuschen wirkt so zart und zerbrechlich und ist doch so groß geworden. Ich traue fast meinen Augen nicht. 19 Monate habe ich sie nicht gesehen.
Meine Eltern verlassen zum Schluss das Taxi. Offensichtlich hat Karina mich noch nicht gesehen. Meine Mutti zeigt mit dem Finger auf mich.
„Schau, Karina, da vorne steht die Mutti!“
Karinas Bewegungen sind langsam und von Schwermut geprägt. Sie dreht sich ein Stück seitwärts und sieht mich stehen. Ich gehe einige Schritte auf sie zu. Sie bewegt sich nicht. Ich gehe noch ein Stück weiter, dann bleibe ich wieder stehen. Ich sage ihren Namen: Karina? Wir sehen uns an.

Sekunden werden zu Minuten. "Karina?", sage ich jetzt lauter. Es sind zirka 30 Meter die uns trennen. Karina steht noch immer starr und unbeweglich, Trauer liegt auf ihrem schmalen Gesicht. Ich bin aufgeregt, ich bin in Sorge. Zwischen uns steht alles still.  

Es ist als würde sich alles noch einmal wiederholen, meine Verhaftung vor ihren Augen. Damals hatte ich ihr zugerufen: "Tschüss, meine Maus, wir sehen uns heute Abend wieder."

Ich blicke noch immer auf ihr kleines Gesicht. Das Licht in ihren Augen wirkt getrübt, ihre Wangen sind weiß wie Schnee. Schlapp hängen ihre beiden Arme an ihr herunter. Sie trägt ein helles Kleid. In ihren Ohrläppchen stecken noch immer die beiden schönen Ohrringe, mit einem Marienkäfer, die sie damals getragen hat.

„Ach komm Karina, das ist gar nicht deine Mutti,“ sagt meine Mutti plötzlich. Der Satz war viel, zu viel. 

„Neiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin“, schreit Karina aus vollem Hals, so laut, dass die im Winkel meiner Augen stehenden Passanten ihre Köpfe wenden. Ich sehe mein Kind schreien, so wie ich sie noch nie schreien gesehen habe. Ihr Mund ist weit aufgerissen, ihre Augen voller Furcht und ihr kleiner Körper zittert vor Anstrengung.

Sie kommt angerannt, als wollte sie fliegen. Sie stürzt sich in meine offenen Arme und umschlingt mich und ich halte und wärme mein zitterndes Kind ganz fest.


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